Mit Schlingenmalen zum Schreiben finden

5. Juni 2011, 17:25
264 Postings

Waldorf-Lehrer wollen mit "Erziehungskunst" dem Menschen "zu sich selbst verhelfen" - Ein Besuch bei einem Schnupperworkshop

"Menschenkunde I, Anthroposophie III, Das Klassenzimmer als Bühne, Führen mit Pferden". Die Schriftzüge der Kurs-Elemente sind gelb, blau, rot und grün hinterlegt. Der Plan für die Ausbildung zum Waldorfpädagogen hängt im Seminarraum der Rudolf Steiner Schule Pötzleinsdorf im achtzehnten Wiener Gemeindebezirk. Die Klassenzimmer sind in mehreren alten Gebäuden mit dicken Mauern untergebracht. Zwischen den Häusern bietet ein großer Garten viel Platz zum Spielen für Kinder, die hier in den Kindergarten oder in die Schule gehen.

Im Sesselkreis des Seminarraumes haben sich siebzehn Frauen und zwei Männer zu einem "Schnupperworkshop" eingefunden. Die meisten sind Ende zwanzig. Sie wollen hören, was im "Seminar für Erziehungskunst" der Organisation Waldorf-Wien gelehrt wird.

Pädagogik für die Zigarettenfabrik

Rudolf Steiner hat die Waldorfpädagogik aus seiner eigenen Philosophie - der "Anthroposophie" - ursprünglich für die "Waldorf-Astoria"-Zigarettenfabrik in Deutschland entwickelt. Seele, Geist und Leib sollen nach Steiner gleichermaßen gefördert werden, weshalb in Waldorfschulen die Kinder im selben Ausmaß in regulären Schulfächern, in Handwerk, Kunst, Sport und Religion unterrichtet werden.

"Dem Menschen zu sich selbst verhelfen"

"Die Kunst einem anderen Menschen zu sich selbst zu verhelfen", unter diesem Motto sieht einer der Dozenten des Schnupperworkshops, Jürgen Matzat, die Waldorfpädagogik. Heute Abend sollen die Grundzüge der Ausbildung zum Waldorfpädagogen in drei Stunden vorgestellt werden. Matzat ist Regisseur und unterrichtet seit zehn Jahren an Waldorfschulen - unter anderem Theater und Eurythmie. Bei letzterem handelt es sich um einen bestimmten Tanz, den Steiner entwickelt hat. Der Dozent trägt ein rot-blau kariertes Hemd und Sneakers, sein Haar ist weiß. "Wenn Sie es richtig machen, dann bleiben Sie innerlich jung", so Matzat über die Arbeit als Lehrer. "Ich hoffe, das sieht man mir an", sagt er und lacht.

Märchen erzählen für die "innere Haltung"

Um zu vermitteln, dass man sich als Lehrer nicht auf Konzepte versteifen soll, lässt er die Teilnehmer in Vierergruppen Märchen erzählen. Jeder muss einen Satz sagen, die Nachbarin soll diesem Satz zustimmen und die Geschichte mit einem nächsten Satz weiter erzählen. So soll verdeutlicht werden, dass die "innere Haltung" von Waldorfpädagogen immer offen gegenüber den Ideen und Vorstellungen der Schüler sein soll. 

"Leibliche Geschicklichkeit wird mit Schreiben verbunden" 

Stefan Herkommer, der zweite Dozent an diesem Abend, will zeigen, wie Kinder an Waldorfschulen schreiben lernen. Eine, wie er sagt, "mutige" Teilnehmerin, erklärt sich bereit, diese Methode zu verdeutlichen. Sie soll im Stehen mit ihrer rechten Hand einen Kreis in der Luft malen und seitlich nach rechts gehen. "Was entsteht?", fragt Herkommer. "Schlingen", antworten die Teilnehmer des Workshops. Aus diesen Schlingen sollen - sobald das Kind bereit ist - später Buchstaben werden. Bei dieser Übung wird, so der Dozent, leibliche Geschicklichkeit mit dem Schreiben verbunden - ganz im Sinne Steiners.

Die Brille des Lehrers hängt an einer Kette an seinem Hals. Herkommer unterrichtet seit achtzehn Jahren, sein Blick ist ernst. Später wird klar, dass er von der Anthroposophie und ihrer Pädagogik überzeugt ist. "Ich habe ihm in der Pause gesagt, dass ich ein Kind kenne, das schon in der vierten Klasse ist und immer noch schlingen malt", erzählt eine junge Lehrerin nach dem Workshop. Sie äußert das Gefühl, Herkommer habe auf ihre Fragen eher wirsch reagiert.

Kritische Fragen am Schluss

Während der gesamten Workshop-Zeit werden Rudolf Steiner und seine Anthroposophie kaum erwähnt, geschweige denn erklärt. Die TeilnehmerInnen, die bisher bei jeder Übung brav und auch mit sichtlicher Freude mitgemacht haben, können nun ihre Fragen stellen. Sie sind Steiner gegenüber jedoch nicht unkritisch. Sie habe gehört, dass es auch negative Seiten geben, sagt eine der Teilnehmerinnen. Die Dozenten sollen erklären, was Waldorfpädagogik nun genau ist. 

Lernen für "Kopf, Herz und Hand"

Für Elisabeth Schlicker, Organisatorin des Abends, macht Waldorfpädagogik es möglich, "das Potenzial wachsen zu lassen. Nicht nur Wissen zählt, sondern Persönlichkeit". Schauspieler und Regisseur Matzat sagt: "Das Kind ist im Mittelpunkt und gleichzeitig wird man gesellschaftlichen Konventionen gerecht." Herkommer sieht in der Kombination aus kognitiver, emotionaler und intentionaler Erziehung den zentralen Punkt der Wahldorfpädagogik. "Kopf, Herz und Hand" würden gleichwertig behandelt.

