Khartum schickt Truppen in umstrittene Provinz

22. Mai 2011, 19:39
160 Postings

Nordsudanesische Truppen sind in die Hauptstadt der umstrittenen Region einmarschiert - Damit droht ein neuer Krieg.

Khartum/Wien - Die Gründung der Republik Südsudan am 9. Juli droht genauso inmitten eines Krieges zwischen Nord und Süd stattzufinden wie bereits die Unabhängigkeitserklärung des Sudan im Jahr 1956. 1955 begann der Konflikt zwischen den beiden Landesteilen, der 2005 durch einen Friedensvertrag endgültig beigelegt werden sollte. Dieser gestattete dem Südsudan die Möglichkeit der Unabhängigkeit, für die die Südsudanesen im Jänner 2011 in einem Referendum votierten.

Die Autokratie von Omar al-Bashir hatte sich unter internationalem Druck - aber auch mit Zuckerbrot vonseiten der USA - relativ ruhig verhalten und zugesagt, die Referendumsergebnisse zu akzeptieren. Offenbar ist aber Khartum nicht gewillt, auf die umstrittene Region Abyei zu verzichten. Dort musste ein separates Referendum aufgeschoben werden, weil es keine Einigung darüber gab, wer wahlberechtigt sei. Die andauernden Scharmützel und Gewaltausbrüche mit Opfern auf beiden Seiten hat nun die sudanesische Regierung als Anlass für ein Eingreifen benutzt und die Armee einmarschieren lassen.

Das bestätigt eine Delegation des Uno-Sicherheitsrats, die sich derzeit in Khartum aufhält und die den Stand der Verhandlungen zur komplizierten Abwicklung des riesigen Staats ergründen sollte. International wird nun der Rückzug der Truppen aus Abyei gefordert. Ob und wie der Süden auf das nordsudanesische Eingreifen reagieren wird, war noch unsicher. Aus dem Norden heißt es, man säubere Abyei von "illegalen Kräften" .

Internationale Schlichtungsverfahren und zuletzt monatelange Verhandlungen haben keine Einigung zu Abyei, das bisher eine gemischt nord-südliche Verwaltung mit einer ebenso gemischten militärischen Präsenz hatte, herbeigeführt. Abyei lässt sich als kulturell zum Süden gehörend beschreiben, war aber durch einen britischen Beschluss ab 1905 - so auch zur Zeit der Unabhängigkeitserklärung 1956 - Teil des Nordens. Beide Ansprüche sind also nicht einfach vom Tisch zu wischen.

Der - relative, oft übertriebene - Ölreichtum der Region spielt für den Norden deshalb eine Rolle, weil die allermeisten Vorkommen im abfallenden Süden liegen. Es ist aber auch eine ideologische und emotionale Frage: Das Regime in Khartum, das psychologisch die "Schande" trägt, einerseits Frieden mit dem Süden geschlossen und ihn andererseits gerade deshalb verloren - und damit den Sudan zerschlagen - zu haben, zeigt, dass es seine Klientel, die nomadisierenden "arabischen" Stämme, nicht im Stich lässt. In diesem Fall sind es die Misseriya, die in Abyei ihre Viehherden grasen lassen. Das militärische Eingreifen zeigt, dass nun in Khartum, kurz vor dem Zerfall des Landes, einige Sicherungen durchbrennen. (DER STANDARD Printausgabe, 23.5.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Sudans Präsident Omar al-Bashir (links) mit dem südsudanesischen Präsidenten Salva Kiir im April in Juba.

     

  • Artikelbild
    grafik. standard
Share if you care.