"Natur lässt sich vielleicht nicht theatralisieren"

11. Mai 2011, 17:14
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Mit Christoph Marthalers Grönland-Stück "±0" geht am Donnerstag die erste Premiere an den Start. Schauspielchefin Stefanie Carp im Wordrap

 Ronald Pohl war Stichwortgeber.

Mobilität: Das Schauspielprogramm beschäftigt sich thematisch mit den Enden der Welt im doppelten Sinn, nämlich mit dem sozialen und ökologischen Ende unserer Lebenswelt, den Rändern (Enden) der Welt, an denen die leben, die an unserer Lebenswelt nicht teilhaben, und auch in subjektiver Hinsicht mit der Abgewandtheit von der Welt. Ein Topos vieler Inszenierungen ist Mobilität. Die unfreiwillige und die freiwillige. Die Zwangsumsiedlungen, Arbeitsmigration, den Geldströmen und Ölströmen hinterher, wie zum Beispiel in Stefan Kaegis Arbeit Bodenprobe Kasachstan. Auf der anderen Seite die privilegierte Mobilität, die Geschwindigkeit des Überall-sein-Könnens, die Nicht-Gebundenheit an eine Kultur, Ungebundenheit als Privileg derer, die zu den vermeintlichen Zentren der Welt gehören. Zur Betonung dieser Zwei- und Mehrwertigkeit steht auch das Subpolare Basislager von Christoph Marthaler am Beginn des Schauspielprogramms.

 

Ressourcen: Ich hatte ursprünglich vor, das Schauspielprogramm unter das Thema "Wasser" bzw. "Klima und Ressourcen" zu stellen, was Natur, unser versöhntes oder unversöhntes Verhältnis zur Natur impliziert hätte. Es ist mir aber nicht gelungen, die Künstler für dieses Thema zu begeistern. Ich dachte mir, dass Natur und politische Ökologie sich vielleicht nicht theatralisieren lassen. Außerdem wollte Luc Bondy die beiden Chéreau-Inszenierungen und natürlich seine eigene Ionesco-Inszenierung. Die haben mit diesem Thema nichts zu tun, sind aber budgetär sehr zentral. Da hatte sich aber Christoph Marthaler in Grönland, den Ort und das Sujet, verliebt, wobei er es abgelehnt hat, das Thema Klima in dieser Arbeit zentral zu machen.

 

Grönland: Die Grönländer werden von der Eisschmelze profitieren, weil sie jetzt an ihre Bodenschätze und an das Öl in der Arktis rankönnen. Man trifft dort viele internationale Kommissionen, die Bohrungen vornehmen und die Vorkommen taxieren. Grönland wird ökonomisch unabhängig, und andere Teile der Welt werden überschwemmt werden. In Christophs Inszenierung kommt ein Textausschnitt aus Alfred Döblins Roman Berge, Meere und Giganten vor. Da gibt es bereits ein Kapitel über die "Enteisung Grönlands".

 

Nuuk: Die Unterschiede des Lichtes, der Temperatur, der Natur zu unserer Umgebung sind gewaltig und überwältigend. Nuuk ist wahrscheinlich eine typisch arktische Stadt. Die Häuser weit verstreut. Teilweise Neubauten von dänischen Architekten oder scheußliche Sozialbauten, in die in den 50ern die verstreut lebenden Grönländer von den Dänen hineingezwungen wurden. Daneben viele buntbemalte Holzhäuser wie in Nordskandinavien. Dabei ist Holz etwas, das es in Grönland nicht gibt, sondern aus Dänemark angeliefert wird. Das Ganze hat etwas sehr Hybrides.

Die Inuit-Bevölkerung Grönlands wurde nach dem Zweiten Weltkrieg brutal in die Moderne gerissen. Vorher wurden sie absichtsvoll von ihr ausgeschlossen, weil die Dänen gute Geschäfte mit dem Seehundfetthandel machten und die Grönländer als Jäger brauchten. Heute leben viele ehemalige Jäger und Fischer von Sozialhilfe. Wirkliche Armut habe ich nicht gesehen. Aber viele Menschen sind psychisch in Not.

