"Frisches Kapital für die Bahn wäre in zwei Jahren abgefackelt"

7. Juni 2011, 18:23
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ÖIAG-Chef Peter Michaelis spricht sich für einen strategischen Partner für die ÖBB aus

Michaelis warnt davor, der Bahn ohne vorherige Restrukturierung unter die Arme zu greifen. An der Politik lässt er kein gutes Haar.

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Wien - Der scheidende ÖIAG-Chef Peter Michaelis schaltet sich in die Debatte um eine ÖBB-Privatisierung ein: "Die Bahn hat ihre Schularbeiten nicht gemacht." Der Chef der Staatsholding befürwortet daher die Suche nach einem strategischen Partner, um dem "riesigen Restrukturierungsbedarf" gerecht zu werden.

Der Bahn jetzt frisches Kapital zur Verfügung zu stellen - ÖBB-Chef Christian Kern wünscht sich vom Staat 400 Mio. Euro - hielte Michaelis für "fahrlässig". Neues Staatsgeld wäre "in zwei Jahren abgefackelt", ist Michaelis überzeugt. "Das wäre gutes Geld schlechtem nachwerfen."

Keine Vergleiche lässt Michaelis mit OMV, Verbund oder AUA zu, die ebenfalls Finanzspritzen der Republik erhielten. Bei der OMV nimmt die ÖIAG gerade 236 Mio. Euro in die Hand und zieht bei der Kapitalerhöhung voll mit. Michaelis will damit signalisieren, dass der Wachstumskurs des Energiekonzerns unterstützt wird. Zudem sei der Kurs der OMV-Aktie relativ günstig. Selbst bei der AUA verteidigt der Manager die staatlichen Zuschüsse. Die Fluglinie habe in den vergangenen Jahren einen großen Schuldenberg verringert, der durch den Kauf von Lauda-Air, Tyrolean und Rheintal-Flug aufgehäuft worden war. Im Unterschied zur Bahn habe die AUA einen Großteil ihres Einsparungspotentials ausgeschöpft. Neuerlich bekräftigte der frühere AUA-Aufsichtsratspräsident, dass er sich seit 2001 immer wieder für die Suche eines Partners für die österreichische Fluglinie ausgesprochen habe, damit bei der Politik aber auf taube Ohren gestoßen sei.

Aufhorchen lässt Michaelis mit der Aussage wonach sich bei der Voest-Privatisierung auch der Deutsche Stahlriese ThyssenKrupp unter den zwölf Interessenten befand. Der ÖIAG-Chef beklagt, dass medial immer nur von einem Verkauf der Voest an Frank Stronachs Magna die Rede war. Generell räumt der Manager ein, dass er die Medien "total unterschätzt" habe. "Ich habe jeden Tag aus der Zeitung erfahren, was ich falsch gemacht habe." Kein gutes Haar lässt er an der aktuellen verstaatlichten Politik: "Ich sehe die Gefahr einer Lähmung und Erstarrung in Österreich. Die provokante Aussage von Erste-Bank-Chef Andreas Treichl, wonach viele Politiker ahnungslos seien, teilt Michaelis dezidiert. (as, DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2011)

  • Noch-ÖIAG-Chef Peter Michaelis sieht durch die Politik aktuell die 
Gefahr 
einer Lähmung und Erstarrung in Österreich.
    foto: regine hendrich

    Noch-ÖIAG-Chef Peter Michaelis sieht durch die Politik aktuell die Gefahr einer Lähmung und Erstarrung in Österreich.

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