Sechs und Aus

17. Mai 2011, 16:58
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Am kommenden Wochenende fallen in der Football-Bundesliga die Entscheidungen über das Heim­recht für die beiden Halbfinalspiele, während der ehemalige Meister Salzburg eine für ihn katastrophale Saison zu Ende spielt

Es sei eine Verpflichtung, nicht nur seinem eigenen Team gegenüber, sondern auch den anderen Mannschaften in der Liga, die Saison anständig zu Ende zu bringen, erklärt Alexander Narobe, Obmann und Head Coach der Salzburg Bulls in einer Person, wenn man ihn nach der Sinnhaftigkeit des Unterfangens AFL aus Sicht der Mozartstädter befragt. Ein Seitenhieb auf die St. Pölten Invaders, die vor Saisonstart das Übel für sich kommen sahen und kurzfristig aus dem AFL-Boot stiegen, um heuer ausschließlich Freundschaftsspiele zu bestreiten. Das macht man nicht und das wird man von Salzburg nicht sehen, so lange er dort das Sagen hat, meint Narobe. St. Pölten sieht das ganz anders und die Invaders, die sich tatsächlich nach dem 80er-Jahre Videospiel Space Invaders benannt haben, die sind heute froh darüber, die Sache - spät aber doch - abgeblasen zu haben. Was man sich erspart hat, das sehen sie Woche für Woche anhand der Salzburger Stiere, einst zweifacher Meister, auch wenn es schon lange her ist. Nächste Saison will man wieder Liga spielen. Irgendwo unterhalb der AFL allerdings.

Keine Gegenrede geduldet

Einer der beiden Salzburger US-Profis, Nick Garrat, ehemals Linebacker im Schatten Clay Matthews' bei den USC Trojans, stellte diese Sinnfrage vor versammelter Mannschaft und wurde prompt von Narobe nach Hause geschickt. Auch das duldet der Boss nicht: Widerspruch. Es wird getan, was getan werden muss. Da ist man ganz professionell. Der andere US-Amerikaner spielt weiter, vermisst seinen Mitspieler aus Übersee nicht nur abseits des Feldes. „Ganz offensichtlich gehören wir nicht in diese Liga", sagte Bulls Quarterback Dustin Willingham (Video: http://vimeo.com/23762827) nach der nächsten kapitalen Niederlage in Wien. „Es ist frustrierend und mit Nick hatten wir auf beiden Seiten der Line einen verlässlichen Mann." Wieder ein Widerspruch und wieder kommt er von einem Legionär.

Man könne den anderen Teams nicht Heimspiele wegnehmen, indem man die Sache einfach hinschmeißt. So lautet ein weiteres Argument von Narobe pro Durchhalten und schenkte den Dragons sogleich das Heimrecht für ihr gemeinsames Spiel, welches im März wegen Schlechtwetter in Salzburg abgesagt werden musste. Ein Zuviel an Ehrfurcht vor der Obrigkeit wie ich meine, zudem die Nationalteamspieler der Dragons, eben durch diese Verlegung des Spielorts in den Osten des Landes, ein veritables Problem mit dem AFBÖ bekamen, da sie eigentlich in Innsbruck beim Camp des Teams hätten sein sollen. Was schwierig wurde, wenn ein Ligaspiel gleichzeitig in Wien stattfindet. So fand man einen Kompromiss und teilte die sieben Nationalteam Spieler der Dragons zwischen der Bundeshauptstadt und Tirol auf. Diese gut gemeinte Idee war einem Mann zu viel: Dragons O-Liner Daniel Brandmayr, seit 2006 im Kader des Nationalteams, sagte für die WM ab.

324 Punkte haben die Bulls in fünf Spielen kassiert, um pro Spiel im Schnitt genau sieben zu erzielen. Es gab keinen Gegner heuer, gegen den man nicht unter die Räder kam. Das 16:51 gegen die Graz Giants war der größte „Erfolg" soweit, vergleicht man das mit den beiden letzten Spielen gegen Prag (0:79) und letzten Sonntag gegen die Dragons (6:80). Und so lange ist es nicht her, nämlich nur fünf Jahre, als die Bulls die Dragons noch geschlagen haben. Sie lesen richtig. Die Salzburger warfen die Drachen aus dem Division 1-Playoff. Seither lief bei den Wienern ebenso viel richtig wie bei den Salzburgern falsch, die gerade noch mit 24 Mann nach Wien kamen.

