64.000 Österreicher sind spielsüchtig

10. Mai 2011, 13:38
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Erste Repräsentativstudie weist überdurchschnittlich hohe Zahl an Süchtigen aus - Größte Gefahr geht von Spielautomaten aus - Kritik an Glücksspielgesetz

Wien - Österreich hat ein Problem mit Glücksspielautomaten: Mit knapp zwei Prozent ist der Anteil der Nutzer der Geräte in Spielhallen oder Casinos zwar gering, überdurchschnittlich hoch ist aber die Zahl der Süchtigen. "Jeder Dritte, der in den letzten zwölf Monaten am Automaten war, hat ein Problem oder ist pathologischer Spieler", erklärte Wissenschafter Jens Kalke am Dienstag in Wien bei der Präsentation der ersten Repräsentativstudie über Glücksspielverhalten in Österreich, durchgeführt vom Gallup-Institut. Harsche Kritik gab es dabei am erst 2010 novellierten Glücksspielgesetz.

Insgesamt haben 64.000 Österreicher ein Problem mit der Teilnahme an Casino- oder Automatenspielen, Lotterien bzw. Wetten oder beschäftigen sich damit sogar krankhaft. Dieses Untersuchungsergebnis entspricht dem europäischen Durchschnitt, erklärte Kalke. Auch Onlinespiele sind laut der Erhebung nicht ungefährlich: Fünf Prozent der User haben ein Spielproblem, elf Prozent sind zumindest gefährdet.

Gesetzesänderung gefordert

Als bedenklich beurteilte Kalke den Umgang mit Sportwetten, die in Österreich - anders als in übrigen europäischen Staaten - als Geschicklichkeitsspiele eingestuft werden. Die Umfrage habe gezeigt, dass jeder siebente Teilnehmer ein problematisches oder pathologisches Verhalten zeige, warnte der Hamburger Wissenschafter. Der Auftraggeber der Befragung, die ARGE Suchtvorbeugung, forderte daher eine Gesetzesänderung in Richtung einer Klassifizierung als Glücksspiel.

Auch der Autor der Studie ortete bei der erst im Sommer novellierten Gesetzgebung "Nachbesserungsbedarf": Derzeit könne man am Automaten zehn Euro zahlen und in ein bis zwei Sekunden 10.000 Euro gewinnen. Ein wichtiger Schritt wäre technischer Spielerschutz in Form einer anderen Struktur - sprich einer längeren Spieldauer, Pausen und niedrigeren Limits, die das Gerät zum Unterhaltungsautomaten umfunktionieren würden, erklärte Kalke. Dies würde viele Diskussionspunkte über Suchtverhalten erübrigen. Das 2010 beschlossene Glücksspielgesetz ging genau in die andere Richtung: Die Höchsteinsätze beim sogenannten kleinen Glücksspiel wurden von 0,50 auf zehn Euro, die Höchstgewinn von 20 auf 10.000 Euro angehoben (in Automatensalons).

Hoher Automatenspieleranteil in Wien

Die von 2009 bis 2011 durchgeführte repräsentative Befragung ergab weiters, dass 42 Prozent der 14- bis 65-Jährigen in den zurückliegenden zwölf Monaten an irgendeiner Form von Glücksspiel teilnahmen, auch bei den 14- bis 17-Jährigen waren es bereits knapp zehn Prozent. Wien fiel wegen des hohen Automatenspieleranteils von 2,8 Prozent - gegenüber 0,1 bis 1,4 Prozent im Rest Österreichs - auf. Zurückgeführt wird dies unter anderem auf eine doppelt so hohe Gerätedichte.

Glücksspielsucht wird ebenso wie andere Abhängigkeiten, zum Beispiel von Alkohol oder Drogen, von den Suchtpräventionsfachstellen der Bundesländer finanziert, erklärte Chrisoph Lagemann, Obmann der ARGE Suchtvorbeugung. "Aber die Unterfinanzierung ist katastrophal." Nur 1,9 Prozent der Gesundheitsausgaben würden in die Prävention fließen, pro stationärem Patient bekäme das jeweilige Bundesland 0,5 Cent bis einen Euro. Problematisch sei auch, dass viele Spielschutzeinrichtungen durch die Industrie finanziert würden. In der Studie werden unter anderem folgende Empfehlungen für eine bessere Glücksspielsuchtprävention genannt:

- Bessere Schulungen für das Aufsichtspersonal bezüglich Sucht und Erkennen von Problemspielern

- Namentliche Registrierung der Besucher in allen Spielstätten und ein vernetztes Sperrsystem

- Schaffung einer Sperrdatei für Sportwetten plus Vernetzung mit den Systemen in Casinos und Spielhallen

- Entsprechende Jugendschutzgesetzgebung inklusive des Teilnahmeverbots an jeglichem Glücksspiel für Minderjährige und Alterskontrollen in allen Spielstätten (APA)

Wissen:

Problemgruppe: Bei 18- bis 35-Jährigen, Personen mit einem Pflichtschulabschluss und Arbeitslosen gibt es eine überdurchschnittlich häufige Nachfrage nach klassischen Casinospielen, Sportwetten und Glücksspielautomaten - sowie ein erhöhtes Risiko für Spielprobleme. Letzteres gilt auch für gering Verdienende und Personen mit Migrationshintergrund.

Pathologisches Spielen: Den höchsten Anteil weisen mit 47 Prozent die Nutzer von Automaten in Spielhallen auf. Gleich dahinter folgen Sportwetter (20 Prozent), danach klassische Casinospieler (17 Prozent) sowie Automatenspieler im Casino (15 Prozent). 16 Prozent der pathologischen Spieler klassischer Casinogames sind arbeitslos.

Spielsucht: Sie gilt im Fachkreis als Impulskontrollstörung und tritt selten alleine auf. Als Begleiter gelten Alkoholismus, Depressionen und soziale Störungen. In der Spielsuchtambulanz "de La Tour" in Kärnten berichteten 14 Prozent der stationären Patienten über ernsthafte Selbstmordversuche und mehr als 40 Prozent über Alkoholprobleme.

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