Aufmarsch in der "fünften Dimension des Krieges"

10. Juni 2011, 18:23
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Mit der Stuxnet-Attacke auf iranische Nuklearanlagen ist der Cyberkrieg in eine neue Ära getreten

Queen Elizabeth II Centre, Westminster, London. Der große Saal im dritten Stock ist in ein suggestives Blau getaucht. An den Wänden leuchtet eine Weltkarte der digitalen Vernetzung mit Europa, den USA, Südafrika, Teilen Chinas und Lateinamerikas als hellen, hochtechnisierten, gefährdeten Flecken.

Cyberkrieg

Michael Chertoff ist da, der frühere US-Heimatschutzminister. Microsoft-Sicherheitschef Scott Charney, Natalia Kaspersky von der gleichnamigen russischen Softwareschmiede und Latha Reddy, Indiens Vize-Sicherheitsberaterin, sind gekommen. Insgesamt hat das EastWest-Institute fast 500 führende Experten zusammengerufen, um ein Problem zu besprechen, das gewiss mehr Menschen betrifft als jene zwei Milliarden, die zuletzt der glamourösen Vermählung von William und Kate nur einen Steinwurf entfernt in der Westminster Abbey zugesehen haben: Es geht um Sicherheit in der digitalen Welt, insbesondere um den Cyberkrieg.

Die "fünfte Dimension des Krieges"

Kaum ein Tag ist zuletzt vergangen ohne Meldungen, die die nach Land, Wasser, Luft und All "fünfte Dimension des Krieges" (US-Verteidigungsminister Robert Gates) betroffen hätten. Nach den Hackerattacken auf den US-Rüstungskonzern Lockheed Martin und auf Google-E-Mail-Adressen von amerikanischen Regierungsbeamten, haben die Vereinigten Staaten einmal mehr erklärt, dass sie große Cyberattacken auf die USA als Kriegsgrund werten wollen. Gates selbst hat das den chinesischen Verteidigungsminister General Liang Guanglie in Singapur persönlich wissen lassen, und der beeilte sich zu beteuern, dass China niemanden mit seiner modernisierten Armee zu bedrohen gedenke.

Blue Army

Beinahe gleichzeitig veröffentlichten Ye Zheng und Zhao Baoxian, zwei Offiziere der Volksbefreiungsarmee, ein Papier, in dem sie den Cyberspace als zentrales Schlachtfeld der Zukunft definieren. China hat neuerdings erstmals auch die Existenz einer eigenen Cybertruppe (Blue Army) eingeräumt. Die Norweger und Briten taten Gleiches, die Schweiz hat Digitalkrieger, und selbst in Österreich wurden Pläne über eine Cyberabteilung beim Bundesheer kolportiert.

NSA

Die USA haben eine solche schon lange. Seit 2009 betreiben sie ein eigenes, stark offensiv ausgerichtetes Cyber-Command, das vom ehemaligen Chef des Geheimdienstes NSA General Keith Alexander befehligt wird. Dieser Tage wird außerdem ein entsprechendes Doktrinpapier des Pentagon erwartet. Dieses sorgt wie die Cybersicherheitsstrategie des Weißen Hauses, die im Mai vorgestellt wurde, bereits für einige Aufregung, weil es besonders aggressiv sein soll.

Infrastruktur von Gegnern stören oder ausschalten

Wie Chinesen, Russen und Israelis haben die Amerikaner Cyberwaffen, mit denen sie wichtige Infrastruktur von Gegnern stören oder ausschalten können. Über die Steuerungssysteme der Stromnetze kann mit sogenannten logischen Softwarebomben in ganzen Regionen das Licht ausgeknipst werden. Hacker der chinesischen Volksarmee sollen versehentlich bereits einmal den Strom in Florida abgedreht haben. Genauso gefährdet sind Finanztransaktionsnetzwerke, Verkehrs- und Logistiksysteme, ja sogar hochgesicherte militärische Kommunikationskanäle wie das NIPRNet der USA.

Die EU-Kommission kündigte am Freitag die Aufstellung eines Computer Emergency Response Teams an, um der wachsenden Bedrohung durch Cyberangriffe gegen Institutionen der Union zu begegnen.

Angriff auf ein Stromnetz ...

Im Nato Center for Cyber Defence in Tallinn rechnen die Experten damit, dass nach einem großangelegten Angriff auf ein Stromnetz, der dieses einen Monat lang lahmlegt, "das große Sterben beginnt" . Denn ohne Strom funktioniert in unseren vernetzten Gesellschaften von der Kühlkette bis zur Supermarktlogistik absolut nichts mehr. Hochtechnisierte Länder sind naturgemäß besonders gefährdet, wenig vernetzte wie das offensiv starke Nordkorea kaum.

Stuxnet

"Seit Stuxnet sind wir in einer neuen Ära von Cyberangriffen" , sagt Francis Delon, der französische Generalsekretär für Verteidigung und Nationale Sicherheit in London. Der Wurm habe den Beweis erbracht, dass ein Cyberwar-Erfolg möglich sei. Und Latha Reddy, die indische Sicherheitsberaterin, zitiert akkurat den chinesischen Kriegsgelehrten Sun Tsu: "Die größte Kunst ist es, den Gegner ohne Schlacht zu besiegen." Genau das sei es, was den Cyberkrieg so reizvoll mache.

Einige Reize, viele Probleme

Mit den Reizen allerdings kommen auch die Probleme. Im Cyberspace ist noch viel schwieriger zu unterscheiden, wer Freund und wer Feind ist. Gab es bei Nuklearangriffen theoretisch noch 40 Minuten Vorwarnzeit, bis Interkontinentalraketen irgendwo einschlagen konnten, findet heute ein möglicherweise verheerender Cyberangriff in 300 Millisekunden statt. Und dazu "kennen wir die Kaskadeneffekte einer Cyberwaffe nicht. Bei einer kinetischen Waffe macht es Bumm und das war's" , erklärt der Ex-Luftwaffenoffizier und Experte beim Atlantic Council Jason Healey dem Standard.

Verrückte Dinge

Harvard-Politologe Joseph Nye weist außerdem auf die Möglichkeiten nichtstaatlicher Akteure im Netz hin, einen Krieg anzuzetteln. Aber immerhin: "Das kann die Staaten zusammenbringen und zu einem Code of Conduct führen, der zu Zusammenarbeit und Besonnenheit führt. Wir müssen Regierungen davon abhalten, überhastet verrückte Dinge zu tun."

In den USA spricht dementsprechend General Alexander bereits von Cyber-Abrüstungsverträgen wie für Nukelarwaffen. Aber Abrüstung braucht vor allem die Verifizierung der Arsenale. Und eine solche ist laut allen Experten beinahe unmöglich - genauso wie Neutralität übrigens. Die bleibt im Cyberkriegsfall eine politisch leere Erklärung, weil keine Regierung dafür garantieren kann. (Christoph Prantner, DER STANDARD Printausgabe, 11. Juni 2011)

  • Mit der zunehmenden Digitalisierung der Welt ist es viel verlockender, Hacker auf Gegner loszulassen, als Panzer loszuschicken.
    illustration: friesenbichler

    Mit der zunehmenden Digitalisierung der Welt ist es viel verlockender, Hacker auf Gegner loszulassen, als Panzer loszuschicken.

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