Hungern für den Arztbesuch

25. Mai 2011, 11:27
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Essen verweigern, Batterien schlucken - die Schubhäftlinge in der Roßauer Lände probieren viel, um freizukommen

Auf den Holztisch in Zelle Nr. 504 hat jemand ein Brettspiel geritzt, zum Zeitvertreib. Die ehemals weißen Wände sind wie in den meisten Zellen bekritzelt mit Sprüchen in allen Farben, allen Sprachen: „I love Mani", steht da, oder: „Seid immer freundlich zu den Beamtinen" (sic) . Die Wände sind gesprächiger als die Menschen, die sie umgeben.

Synthia und ihre fünf Zimmerkolleginnen liegen im Bett, streichen in den Gängen herum, lautlos und lustlos. Selbst die drei Mahlzeiten, die für die übrigen Insassinnen die größte Abwechslung des Tages darstellen, interessieren sie nicht: „Hungerstreik" steht in Großbuchstaben am Türschild, und darunter hat die Beamtin einen Sechser hingemalt - „sechs Personen". Mit abwaschbarem Stift, damit die Zahl schnell auf den neuesten Stand gebracht werden kann.

"Wie beim Schnupfen"

Sechs Hungerstreikende bei einer Belegung von 16 Frauen - das sei normal, meint die Polizeibeamtin im Anhaltezentrum Roßauer Lände, die im Frauentrakt ihren Dienst versieht. „Normalerweise sind es weniger", widerspricht ihr Josef Zinsberger, Chef der Wiener „Schubs", der Schubhaft in Polizeianhaltezentren. „So genau kann man es nicht sagen, das ist wie beim Schnupfen", relativiert die Amtsärztin, Siri Schlossar: „Einmal sind längere Zeit nur wenige im Hungerstreik, dann wieder viele auf einmal."

Synthia ist eine von ihnen. Vor vier Tagen hat die junge Nigerianerin mit der Schirmkappe aufgehört zu essen. Sie keucht bei jedem Schritt. Nicht vom Nahrungsmangel komme ihre Atemnot, sondern von einer Operation, erzählt sie. Eine breite Narbe am hinteren Rippenbogen zeugt davon. Selbst, wenn sie von hier weglaufen könnte - sie würde es nicht schaffen, sagt Synthia. Also ist sie im Hungerstreik, und hofft, irgendwann für haftunfähig erklärt und freigelassen zu werden. 

"Muss das sein?"

Nicht, dass das so einfach wäre: Viele geben vorher auf. Täglich misst die Ärztin Blutzucker, Gewicht, Harnwerte, und nur wenn eine bestimmte Grenze unterschritten sei, plädiere sie für Enthaftung, sagt Schlossar. „Muss das sein?", höre sie dann regelmäßig von der Fremdenpolizei. Sie zieht dann zu Verteidigung die Schulter hoch, und sagt: „Ich kann das sonst nicht verantworten." 

Zitronensaft und vorher aufs Klo

Natürlich gebe es auch Tricks, um die Werte zu manipulieren. Schlossar macht den Job lange genug, um sie zu kennen. „Manche trinken vor der Visite zwei Liter Wasser und steigen dann bei mir auf die Waage. Am nächsten Tag trinken sie nichts, und gehen vor der Visite aufs Klo. So schaffen sie es auf vier Kilo Gewichtsverlust innerhalb von zwei Tagen", erzählt Schlossar. Andere würden versuchen, mit Zitronensaft die Zunge auszutrocknen, um die Ärztin zu beeindrucken. Die Medizinerin bleibt unbeeindruckt. Nachvollziehen könne sie es trotzdem: „Es ist ja legitim, dass sie alles ausprobieren, um wieder rauszukommen." Die Schubhäftlinge verstünden eben nicht, warum sie hier eingesperrt werden - „und in einigen Fällen verstehe ich es selbst nicht", sagt Schlossar.

An dem Monitor auf ihrem Schreibtisch klebt ein Merkzettel mit allen Abkürzungen für die Patientenformulare. „Grav" steht für „schwanger", „schl." Für „Schlucker": Immer wieder komme es vor, dass Häftlinge Rasierklingen oder Batterien schluckten, sagt Schlossar. Andere ritzten sich die Unterarme auf. Wieder andere würden schreien, toben, heulen. Nicht immer sei es leicht, zu unterscheiden, wer „nur simuliert", und wer tatsächlich extrem traumatisiert oder psychotisch sei, sagt Schlossar. „Aber in einer Ausnahmesituation sind sie natürlich alle." 

Stress

An Wochentagen stehe ein psychiatrischer Dienst zur Verfügung. Psychologische Beratung oder Psychotherapie gibt es im Haus nicht. Weder für die Schubhäftlinge, noch für die PolizeibeamtInnen. Letztere hätten lediglich die Möglichkeit, beim psychologischen Dienst des Innenministeriums anzurufen, sagt Zinsberger. Ein Angebot, von dem nicht viele Gebrauch machten. „Jetzt red‘s dir doch von der Seele", sage er oft zu KollegInnen - vergeblich.

Unter Stress stehen hier viele. Bei den Schubhäftlingen rühre er auch daher, dass sie völlig im Ungewissen seien, wie lange sie hier bleiben müssen, sagen ExpertInnen. Manche wüssten nicht einmal, warum man sie in Schubhaft gebracht hat. Zu ihnen gehört Synthia nicht: „Ich weiß, warum ich hier bin. Mein Asyl ist abgelaufen. Aber ich bin seit sechs Jahren hier, nach Nigeria kann ich nicht zurück: Meinen Vater haben sie dort umgebracht."

