Rundschau: Intelligente Wolken und Drogennebel

    4. Juni 2011, 10:13
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    Eine internationale Bücherliste mit Hannu Rajaniemi, Lavie Tidhar, Kazuo Ishiguro, Karsten Kruschel, Nnedi Okorafor und mehr

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    coverfoto: wurdack

    Karsten Kruschel: "Galdäa. Der ungeschlagene Krieg"

    Kartoniert, 446 Seiten, € 15,40, Wurdack 2011.

    Viel lieber als Tri- und sonstige -logien sind mir ja Romanzyklen, in denen ein Autor eine einmal entworfene Welt sukzessive ausbaut, die Romane aber unabhängig voneinander lesbar belässt. Das ist der Old-School-Zugang (Very-Old-School sogar im konkreten Fall, aber dazu später mehr). Michael Marcus Thurner macht dies gerade mit seinen "Kahlsack"-Romanen, Karsten Kruschel tut selbiges mit einer weiteren Erzählung aus seiner Zukunftshistorie, für die sich bislang allerdings noch kein Überbegriff aufgedrängt hat. Den Beginn machte der Doppelroman "Vilm" (hier die Nachlese): Der gleichnamige Regenplanet war zwar ein recht abgelegener Schauplatz, wegen der seltsamen Vorgänge dort fanden sich aber diverse VertreterInnen der bunten galaktischen Gesellschaft auf Vilm ein und gaben uns einen Vorgeschmack auf das größere Ganze. Dieses Kapitel ist abgeschlossen, nun richtet sich das Auge der Öffentlichkeit auf einen neuen Planeten, die Galdäa.

    Weil er ohne eigenes Verschulden spät dran ist, kann Michael Sanderstorm, ein Student auf der Universitätswelt Penta V, für seine Examensarbeit nur noch unter den Themen wählen, die keiner haben wollte. Er entscheidet sich für "Spätfolgen und Lehren aus dem galdäischen Krieg" - ohne zu ahnen, dass sowohl das Verschwinden seines Bruders in den Weiten des Weltraums als auch die Familie seiner Freundin mit diesem längst vergessenen Ereignis - einer Strafexpedition gegen einen vermeintlich unbedeutenden Planeten - in Zusammenhang stehen. Und erst recht nicht, dass er mit seinen Recherchen eine Lawine lostritt, die noch die halbe Galaxis aufscheuchen wird. Die Ereignisse um Michael bilden einen von drei Erzählsträngen des Romans. Ein zweiter dreht sich um die junge Frau Jana Hakon, die genau genommen eigentlich J'ana K'jonasoidt Hakon T'Arastoydt heißt und von Galdäa stammt. Jahrelang wurde sie in einer Klinik des Penta-Systems gefangen gehalten, bis ihr - geschildert im Eröffnungskapitel - die Flucht gelingt. Die dritte Hauptperson ist der vom Junkie zum reichen Musiker gewordene Markus Hataka, in dessen bewegter Biografie Anknüpfungspunkte sowohl zu Jana als auch zur Galdäa liegen.

    Im englischsprachigen Raum ist es gang und gäbe, dass Genre-AutorInnen Schreib-Workshops besuchen und später (wenn mit einem Namen ausgestattet) auch halten. Dort bekäme man sicher auch die Goldene Regel zu hören, dass ein Handlungsstrang für eine Novelle reicht, es für einen Roman aber mehrere braucht. Kruschel konnte dafür auf älteres Material zurückgreifen und beschreibt im Nachwort, wie Erzählungen aus den späten 80ern in den Roman eingeflossen sind - letztlich auch eine Erklärung für ein Kapitel um eine Nebenfigur, das recht losgelöst von allem anderen mittendrin hängt. Die eigentliche Hauptfigur ist aber ohnehin die Galdäa, auch wenn wir von ihr erstaunlich wenig zu sehen bekommen. Informationen über den Planeten streut Kruschel in origineller Form ein: Erst stößt Michael auf einen kurzen historischen Abriss in der "Weltgeschichte sämtlicher Planeten" (das Buch würde ich gerne sehen, dagegen müsste selbst das legendäre Handbuch des Fähnlein Fieselschweif verblassen). Dann gewähren alte Briefe von Markus' Lebenspartner Karolus einen detaillierteren Einblick in den Beginn des einstigen Krieges und in die Eskalation bizarrer Ereignisse, die diesem vorausgegangen sind. Einen Planet voller neugieriger Zauberlehrlinge wird man Galdäa später aus gutem Grund nennen. Zu diesem Zeitpunkt haben Michaels unschuldige Netzrecherchen längst eine Datenflut ausgelöst, die sich viral über die gesamte Zivilisation ausbreitet.

