Rutsch nach Süden

11. Mai 2011, 19:18
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Wie bei fast jedem populistischen Blödsinn gibt es Spurenelemente von Wahrheit

Der Grieche ist ja an sich faul und macht sich für unser Geld ein gutes Leben - schreien die österreichischen und die deutschen Krawallzeitungen. Das Mindeste wäre daher, schreibt jetzt allen Ernstes der neue Chefredakteur von Heute, dass die Griechen uns umsonst Urlaub machen lassen. Wie bei fast jedem populistischen Blödsinn gibt es dabei Spurenelemente von Wahrheit.

Die griechische Politik hat der EU und bis vor kurzem der griechischen Bevölkerung erfolgreich eingeredet, dass es möglich ist a) fast die halbe Bevölkerung im geschützten Sektor (beim Staat) anzustellen, b) auf die effiziente Einhebung von Steuern weitgehend zu verzichten und c) trotzdem den Wohlstand fast ausschließlich auf Schulden zu schaffen. Griechenland ist aus historischen Gründen (500 Jahre osmanische Fremdherrschaft) ein Staat ohne viel Bürgersinn seiner Bewohner. Die Loyalität gilt fast nur dem eigenen Clan. Außerdem war Griechenland eine Hochburg des Populismus: Die Parteien (ganz besonders die Konservativen) verteilten, was sie nicht hatten. Und jetzt kommt der Staat und muss die Goodies den Bürgern teilweise wieder wegnehmen. Aus Protest bestreiken die Griechen ihre letzte größere Einnahmequelle, den Tourismus.

Die österreichischen Populisten und Krawallzeitungen mokieren sich darüber. Sie haben nicht begriffen, dass Österreich bezüglich Verschuldung und Verteilungsmentalität langsam nach Süden rutscht. (Hans Rauscher, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 12.5.2011)

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