Eine doppelte Oberlippe, Zungenzähne und eine Umlenkrolle für die Zunge

22. Mai 2011, 17:21
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Conodonten verfügten über einen aus heutiger Sicht ziemlich ungewöhnlichen Fressapparat

Zürich - Körperlich mögen sie Aalen von wenigen Zentimetern Länge geähnelt haben. Der Fressapparat der Conodonten jedoch war  - mit Blick auf die Wirbeltiere unserer Tage - ziemlich ungewöhnlich: Er wartete mit einer Art Fangzähne auf doppelten Oberlippen, stachligen Zähnen auf der Zunge und einer Art Umlenkrolle, um die Zunge vorwärts und rückwärts zu bewegen, auf.

Fressapparat der anderen Art

Wie sich Kiefer im Lauf der Evolution entwickelt haben, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Unter der Leitung des Paläontologen Nicolas Goudemand machten sich Forscher der Universität Zürich und der European Synchrotron Radiation Facility daran, dieses Rätsel zu lösen und untersuchten dafür auch Fossilien von Conodonten. Deren genaues verwandtschaftliches Verhältnis zu den eigentlichen Wirbeltieren ist nach wie vor unklar. Fest steht, dass sich Conodonten schon vor über 500 Millionen Jahren entwickelten, eine große Artenvielfalt hervorbrachten und gegen Ende der Trias vor 200 Millionen Jahren ausstarben, ohne direkte Nachfahren zu hinerlassen.

Für eine im Wissenschaftsmagazin PNAS veröffentlichte Arbeit analysierten Wissenschafter neue Conodonten-Fossilien, die aus der Zeit des Massensterbens am Übergang vom Perm zur Trias stammen. Bei einigen dieser Fossilien stellten die Forscher mehrere zahnartige miteinander verschmolzene Gebilde fest, die eine ungewöhnliche Position im Maul einnehmen. Aufgrund dieser Feststellung und basierend auf der Neubewertung von anderen ungewöhnlich ausgebildeten Conodonten-Fressapparaten entwickelten die Wissenschafter ein animiertes 3D-Modell, das zeigt, wie Conodonten fraßen.

Die meisten Conodonten hatten offenbar zwei Oberlippen: Auf jeder Oberlippe befand sich ein langes, fangzahnartiges Gebilde. Außerdem verfügten die Conodonten über eine Art Zunge, auf der sich ein komplexer Satz stachliger oder kammähnlicher "Zähne" befand. Die "Zunge" wiederum lag auf einem umlenkrollenartigen Knorpel und konnte dank zweier entgegengesetzt wirkender Muskeln vorwärts und rückwärts bewegt werden. "Zunge" und Lippen benutzten die Conodonten, um Futter zu ergreifen. Zwei Paar relativ robuster "Rachenzähne" zermahlten und zerschnitten anschließend die Nahrung.

Verwandte in der Gegenwart

Auch heute noch gibt es aber Tiere, die von den Conodonten zwar nicht abstammen, aber ihre nächsten Verwandten sein dürften: Die Neunaugen, die fälschlicherweise oft für Fische gehalten werden. Ihr Ernährungsmechanismus - ein kieferloses Rundmaul, das mit Hornzähnen gespickt ist - ähnelt dem der Conodonten. Beide Gruppen dürften einen gemeinsamen Vorfahren haben, der evolutionsgeschichtlich zu den ersten Wirbeltieren gehört haben muss. (red)

  • Der Fressapparat eines Conodonten - in Aktion können Sie ihn über den unten angefügten Video-Link sehen.
    foto: university of zurich, nicolas goudemand

    Der Fressapparat eines Conodonten - in Aktion können Sie ihn über den unten angefügten Video-Link sehen.

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