Wozu hat man Freunde?

Der letzte Weg führt die Salzburger auf den Tivoli zu den befreundeten Raiders. Diese Freundschaft, die sich in regelmäßigen Lobpreisungen der Innsbrucker seitens der Salzburger manifestiert, ist eine Sache - ähnlich wie das geschenkte Heimrecht an die Dragons - die sich dem Betrachter von außen völlig verschließt und ratlos macht. Mit Lukas Miribung, Benedikt Brugnara und Gerald Breymann verließen - zum wiederholten Male! - Schlüsselspieler der Bulls - im Fall Miribung und Breymann im Streit - die Salzburger vor Saisonstart noch Richtung Westen. Miribung hat sich in Innsbruck verletzt, aber Breymann und Brugnara sind heute wichtige Bausteine im System Swarco, die den Bullen einfach hinten und vorne fehlen. Die Freundschaft ist daher sehr einseitig und erneut von Schicksalsergebung getragen, denn die Bulls haben davon, dass eine kurze Autobahnfahrt weiter westlich die europäische Spitzenklasse sich an der Creme ihres Kader labt, genau gar nichts, außer ein nettes „Danke, ganz lieb!". Das sind die Raiders, da kann man halt nichts machen, so Narobe fatalistisch.

Nach dem Spiel werden die Bulls Sechs und Aus gehen, denn die Aussicht auf einen Sieg, die gibt es nicht. Und das sage ich eigentlich so gut wie nie über Spiel. Das dauert sonst 48 Minuten, der Ball ist eiförmig und muss ins Eckige, es ist aus, wenn der Schiedsrichter abpfeift und aufgegeben wird nur ein Brief. Nicht so hier. Nicht bei einem Team, welches gegen die Vikings, Raiders und Panthers alleine im ersten Viertel jeweils fünf oder mehr Touchdowns kassierte. Danach will der Klub versuchen, sich weiter unten wieder zu erholen. In der Division 1 warten mit den Kornmesser Rangers (sollten sie nicht aufsteigen), den Vienna Knights und den Farm Teams der Vikings und Raiders zumindest vier Klubs, gegen die sie heute schon Probleme haben würden. Die Invaders, gegen die man die Division 1 2009 verlor und die man in der AFL nie schlug, die sind dann vielleicht auch dort. Und wenn es ganz blöd kommt, dann stellen sich auch die Black Lions als Zweitliga-Team 2012 auf. Das könnte also sogar in einen freien Salzburger Fall noch ausufern, wenn nicht bald jemand Halt schreit. Und Salzburg ist nicht irgendein Kaff, welches am Ende aller Überlegungen eh keiner braucht, sondern Landeshauptstadt und traditionelles Footballterrain, welches mal Meister hervorgebracht hat. Mehr Biss und weniger Ergebenheit, weniger Ohnmacht gegen die allmächtigen Dachverbände, aber auch weniger Machtbeweise gegen Profis, die aus ihrer Erfahrung heraus sagen was Sache ist, wenn es auch hart klingt, wären gefragt.

