"Forschung an Embryonen ist vertretbar"

3. Mai 2011, 19:08
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George Daley ist einer der weltweit führenden Stammzellenforscher - Robert Czepel sprach mit ihm über das langfristige Ziel, die Heilung von Krankheiten durch Stammzelltherapie zu ermöglichen

STANDARD: Vor drei Jahren hat das Fachjournal "Science" Forschungen mit Stammzellen zum wissenschaftlichen "Durchbruch des Jahres" erklärt. Sie waren einer der ausgezeichneten Forscher - was war der Durchbruch und worin bestand Ihr Beitrag?

Daley: Der Durchbruch war etwas, was wir "Krankheiten in der Petrischale" nennen: die Fähigkeit, Zellen zu kultivieren, die von Patienten mit spezifischen Krankheiten stammen. Mein Team hat das für etwa ein Dutzend verschiedene Erkrankungen getan, etwa Muskuläre Dystrophie, Parkinson, Down-Syndrom und die Huntington-Krankheit. Das ermöglicht uns nun, all diese Krankheiten bis ins molekulare Detail zu studieren - das war vorher nicht möglich.

STANDARD: Warum?

Daley: Natürlich gab es auch schon vorher Modelle dieser Krankheiten. Etwa bei Mäusen, die ähnliche Mutationen tragen wie erkrankte Menschen. Aber diese Modelle sind nicht perfekt. Eine Maus ist eben kein Mensch. Der Witz an der Sache war: Wir haben Zellen der Patienten genetisch reprogrammiert, sodass sie plötzlich unsterblich wurden. Sie konnten sich ohne Unterlass teilen. Dieser Zustand nennt sich "Pluripotenz": Solche Zellen können sich in alle möglichen Zelltypen entwickeln. Das eröffnet die Möglichkeit, Wirkstoffe zu testen. Gelänge es, die Krankheiten in der Petrischale auszuschalten, könnten die Zellen auch als Transplantate dienen und beschädigte Organe reparieren.

STANDARD: Was passiert eigentlich im Inneren einer Zelle, wenn sie reprogrammiert wird?

Daley: Seit dem Klonschaf Dolly wissen wir: Jede Körperzelle hat im Prinzip das Potenzial, einen ganzen Organismus aufzubauen, sofern ihr Kern in eine Eizelle transferiert wird. Der Japaner Shinya Yamanaka hat vor ein paar Jahren an Mauszellen gezeigt, dass man einen ähnlichen Zustand durch Zugabe von ein paar Genen erreichen kann. Wir haben diesen Vorgang dann an humanen Hautzellen wiederholt. Das ist in etwa so, als würde man einen Computer neu starten.

STANDARD: Aber Sie haben auch gezeigt, dass dieser Neustart nicht komplett ist.

Daley: Eine Hautzelle behält immer noch ein gewisses Gedächtnis an ihre Vergangenheit, wenn sie künstlich in den Zustand der Pluripotenz versetzt wird. Sie wird leichter zu einer Hautzelle als zu einer, sagen wir, Blutzelle.

STANDARD: Könnte man dieses Gedächtnis löschen?

Daley: Im Prinzip ja. Aber es würde lange dauern. Und der Nachteil ist: Je länger die Zellen kultiviert werden, desto eher häufen sie Mutationen an - Mutationen, die auch krebsartige Veränderungen auslösen können.

STANDARD: Als Yamanaka diese induzierten pluripotenten Stammzellen, kurz ipS-Zellen, präsentiert hatte, hoffte man, sie könnten Stammzellen aus Embryonen ersetzen. Diese Hoffnung hat sich nicht ganz erfüllt. Was sind die Unterschiede zwischen beiden?

Daley: Die Unterschiede sind subtil. IpS-Zellen haben etwa ein höheres Risiko, zu Tumoren zu werden. Das liegt unter anderem daran, dass wir Viren benötigen, um sie herzustellen.

STANDARD: Ein Argument, das häufig für die Forschung an ipS-Zellen ins Treffen geführt wurde, lautet: Man muss für ihre Herstellung keine Embryonen zerstören. Das Argument basiert auf einer Annahme, die vor allem im Katholizismus wichtig ist: Dass nämlich die Menschenwürde bereits in einem befruchteten Embryo liegen würde.

Daley: Ich bin Mediziner und ehre das menschliche Leben. Aber es gibt einen dramatischen Unterschied zwischen dem Leben, Atmen und Fühlen meiner Patienten und dem Leben einer einzelnen Zelle. Es ist vertretbar, Embryonen für die Forschung zu verwenden, wenn diese Forschung dazu beiträgt, das Leid kranker Menschen zu mindern. Diese Embryonen würden sonst als medizinischer Abfall im Müll landen.

STANDARD: Interessanterweise haben viele andere Religionen weniger Probleme mit der Forschung an embryonalen Stammzellen. Das Judentum etwa oder der Islam sind hier eindeutig liberaler.

Daley: Da haben Sie recht. Ein Kollege von mir hat es einmal so ausgedrückt: Wenn das Eichhörnchen mit einer Eichel davonläuft, empfinden wir etwas anderes, als wenn eine majestätische Eiche durch einen Blitzschlag zerstört wird. Ich halte das für eine treffende Analogie.

STANDARD: Zurück zur Medizin: Wie weit ist nun die Forschung in Richtung Stammzelltherapien gediehen?

Daley: Mittelfristig werden Stammzellen wohl vor allem bei der Entwicklung von Medikamenten eine Rolle spielen. Langfristig würden wir natürlich gern die Zellen selbst zur Heilung einsetzen, zum Beispiel bei Nieren- oder Leberversagen.

STANDARD: Wie lange könnte das dauern?

Daley: Momentan laufen gerade erste klinischen Versuche an - zu Stammzelltherapien für Rückenmarksverletzungen. Das dauert sicher noch Jahrzehnte. Ein Beispiel: Die sogenannten monoklonalen Antikörper wurden 1975 beschrieben, zehn Jahre danach gab es die ersten Versuche an Patienten. Bis sie integraler Bestandteil der Medizin wurden, hat es nochmals zwei Jahrzehnte gedauert.

STANDARD: Die Therapien von Rückenmarksverletzungen haben bei Mäusen und Ratten funktioniert. Werden sie auch beim Menschen funktionieren?

Daley: Es ist zu früh, um das zu sagen. Selbst die ersten klinischen Versuche werden diese Frage noch nicht beantworten können. (DER STANDARD, Printausgabe, 04.05.2011)

 


George Q. Daley ist Professor für Biochemie und molekulare Pharmazie an der Harvard Medical School sowie Direktor des "Stem Cell Transplantation Program" des Children's Hospital Boston. Auf Einladung des Forschungszentrums für molekulare Medizin CeMM der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hielt Daley kürzlich in Wien die fünfte "Landsteiner Lecture": "Stem cells and regenerative medicine: breakthroughs and battles."

  • Stammzellenforscher George Q. Daley gelang mit "Krankheiten in der Petrischale" vor drei Jahren ein Durchbruch.
    foto: standard/corn

    Stammzellenforscher George Q. Daley gelang mit "Krankheiten in der Petrischale" vor drei Jahren ein Durchbruch.

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