Gefährdete Erfolgsprognosen für Türkischstämmige

27. Mai 2011, 18:56
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An der Uni Wien wurde ein Test entwickelt, um Schulprobleme von türkischstämmigen Kindern bewerten zu können - Das Projekt droht aus Geldmangel eingestellt zu werden

Wien - Georg Wilflinger hört angestrengt zu. Dann fragt er auf Türkisch beim achtjährigen Ahmed (Name geändert) nach. Überlegt kurz und sagt der Studentin, die den Test durchführt, dass die Antwort korrekt sei. Der Sinn der Überprüfung: Es soll entdeckt werden, ob der Achtjährige aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse in der Volksschule Schwierigkeiten hat oder bei kognitiven Fähigkeiten Defizite hat.

Das Besondere: Dieser AID 2 - Türkisch genannte Test wurde an der Universität Wien speziell für Kinder adaptiert, die einen türkischen Migrationshintergrund haben und Deutsch nur als Zweitsprache beherrschen. Die Testung beginnt auf Deutsch, bemerkt man Schwierigkeiten, kann man auf die auf Türkisch formulierten Fragen im Katalog ausweichen. Auch die korrekten Antworten finden sich auf Türkisch. "Grundkenntnisse, etwa die Aussprache, muss sich der Testleiter aber aneignen", erläutert Wilflinger.

"Es geht dabei nicht nur um eine reine Übersetzung, sondern auch um einzelne Bereiche, bei denen es kulturelle Unterschiede gibt." Konkrete Beispiele darf er nicht nennen, da sonst der Test unbrauchbar würde. Es gebe aber Fragen nach Tieren, die für türkischstämmige Kinder ungleich schwieriger zu beantworten seien. In anderen Fällen scheint es aufgrund anderer Spielsachen Probleme bei der Aufgabenlösung zu geben - was aber durch die Adaptierung ausgeglichen werden kann.

Der Sinn ist, Prognosen abgeben zu können. Welche Fördermaßnahmen sinnvoll sind, welcher Schultyp der richtige. Aus Wilflingers Sicht kommen mitunter Kinder mit Migrationshintergrund zu rasch in den Sonderschullehrplan. "Das kann für Kinder schlimm sein, da man nur schwer herauskommt. Ein Sprachdefizit allein darf aber kein Grund sein." Die Statistik scheint ihm recht zu geben: Insgesamt haben 41 Prozent der Wiener Schüler eine nichtdeutsche Umgangssprache. In Sonderschulen sind es 52 Prozent.

Ahmeds Mutter wünscht sich, dass er in der Schule möglichst weit kommt. Sie steht auf dem Gang der Test- und Beratungsstelle der Psychologie-Fakultät und wartet auf das Testende. Mit 19 Jahren kam sie nach Österreich, in den 14 Jahren seither hat sie kaum Deutsch gelernt. "Ich habe vier Kinder, ich hatte einfach keine Zeit", übersetzt eine türkischsprachige Psychologie-Studentin. Grundsätzlich will die 33-Jährige, dass alle Kinder maturieren, einer besucht die Mittelschule. Nur bei Ahmed gibt es Probleme.

45 Kinder wurden seit 2009 getestet, Wilflinger würde sich einen höheren Bekanntheitsgrad und mehr Informationen der Schulen durch den Stadtschulrat wünschen. Ohne öffentliche Förderung müsse das Projekt bald gestoppt werden.

Mathilde Zeman, Schulpsychologie-Leiterin beim Stadtschulrat, sieht das anders. Man habe Infos an die Schulen versandt. Das vorhandene Angebot der Schulpsychologie sei aber befriedigend, Tests auf Türkisch aber nicht möglich. Den Verdacht, dass Kinder aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse in Sonderschulen kommen, weist sie zurück. "Kein Kind kommt allein aufgrund einer Begutachtung dorthin - erst dann, wenn alle anderen Maßnahmen ergebnislos geblieben sind." (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 28./29. Mai 2011)

  • Ahmed hat Lernschwierigkeiten, die Studentin will wissen, warum. Ein speziell für Kinder mit türkischem Migrationshintergrund an der Uni Wien entwickelter Test hilft dabei.
    foto: der standard/andy urban

    Ahmed hat Lernschwierigkeiten, die Studentin will wissen, warum. Ein speziell für Kinder mit türkischem Migrationshintergrund an der Uni Wien entwickelter Test hilft dabei.

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