    446 Seiten klingt nach heutigen Maßstäben nach nicht viel, doch haben wir es hier mit keinem pensionistenaugentauglichen Streck-Layout zu tun, wie so mancher Großverlag es verwendet, um 800 Seiten rauszuschlagen. "Galdäa" ist Kruschels bislang längste Erzählung ... und leider ist sie auch etwas aus der Fasson geraten. So mancher Erzählstrang mäandert - nicht zuletzt im Vergleich mit dem lawinenartigen Tempo gegen Ende hin - erst mal ausführlich dahin, bis ein Ziel erkennbar wird. Durch Straffung hätte vielleicht auch die eine oder andere Redundanz vermieden werden können. Als ein gigantisches goldenes Schiff aus dem Nichts auftaucht, beschreibt ein Augenzeuge es mit den Worten: Seine Seiten waren nicht glatt, sondern wirkten wie von heißem Kerzenwachs überflossen. Ein Vulkan im Kosmos? Die Tropfen an dem gigantischen Kerzenstummel waren so groß wie die Berge auf manchen Planeten. Bei einer späteren Wiederkehr des Riesenschiffs wird ein ganz anderer Mensch es praktisch wortgleich beschreiben, und beide wollen sich anschließend nicht ausmalen, wie die Flammen dieser Kerze aussehen mochten. Die Doppelung mag der Konstruktion des Romans aus altem und neuem Material geschuldet sein, doch ist sie nur das auffälligste Beispiel; zu dergleichen Wiederholungen kommt es immer wieder. Und generell ist der Erzählton aller drei Hauptfiguren etwas plapperig geraten. Wie atmosphärisch dicht Kruschel in einem enger gesteckten Rahmen erzählen kann, zeigen beispielsweise ein Kapitel über WerftarbeiterInnen, die in ständiger Sorge vor jobbedingten Amokläufen leben, und die Gänsehaut-Passage, in der geschildert wird, wie es zu einem solchen tatsächlich kommt.

    Stichwort goldenes Schiff: Eine der Trumpfkarten von "Vilm" spielt Kruschel auch hier aus. Beständig wabern mythisch anmutende Begriffe durch die Handlung: Zur Bruderschaft der Goldenen, die schon in "Vilm" einen Auftritt hatte, erfahren wir nun mehr. Aber was macht die Dunkelwelten von Utragenorius so besonders, wer hat das Epsilon-Schiff gebaut, das manchmal zwischen den Sternen gesichtet wird? Und welche Gräueltaten ereigneten sich einst in der Epoche des Oktogon, dass die Acht heute immer noch überall als Unheilszahl gilt? Bei einer mit märchenhaften Elementen versehenen Space Opera denkt man schnell einmal an die Zukunftshistorie von Cordwainer Smith (was das Setting betrifft, nicht den Stil ... später in der Rundschau kommt noch ein Buch, bei dem es genau umgekehrt ist).

    Ironischerweise passt dazu auch der Umstand, dass - Stichwort Old-School, man könnte auch sagen: retro - "Galdäa" sich immer dann, wenn der Roman den Weltraum verlässt, nur noch bedingt wie eine Geschichte aus der Zukunft liest. Ein Gang zur Telefonzelle ist ein altertümlich wirkender Akt, auch wenn man von dort auf einem anderen Planeten anrufen kann - und Wörter wie "Telegramm" oder "Eisbein" klingen heute schon wie aus einem anderen Jahrtausend. Cordwainer Smith schrieb seine Erzählungen Mitte des 20. Jahrhunderts. Kruschels Roman steht diesen in der Beschreibung der zukünftigen Gegenwart aber sehr, sehr viel näher als (siehe die vorige Seite) dem Posthumanismus-Puzzle von Hannu Rajaniemis "Quantum". Genau genommen ist ein größerer Unterschied kaum denkbar, aber zumindest eine Gemeinsamkeit gibt es doch: Beide warten mit einer entzückenden Wortneuschöpfung auf - Rajaniemi mit Quantenhure, Kruschel mit Kuschelgefechtsstand. Und irgendwie passen beide Wörter auch ganz gut zum jeweiligen Buch.

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