Er hat Hitler gesagt

23. Mai 2011, 12:39
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Eine Diskursproduktion in Cannes - Von Ekkehard Knörer

Cannes ist vorbei, viele Cinephile sind glücklich über die Palme für den Kino-Reklusen Terrence Malick. Der gibt grundsätzlich keine Interviews oder Pressekonferenzen und unterscheidet sich damit sehr deutlich vom Dänen Lars von Trier, dessen stets loses Mund- und Denkwerk diesmal dem Boulevard und angrenzenden Feuchtgebieten einen Skandal - oder Pseudoskandal - als gefundenes Fressen servierte. (Für eine nüchterne Einschätzung der Angelegenheit verweise ich sehr gerne auf den Standard-Kommentar von Claus Philipp.) Lars von Trier nämlich hat Hitler gesagt:

 

 
Hoppla, nein, falsches Video. Lars von Trier hat Hitler gesagt:

 

Das Festival erklärte Lars von Trier darauf zu "Persona non grata", unklar blieb, für wie lange der Bannspruch wohl gilt. Kirsten Dunst gewann trotzdem die Palme als beste Schauspielerin in von Triers "Melancholia", manch einer zeigte sich freilich stärker beeindruckt von Körpersprache und Mienenspiel auf der ominösen Pressekonferenz. Als Internet-Meme machte ihr Auftritt in einer Animated-Gif-Version sehr schnell die Runde. 

Sehr schön beobachten lässt sich an der ganzen Angelegenheit überhaupt, wie schnell ein Vorkommnis dieser Art heute in diverse Diskurs-Aggregatzustände überführt wird. Mit moralischem Ernst reagierte das Festival selbst und sah sich daraufhin im Auge eines Sturms aus Twitter- und anderen Social-Network- ebenso wie den üblichen feuilletonistischen Kommentaren und -Deutungsversuchen.

Aber auch Lars von Trier selbst, über seine eigene Performance sichtlich nicht ganz glücklich, betätigte sich in einer Serie von Interviews als Hermeneut seiner eigenen Blödheit und performte, weil es sein Modus als Künstler ist, trotzdem mit einem gewissen Mangel an Zerknirschung halbironisch weiter. Hier die von Triersche Selbstkommentierung im Bild:

Und natürlich konnte - anderes Meme - auch Adolf Hitler selbst in seinem Bunker die Angelegenheit nicht auf sich sitzen lassen. Zwei Tage nach dem Vorfall fand die sehr beliebte Serie von absurden "Untergang"-Untertitelungen endlich ihre erwartete, reichlich schlüpfrige  Fortsetzung.

Binnen weniger Tage hat das Ereignis so seine realen, viralen, feuilletonistischen, moralischen, bildreflexiven, ernsten und ironischen diskursiven Erregungspotenziale erschöpft. Mehr als sofort gesagt wurde, mehr als auf der Stelle in der Sekundärbearbeitung entstand, gibt es zur Sache nicht zu sagen. Jeder hat seine Rolle gespielt, der Sturm im Wasserglas geht zu den Akten. 

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    screenshot: cargo
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