"Die, die Gesetze machen"

„Wir freuen uns immer, wenn Medienvertreter es schaffen, zu unterscheiden zwischen denen, die Gesetze machen, und der Exekutive, die sie zu vollziehen hat", sagt Zinsberger etwas gequält. Immer wieder las man in der Vergangenheit seinen Namen in Kombination mit mitleidserregenden Schubhäftlings-Biografien, die bei den LeserInnen die Frage aufkeimen ließen: „Warum darf er/sie nicht bleiben?" Er, Zinsberger, könne sich nicht aussuchen, wer einen Aufenthaltstitel bekomme. Wer keinen habe, müsse ausreisen - oder in Schubhaft.

"Populismus"

Kritik an den Zuständen in der Schubhaft bezeichnet der Oberst als „Populismus". Beschäftigungsmangel? „Wir haben mehr als 40 TV-Sender in vielen Sprachen." Zu wenig frische Luft? „Zwei Mal täglich gibt es Hofgang. Aber wir können nicht alle zwingen, hinauszugehen." Zu wenig Sport? „Es gibt Basketball und die Möglichkeit, zu joggen." Mangelhafte medizinische Versorgung? „Jeden Morgen beim Wecken wird gefragt, ob jemand einen Arzt braucht."

Bibel statt Psychologie

Tatsächlich hat sich viel verändert, seit die Kommissionen des Menschenrechtsbeirats regelmäßig auf Spontanbesuch vorbeikommen und über Missstände berichten. Doch zentrale Kritikpunkte bestehen weiterhin: Es fehlt an Rechtsauskunft. Während jedeR Strafhäftling weiß, warum er oder sie verurteilt wurde, ist nicht allen Schubhäftlingen der Grund ihrer Inhaftierung klar. Auch wissen sie nicht, wie lange sie hierbleiben müssen. Es fehlt an SozialarbeiterInnen. Und in der Bücherei gibt es zwar jede Menge Lektüre auf Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch - doch auf Chinesisch beispielsweise gibt es nur die Bibel.

Wenigstens über Überbelastung müssen die BeamtInnen zurzeit nicht klagen. Während in Politikerreden über „Asylmissbrauch" und „Massenzuwanderung" polemisiert wird, sind hier ganze Trakte unbelegt.Nur ein einziger männlicher Schubhäftling fristet derzeit in der Roßau sein Dasein. Auch im neuen Familien-Abschiebezentrum in Simmering ist derzeit kein einziges Bett vergeben. Lediglich im Anhaltezentrum Hernalser Gürtel sitzen 135 Schubhäftlinge ein. Doch auch dort waren es schon einmal mehr.

Spatenstich

Alev Korun von den Grünen befürchtet, dass es nicht so bleiben wird. "Mit dem Inkrafttreten des neuen Fremdenrechts werden auch vermehrt Minderjährige wieder in Schubhaft kommen", sagt Korun. Ob Zinsberger dem Zuwachs gewappnet wäre? Der Oberst zuckt mit den Schultern. Es muss ihn nicht kümmern: Im Herbst wird es in der kleinen steirischen Gemeinde Vordernberg einen feierlichen Spatenstich geben. Was dort gebaut wird? Maria Fekters groß angekündigtes „Kompetenzzentrum für aufenthaltsbeendigende Maßnahmen." Anders ausgedrückt: Ein neues Schubgefängnis, mit Platz für 200 Menschen. (Maria Sterkl, derStandard.at, 25.5.2011)

Wissen

Im PAZ Roßauer Lände gibt es Platz für ca. 300 Schubhäftlinge in Gemeinschaftszellen und Einzelzellen. Für Frauen gibt es offenen und geschlossenen Vollzug, für Männer nur geschlossenen Vollzug - sie dürfen deshalb im Gegensatz zu den Frauen die Zelle nur für zwei jeweils einstündige Hofgänge verlassen. Offenen Vollzug für ca. 50 Männer gibt es im PAZ Hernalser Gürtel, wo der Großteil der Wiener Schubhäftlinge untergebracht ist. Familien, die vor der Abschiebung stehen, werden seit Jänner im ehemaligen Kardinal-König-Integrationshaus untergebracht. Seit Mitte Jänner sind dort 120 Menschen untergebracht worden.

  • Zelle 504: Hungerstreik
    foto: standard/fischer

    Zelle 504: Hungerstreik

  • Dame-Spielen gegen die Langeweile
    foto: standard/fischer

    Dame-Spielen gegen die Langeweile

  • Synthia isst seit vier Tagen nichts mehr
    foto: standard/fischer

    Synthia isst seit vier Tagen nichts mehr

  • Die Bibel gibt es in allen Sprachen

    Die Bibel gibt es in allen Sprachen

  • Ausblick
    foto: standard/fischer

    Ausblick

  • Sechs Stunden am Tag dürfen die Frauen die Zelle verlassen. Bei den Männern sind es nur zwei
    foto: standard/fischer

    Sechs Stunden am Tag dürfen die Frauen die Zelle verlassen. Bei den Männern sind es nur zwei

  • "Hofgang" bedeutet für die Frauen "Dachterrassengang". Hier streng verboten: "Oben ohne" sein. "Es gibt Grenzen", meint der Oberst
    foto: standard/fischer

    "Hofgang" bedeutet für die Frauen "Dachterrassengang". Hier streng verboten: "Oben ohne" sein. "Es gibt Grenzen", meint der Oberst

  • Die Gummizelle
    foto: standard/fischer

    Die Gummizelle

  • Unwidersprochener Wand-Protest
    foto: standard/fischer

    Unwidersprochener Wand-Protest

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