"Muss ich mich mit der Anthroposophie identifizieren?", lautet eine Frage. Hier weichen die Dozenten einer Teilnehmerin etwas aus. Es sei ihr überlassen "wann" sie sich mit der Philosophie von Steiner beschäftige. Anthroposophie sei eine Philosophie, die "studierenswert" sei und sie biete "Hilfestellung im Umgang mit Schülern". 

Rudolf Steiner und Rasse

Auch über die rassistischen Aussagen von Steiner wird gesprochen. "Ich habe gehört, er hat gesagt, dass Chinesen dekadent sind und Afrikaner triebgesteuert", erzählt eine junge Frau mit schwarzen Locken. Sie will wissen, ob sie die heutigen Anthroposophen davon distanzieren. Auch hier weicht Herkommer aus. Man müsse die Aussagen von Steiner im Zusammenhang der Zeit sehen, in der er sie gemacht hat. 

Mathematiker sollen Geschichte unterrichten

In der Ausbildung von Waldorfpädagogen haben fachliche Inhalte wie Mathematik und Geschichte keinen Platz. "Sie sind nach der Ausbildung in der Lage, sich diese Inhalte anzueignen", sagt Herkommer, als sich eine Teilnehmerin darüber sorgt, dass sie Mathematik in der achten Klasse nicht erklären könnte. Im Gespräch mit derStandard.at erklärt Herkommer, dass in der Oberstufe nur Lehrer unterrichten, die eine akademische Ausbildung haben. Seiner Meinung nach sei es aber besser, wenn ein Mathematiker Geschichte unterrichtet, weil sich dieser engagierter in den Stoff einarbeite und nicht schon seit hundert Jahren" über dasselbe Thema spreche. 

Bildungswissenschaftler: "Inhaltlicher Unsinn"

Bildungswissenschaftler Stefan Hopmann von der Universität Wien hat die Schriften von Steiner gelesen. Im Gespräch mit derStandard.at sieht er in dem, dass hauptsächlich ein Lehrer eine Klasse acht Jahre lang unterrichtet "inhaltlichen Unsinn". "Ich kenne so eine Lehrkraft nicht, die in allen Fächern alle kognitiven Levels als Experte beherrscht", so Hopmann. Diesen Anspruch hätten die "Waldorfianer", wie er sie nennt, aber gar nicht. "Dieses Lehrerkonzept des pädagogisch gebildeten Erwachsenen stammt aus dem späten 19. Jahrhundert", sagt der Universitätsprofessor. 

Hopmann sieht bei "Waldorfianern" eine Sekte

Überhaupt sieht er in den Schriften Steiners ein "Gemengelage aus dem, was im 19. Jahrhundert populär war. Die Lehre ist eine Mischung aus Rassentheorie, Welttheorie, Astraltheorie, Weltuntergang und Atlantis". Dass die Anhänger von Steiner sagen, dass es ihnen vor allem um das Kind gehe, klinge zwar "freundlich", gemeint sei damit aber, dass sie das Kind als "Spielfläche für die eigenen Pädagogik" verwenden würden. "Denen geht es um das Kind so wie es der Bank ums Geld geht", so Hopmann. Wenn man seinem Kind einer Sekte aussetzen wolle und will, dass es nach der Lehre von Steiner unterrichtet wird, dann könne man das aber natürlich machen. "Das ist das Recht der Eltern". Dass manche Kinder schadenfrei aus der Waldorfschule kommen können, sei nur ein Beweis dafür, dass starke Kinder und ihre Eltern den Schaden ausgleichen können.

4.000 Euro für die Ausbildung

Zurück zum Schnupperworkshop für potenzielle Waldorfpädagogen. Die Ausbildung kostet über 4.000 Euro und dauert zwei Jahre lang. Einige der Anwesenden melden sich am Ende der Vorträge bereits zum Aufnahmegespräch an. Manche sind noch skeptisch: "Für mich könnte die Anthroposophie ein Hinderungsgrund sein", sagt eine Teilnehmerin. Christina ist Hortpädagogin und hat sich zum Aufnahmegespräch angemeldet. Sie kennt einige jungen Menschen, die eine Waldorfschule besucht und durchwegs positive Erfahrungen gemacht haben. Ihr gefällt, dass in Waldorfschulen "der Fokus am Kind anstatt auf den Inhalten liegt". Für Rudolf Steiner konnte sie sich derweil noch nicht begeistern: "Ich habe versucht ein Buch zu lesen, es war mir aber zu abgedreht." (Lisa Aigner, derStandard.at, 5.6.2011)

  • Gerade oder rund gehen - das soll den Kindern entweder dabei helfen sich konzentrieren zu können oder den Kopf frei zu bekommen. Hier sollen die potenziellen Pädagogen selbst erfahren, wie sich die Gangarten auf sie auswirken.
    foto: derstandard.at/lis

    Gerade oder rund gehen - das soll den Kindern entweder dabei helfen sich konzentrieren zu können oder den Kopf frei zu bekommen. Hier sollen die potenziellen Pädagogen selbst erfahren, wie sich die Gangarten auf sie auswirken.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Rudolf Steiner hat neben einer Pädagogik auch eine Landwirtschaft, eine Medizin einen eigenen Glauben und eine eigene Wirtschaftswissenschaft entwickelt.

  • Eine Figur aus der "Eurythmie" - eine Bewegungskunst, die Steiner entwickelt hat.
    foto: derstandard.at/lis

    Eine Figur aus der "Eurythmie" - eine Bewegungskunst, die Steiner entwickelt hat.

Share if you care.