Die Quadratur der Muslimbrüder

3. Mai 2011, 18:50
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Ägyptens Islamisten gründen eine - von ihnen unabhängige - Partei

Kairo/Wien - Die "Freiheits- und Gerechtigkeitspartei" ist fürwahr ein komplexes Konstrukt: eine Gründung der ägyptischen Muslimbrüder, die am Wochenende bei ihrer ersten Shura-Versammlung seit 1995 auch gleich die Parteiführung bestimmten - dabei soll die Partei "unabhängig" sein und nichtreligiös (was dem Gesetz widersprechen würde), gleichzeitige "Koordination" zwischen Muslimbrüdern und Partei nicht ausgeschlossen. Und kein Muslimbruder darf einer anderen Partei außer der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei beitreten.

Damit der Unabhängigkeit wenigstens optisch Genüge getan wird, müssen die neu gekürten Parteichefs - allesamt alte Funktionäre der Bruderschaft - nun ihre Bruderschaftsfunktionen zurücklegen. Mohammed Morsy, Parteipräsident, Essam al-Erian, dessen Vize, und Saad al-Katatny als Generalsekretär mutieren so quasi zu Jungpolitikern.

"Paradox" nennen das laut der ägyptischen Tageszeitung Al-Masry al-Youm auch etliche junge Muslimbrüder, die sich einen echten ideologischen Neuanfang wünschen. Hinzu kommt, dass Mosry, der als Unabhängiger für die (jahrzehntelang verbotene) Muslimbruderschaft im Parlament saß, als besonders streng und altmodisch gilt. Die Jungen wollen mehr Frauen und Politiker ihrer Generation sehen. Auch die Frage, ob die Partei Ungläubigen oder Andersgläubigen offensteht, wird bei ihnen diskutiert.

Von 30 auf 50 Prozent

Die neue Partei hat beschlossen, sich bei den Parlamentswahlen im Herbst um die Hälfte der Mandate zu bewerben - wobei zuvor nur von dreißig Prozent die Rede gewesen war. Diese Erhöhung verschafft der Partei, so Kritiker von innen und von außen, ein Glaubwürdigkeitsproblem. Zumindest sollte diese Entscheidung besser erklärt werden, verlangen sie.

Bei den Präsidentschaftswahlen wollen die Muslimbrüder hingegen keinen Kandidaten aufstellen. Mit Abdel Moneim Abuel Futuh, einem für seine liberalen Ansichten bei den Brüdern umstrittenen 60-jährigen Arzt, hatte sich aber zuvor bereits ein Muslimbruder selbst nominiert. Obwohl Abuel Futuh ein Mitglied der 109-köpfigen Shura ist, blieb er am Samstag dem Treffen fern, berichteten ägyptische Medien. Das deutet auf ein Zerwürfnis hin.

Andere einzelne Brüder hatten in den vergangenen Wochen auch angekündigt, Parteien gründen zu wollen. Die einzige orthodoxe, wenn man so sagen kann, Muslimbrüderpartei ist nun aber nach Willen der Gründer die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei - die von den Muslimbrüdern völlig unabhängig ist. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 4.5.2011)


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    Die alten Muslimbrüderpolitiker als neue Parteipolitiker (von links): Generalsekretär Katatny, Präsident Morsy, Vizepräsident Erian.

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