 

Theaterkunst am Ende der Welt: Christoph Marthaler hat zwei grönländische Darstellerinnen in sein vorwiegend schweizerisches Ensemble integriert, dem auch ein Franzose und eine Engländerin angehören. Die Arbeit wurde vier Mal im Kulturzentrum von Nuuk, in dem auch geprobt wurde, gezeigt. Christoph wollte auf keinen Fall die sozialen Probleme der Grönländer vorführen: die besoffenen Grönländer, die mit dem neuen Leben nicht zurechtkommen, auch eine Exotik wollte er nicht vorführen. Es geht um unser Empfinden in einer fremden Welt und um die Vermischung von Kulturen, die Klassifizierung von Sprache, um Isolation und Einsamkeit. Manchmal geht es auch um das Klima. Der fremde Ort Grönland oder besser gesagt: das Grönland-Gefühl wird evoziert mit Musik, mit Bildern. Es ist eine sehr visuelle Arbeit.

 

Wien: Österreich hat sehr harte Migrationsgesetze. Aber Deutschland benimmt sich diesbezüglich fast genauso schlecht. Offenbar können sich beide Länder nicht auf den Umstand einstellen, Einwanderungsländer zu sein. Die Debatte um die Schüler mit migrantischem Hintergrund ist im Grunde die gleiche wie in den Siebzigerjahren die Debatte um die Chancengleichheit für Arbeiterkinder. Einerseits geben sich die Politiker diesbezüglich besorgt und regen Intergrationsprojekte speziell in Kunst und Kultur an, auf der anderen Seite werden Gelder für Ausbildung gestrichen und immer mehr Privatschulen gegründet. Es geht nach wie vor darum, einen Teil der Menschen auszuschließen und wegzusperren. Es geht noch nicht mal um Rassismus, sondern um Verteilungkämpfe: Wer darf dabei sein, und wer soll bitte schön im Township verbleiben.

Hinterhäuser/Langhoff: Das ist auf jeden Fall interessant. Ich finde auch gut, wenn die Musik ins Zentrum rückt. Auch den Dreijahresrhythmus der künstlerischen Leitung finde ich gut, weil sich die Festwochen dann alle drei Jahre radikal verändern müssen. Leider wird die Macht des Apparates dadurch sehr gestärkt. Irritiert war ich von der Kritik, zu wenig Eigenproduktionen im Schauspiel entwickelt zu haben. Ich muss doch nicht Schutz vor der Zukunft, Riesenbutzbach, Othello, Exhibit A, die Arbeit von Schorsch Kamerun, Compartment City etc. aufzählen; erstere beiden touren immer noch international. Fakt ist, dass die Festwochen zum Produzieren nicht wirklich ausgestattet sind. Deshalb sind Eigenproduktionen sehr teuer. Durch die Spartenauflösung hat allerdings das neue Intendantenteam mindestens das dreifache Budget meines Schauspielbudgets.   (DER STANDARD, Printausgabe, 12.5.2011)

 

  • Stefanie Carp, Schauspielchefin der Wiener Festwochen bis 2013, begrüßt 
das künftige Dreijahresmodell der Festwochen-Leitung und die Aufwertung 
des Musikbereichs.
Carp, in Hamburg geboren, ist Dramaturgin und seit 2008 für das 
Schauspielprogramm der Wiener Festwochen verantwortlich. Sie gehört 
neben Anna Viebrock zum inneren Kern des Teams um Christoph Marthaler.
    foto: standard / christian fischer

    Stefanie Carp, Schauspielchefin der Wiener Festwochen bis 2013, begrüßt das künftige Dreijahresmodell der Festwochen-Leitung und die Aufwertung des Musikbereichs.

    Carp, in Hamburg geboren, ist Dramaturgin und seit 2008 für das Schauspielprogramm der Wiener Festwochen verantwortlich. Sie gehört neben Anna Viebrock zum inneren Kern des Teams um Christoph Marthaler.

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