Rundschau: Intelligente Wolken und Drogennebel

    4. Juni 2011, 10:13
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    Eine internationale Bücherliste mit Hannu Rajaniemi, Lavie Tidhar, Kazuo Ishiguro, Karsten Kruschel, Nnedi Okorafor und mehr

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    coverfoto: ps publishing

    Lavie Tidhar: "Cloud Permutations" und "Gorel and the Pot-bellied God"

    Gebundene Ausgaben, 119 bzw. 85 Seiten, PS Publishing 2010 bzw. 2011.

    Lavie Tidhar ist eine echte Herausforderung für alle diejenigen, die ihre Bücherregale nicht alphabetisch nach AutorInnennamen, sondern nach Subgenres geordnet haben. Da hätten wir aus seinem Schaffen zum Beispiel: Steampunk ("The Bookman", "Camera Obscura"), Science Fiction ("Cloud Permutations", links oben), Fantasy ("Gorel", rechts) oder metaphysische Thriller wie "An Occupation of Angels" und das zuvor beschriebene "Tel Aviv Dossier". Übernatürliche Phänomene scheinen sich als einziger roter Faden durchs Werk Tidhars zu ziehen ... aber sehen wir erst mal, inwieweit das für sein kommendes Buch gilt. Das wird eine Alternativweltgeschichte, in die der kosmopolitische Autor persönliche Erfahrungen eingebaut haben will. Appetitanregender als jede Inhaltsangabe dürfte wohl schon der Titel wirken: "Osama" ...

    "Cloud Permutations" wurde wie das zuvor genannte "The Slonet Ascendancy" bei einem längeren Aufenthalt Tidhars in Melanesien geboren. Tidhar baut mit großer Freude Ausdrücke aus der Kreolsprache Bislama ein, die sich aus dem Englischen bedient hat und famose Wörter wie Sanigodaon (=Sonnenuntergang) kennt. Vermutlich bin ich durch "Cloud Permutations" auch zum ersten Menschen in Österreich geworden, der Coleridges berühmtes Gedicht "Kubla Khan" in der Bislama-Version  kennengelernt hat. - Die Novelle ist auf dem Wasserplaneten Heven angesiedelt, der von melanesischen KolonistInnen besiedelt wurde. Sie leben nun auf den wenigen natürlichen Inseln, die der Planet bietet, ergänzt um ein mobiles künstliches Eiland inklusive eines Vulkanschlots, aus dem der Dampf des Antriebs ausgespuckt wird. Und wie im "Tel Aviv Dossier" spielen auch hier Wolken eine Rolle, die über die von bloßen H2O-Ballungen hinausgeht. Gleich zu Beginn betritt eine Gestalt die Szene, die zwar die Form eines Menschen, doch die Farbe von Wolken hat und mit dem Himmel zu korrespondieren scheint. Einmal mehr scheint Intelligenz in der Troposphäre zu schweben - an einer Stelle wird beschrieben, dass sich Wolken "wie ein Kriegsrat" versammeln. Man respektiert und fürchtet sie - Fliegen ist mit einem Tabu belegt, und natürlich setzt sich die Geschichte damit in Gang, dass jemand dieses Tabu bricht.

    Der junge, von mystischen Visionen getriebene Kal wird wegen seiner unbedachten Tat auf die gerade vorbeischwimmende Vulkaninsel verbannt und lernt dort den extravaganten Bani kennen. Von diesem lässt er sich zu einer "Schatzsuche" nach Alien-Artefakten überreden und trifft in weiterer Folge nicht nur auf spektakuläre Vertreter der planetaren Fauna, sondern auch auf Strukturen, die bis an den Rand der Atmosphäre ragen; nicht jede davon ist ein Weltraumfahrstuhl. Die Erzählung wechselt damit mehrmals den Charakter: Was als Coming-of-Age-Plot beginnt, schlägt bald eine gruselige Richtung Lovecraftscher Prägung ein, mutiert dann zu einer wilden Abenteuergeschichte à la Philip José Farmer und schließlich zu metaphysischer SF. "Cloud Permutations" wird vom Eröffnungssatz weg in märchenhafter Weise erzählt. Doch es ist ein textkritisches Märchen, gefiltert durch die Betrachtung aus einer unbestimmten Zukunft, was sich in Einschüben wie There are contrasting stories regarding that first conversation between the two boys ausdrückt. Die Mischung aus historischer Reflexion und Mythisierung, die sich durch den ganzen Text zieht, erinnert stark an Cordwainer Smith - da ist es keine Überraschung, wenn Kal einen Ort betritt, der Cord-wainer Tower heißt. Mir fällt spontan ein Dutzend AutorInnen ein, die aus derselben Geschichte eine 600-Seiten-Monstrosität gezogen hätten, ohne ihr auch nur irgendetwas hinzufügen zu können. Sie ist gut, wie sie ist.

    Deutlich einfacher gestrickt, und das durchaus mit Absicht, ist das jüngst erschienene "Gorel and the Pot-bellied God". Für diese Fantasy-Raubersgschicht voller Sex, Gewalt und Drogen hat sich Lavie Tidhar der Welt der Pulps als einer der Wurzeln von Science Fiction und Fantasy besonnen. Für einen jungen Autor ist dies keineswegs mehr eine Selbstverständlichkeit, aber bereits in seinem Erzählband "HebrewPunk" hatte sich Tidhar dieser ganz speziellen Form der fantastischen Literatur gewidmet. Im Zentrum der "Guns & Sorcery"-Novelle steht der - potenziell wiederverwendbare - "Held" Gorel von Goliris, der mit diversen Schusswaffen und einer eher zweifelhaften Ethik ausgestattet ist. Einst durch eine Intrige aus seiner Heimat entführt, versucht er nun mit allen Mitteln, dorthin zurückzugelangen. Das Mittel der aktuellen Folge (denn die Erzählung hat eindeutigen Seriencharakter) wäre ein magischer Spiegel. Bloß muss man den erst mal aus dem labyrinthischen Palast einer Sumpfgottheit herausholen.

    Tidhar entwirft eine dichtbevölkerte Fantasy-Welt ohne Elfen und Zwerge, dafür mit Frosch-, Vogel- und sonstigen Menschen und mit Städten, deren wichtigste Sehenswürdigkeit zumeist das örtliche Bordell ist. Wir fügen der Mixtur blutige Zweikämpfe, magische Intrigen und mutantenzüchtende Ordensfrauen hinzu, und fertig ist eine Geschichte, die pulpiger nicht sein könnte; dass sie in kurzen Sätzen erzählt wird, unterstreicht dies auch formal. Allerdings hätte die Selbstzensur der einstigen Pulp-Magazine schwerlich einen Helden akzeptiert, der sich - in einer Welt, in der Götter wie Drogen wirken - alle paar Seiten einen Schuss setzt. Oder der gerne herumschläft, ohne dabei auf Spezies oder Geschlecht seiner BettpartnerInnen groß zu achten. Ist alles in allem keine weltbewegende Geschichte, macht sich aber gut in der Sammlung - nicht zuletzt weil ich den dahinterstehenden britischen Verlag PS Publishing jedem wärmstens ans Herz legen kann. Der hat sich nämlich - was für eine wohltuende Gegenstrategie zur Wälzerschwemme auf dem Phantastik-Markt! - auf Kurzromane und Novellen spezialisiert und gibt diese zu vernünftigen Preisen in wunderschöner gebundener Aufmachung heraus. Eine Empfehlung!

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