"Nicht ständig um Boulevard buhlen"

23. Mai 2011, 18:32
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Keine Zeit, wenig Geld, Redaktion als "Füllmaterial": Vorhofer-Preisträgerin Elfriede Hammerl vermisst Bedingungen für Medienqualität - Sie schilt die Politik wie Hochner-Gewinner Klaus Webhofer, der Streit sucht

Wien - Die Qualität des politischen Journalismus will die Fachgewerkschaft mit ihrem Vorhofer-Preis verbessern. Profil-Kolumnistin Elfriede Hammerl nahm ihn Montag entgegen und erinnerte daran, was Qualität entgegensteht.

"Gnadenloser Zeit- und Leistungsdruck", mehr und mehr prekäre Beschäftigung, sagt Hammerl: "Gehälter als Auswurfprämien. Keine Rede, dass man sich einer Recherche ausführlich widmen kann. Schon gar keine Rede davon, eine geplante Geschichte aufgrund von Recherchen über den Haufen zu werfen." Dieser Druck nehme zu. "Neu ist die ebenfalls zunehmende Tendenz, redaktionelle Beiträge nur noch als Füllmaterial zwischen Inseraten oder PR-Artikeln zu sehen. Welche Qualität soll dabei entstehen?" Die brauche das Gegenteil: gründliche Recherche, Nachdenken, sorgfältiges Formulieren.

"Freilich bedeuten Absicherung und hohe Bezahlung nicht automatisch Qualität." Hammerl an Verleger: "Sehr oft werden Leute in unserer Branche ja gerade dafür hoch bezahlt, dass sie genau das liefern, was wir unter Qualitätsjournalismus eben nicht verstehen. Die Tatsache, dass diese Stars dafür abkassieren, dass sie ihr Gewissen an welcher Garderobe auch immer abgeben, beweist nicht, dass Absicherung und gute Bezahlung guter Arbeit geradezu im Weg stehen." Namen nennt Hammerl nicht.

Die Politik lobe Qualitätsmedien und finanziere Boulevard. In der Präsidentschaftskanzlei, mit Blick Richtung Kanzleramt, appellierte Hammerl an die Politik:"Nicht ständig um den Beifall des Boulevards buhlen. Weder mit politischen Ankündigungen oder Handlungen noch mit dem Inseratenbudget."

"Lebendige Streitkultur"

ORF-Radiojournalist Klaus Webhofer bekam den Robert-Hochner-Preis für seine "Maßstäbe setzenden Interviews". Dabei "reden Politiker viel und sagen nichts", womöglich sei ihr Image auch deshalb so schlecht, vermutet Webhofer. "Lebendige Streitkultur" vermisst der Moderator von Im Klartext, nicht nur in der Politik: "Um das Streitgespräch als wichtiges Vehikel des öffentlichen Diskurses wird ein weiter Bogen gemacht." Die Standard-Absage laute: "Ja, sehr interessant, aber mit diesem oder jener geht das nicht." - Das würde die andere Person ja womöglich aufwerten. "Natürlich untergraben solche Hierarchien und Etiketten eine vernünftige Streitkultur. Streit ist extrem negativ besetzt in Österreich - und daher auch jedes Gespräch darüber. Das gilt übrigens nicht nur für Politikerinnen und Politiker. Interviews gern, aber Hände weg von Streitgesprächen. Da wird schon lieber hinterrücks gestichelt."

Webhofer hat die Politik im Aufsichtsrat: Der Stiftungsrat des ORF "spiegelt die Innenpolitik im Kleinen", sagte er.

Sisyphos im ORF

Bundespräsident Heinz Fischer erinnerte, er war bereits 1974 als Abgeordneter dabei gewesen, als via Verfassungsgesetz der Auftrag und die Unabhängigkeit des ORF beschlossen wurde. "Das Bemühen um einen unabhängigen, objektiven und qualitätvollen ORF ist unverzichtbar - aber er reicht an die Mühen des Sisyphos heran", sagte Fischer. Die derzeit bestehende verfassungsrechtliche Bestimmung dürfe man nicht aus den Augen verlieren. Der Präsident begrüßte auch die Wiedereinrichtung des Presserats als Organ der Selbstkontrolle. (fid, DER STANDARD; Printausgabe, 24.5.2011)

  • "Stars, die ihr Gewissen an der Garderobe abgeben" kritisiert Elfriede Hammerl.
    foto: standard/hendrich

    "Stars, die ihr Gewissen an der Garderobe abgeben" kritisiert Elfriede Hammerl.

  • Klaus Webhofer vermisst "lebendige Streitkultur", nicht nur in der Politik.
    foto: orf

    Klaus Webhofer vermisst "lebendige Streitkultur", nicht nur in der Politik.

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    Hammerl bei ihrer Rede.

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    Klaus Webhofer bei der Preisverleihung.

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