Als Liptau noch bei Österreich war

Wenden wir uns erfreulicheren Dingen zu. Die Football-Welt, vertreten durch Australien, Deutschland, Frankreich, Japan, Kanada, Mexiko, Schweden (IFAF Präsident Tommy Wiking) und den USA war am vergangenen Wochenende zu Gast in Österreich und begutachtete im Rahmen eines Technical Meetings unsere WM-Facilities und -Stadien - ob eh alles nach Plan läuft und so ist, wie es sein sollte. Und die Kritik fiel querbeet positiv, teilweise euphorisch aus. Der Verband hat die Teilnehmerländer beeindruckt, auch Scott Hallenbeck, CEO des US-Amerikanischen Teams, zeigte sich hoch erfreut, als er das Ernst Happel-Stadion erstmals sah. Fast so „big" wie zu Hause - das hatte er ganz offensichtlich nicht erwartet, eher wohl einen Sportplatz mit zwei Hot Dog-Ständchen. Auch das Tivoli und die UPC Arena wurden abgenickt und mit einer Charmeoffensive (Austria = Recreation Country), garniert mit historischen Halbwahrheiten - Liptauer, Gulasch, Schnitzel - alles unsere Erfindungen! - brachte man sogar die japanische Fraktion dazu, ein Jungschwein ohne Reis zu vertilgen. Mit der WM-Organisation ist der AFBÖ auch gut zugedeckt, um die Liga wird er sich aber schon im Spätsommer kümmern müssen.

Duelle um das Halbfinal-Heimrecht

Die (Liga) geht aktuell nun in die Zielgerade. Die Playoffteilnehmer stehen fest, das Heimrecht noch nicht. Die Nummer eins des Grundurchgangs wird die Nummer vier, die Nummer zwei die Nummer drei empfangen.

Mit den Swarco Raiders und Raiffeisen Vikings können zwei Mannschaften aus eigener Kraft noch das Heimrecht erreichen. Ausgehend von einem deutlichen Sieg der Raiders über die Bulls, werden die Tiroler wohl ein Semifinale hosten. Dahinter wird es eng. Die besten Chancen auf das Heimrecht haben danach die Raiffeisen Vikings, die mit einem Sieg über die Dragons dieses fixieren könnten. Verlieren Sie die „Blue River Bowl" jedoch (sie haben noch nie eine gewonnen), dann landen die Graz Giants auf Platz zwei der Abschlusstabelle, vorausgesetzt sie schlagen die Prague Panthers zu Hause. Auch die Danube Dragons haben noch eine kleine Chance, aber dazu müssten, neben einem deutlichen Sieg ihrerseits über die Vikings auf der Hohen Warte, tags zuvor die Giants den Pragern unterliegen. Die Variante ist auch die am höchsten unwahrscheinliche, da die Prager bislang nur deutliche Niederlagen von Vertretern der großen vier Teams in der AFL bezogen haben.

Auf Football-Austria werden sie alle drei Spiele live verfolgen können. Giants-Panthers und die Blue River Bowl zwischen Vikings und Dragons laufen im Webradio (in Graz mit Webcam), Raiders-Bulls wird auf FA via raidersTV zu sehen sein.

AFL Letzte Runde:

Graz Giants vs. Prague Panthers
Samstag, 21. Mai, Kickoff 16:00, Stadion Graz Eggenberg

Swarco Raiders Tirol vs. Salzburg Bulls
Samstag, 21. Mai, Kickoff 17:00, Tivoli Innsbruck

Raiffeisen Vikings vs. Danube Dragons
Sonntag, 22 Mai, Kickoff 15:00, Hohe Warte Wien

  • Allein unter Drachen. Bulls Quarterback Dustin Willingham und einer der längsten Nachmittage seiner Karriere.
    foto: stefan wilfinger/afl-headset.at

    Allein unter Drachen. Bulls Quarterback Dustin Willingham und einer der längsten Nachmittage seiner Karriere.

  • WM-Finale im Ernst Happel-Stadion. Bisher wurden 16.000 Tickets im Vorverkauf abgesetzt. Der AFBÖ darf auf ein gut gefülltes Prater Oval im Juli hoffen.
    foto: christoph liebentritt

    WM-Finale im Ernst Happel-Stadion. Bisher wurden 16.000 Tickets im Vorverkauf abgesetzt. Der AFBÖ darf auf ein gut gefülltes Prater Oval im Juli hoffen.

  • Der Autor beim ambitionierten Versuch einer Trophäenentführung, die leider am Gewicht des Teils scheiterte. Der Sockel ist aus Beton.
    foto: eschlböck

    Der Autor beim ambitionierten Versuch einer Trophäenentführung, die leider am Gewicht des Teils scheiterte. Der Sockel ist aus Beton.

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