Der "wahnwitzige" Plan mit dem Kanal

30. April 2011, 12:42
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Das „verrückte Projekt" ist also endlich draußen, ein neuer Kanal parallel zum Bosporus, der bis 2023 fertig sein und Istanbul und die Türkei noch größer, schöner, mächtiger machen soll. Das ist nicht „deli" - „verrückt" im Sinne von „geisteskrank" -, sondern „çılgın", nämlich „unglaublich", „wahnwitzig". „Çılgın" ist also derzeit in aller Munde. Die Reaktionen in der türkischen Presse auf Regierungschef Tayyip Erdogan, der das Bauprojekt zur Wochenmitte in Istanbul vorgestellt hat, waren ganz überwiegend positiv. Nur die Opposition meckert, schließlich ist ja Wahlkampf.

Durch den Kanal kann man fade zweieinhalb Minuten lang mit einer Computeranimation fahren. „Alles nur Spielerei", kommentierte etwas neidisch Gürsel Tekin, stellvertretender Parteichef der oppositionellen CHP, „mein Sohn kann das auch auf einem Computer machen". Erdogan hat der CHP die Show gestohlen. Schließlich war es der ehemalige CHP-Führer und Mehrfach-Regierungschef Bülent Ecevit, der schon 1994 das Megaprojekt Istanbul-Kanal vorgestellt hatte (Ecevit hatte zu der Zeit schon die alte Staatspartei CHP verlassen, aber das ist eine andere Geschichte). Und eigentlich hatten schon diverse Paschas im Osmanischen Reich allerlei Pläne für neue Kanäle ...

Mehmet Ali Birand, einer der wichtigsten liberalen Kommentatoren im Land, erklärte im Boulevardblatt Posta, worum es bei dem Kanal einzig und allein geht: money, money, money. Mit der Ankündigung des gigantischen Bauprojekts spricht Erdogan den ewigen Traum der türkischen Wähler an, Geld zu verdienen und reicher zu werden. „Nicht mit ihnen (mit der Opposition, Anm.), aber mit mir könnt ihr Geld machen", ist Erdogans Botschaft, so schrieb Birand.

Für Immobilienmakler und -besitzer um Silivri und Çatalca an der Westgrenze der Provinz Istanbul, wo der Kanal entlang laufen soll, war das jedenfalls eine prima Woche. Die Quadratmeterpreise werden in Vorwegnahme der neuen Städte und Hafenanlagen, die entlang des Kanals entstehen sollen, schon jetzt ordentlich in die Höhe gehen.

Ahmet Altan, der Herausgeber der liberalen Tageszeitung Taraf, zeigte sich stolz über den Plan mit dem Kanal, der den Bosporus vom Tankerverkehr entlasten soll: „Die Größe dieses Traums, die Tatsache, dass es den Bosporus retten wird, die Tatsache, dass dieses Land einen Punkt erreicht hat, an dem es ein solches Projekt anstrebt und ein solches Selbstvertrauen hat - das alles macht mich glücklich." Einerseits. Andererseits, so schrieb Altan, glaube das Land zwar, es könne die Natur herausfordern, sei aber nicht in der Lage, seine sozialen Probleme zu lösen. Altan nennt die Kurdenfrage, die Diskriminierung der Aleviten, das Kopftuchthema. Seine conclusio: „Wenn wir all das zusammennehmen, sehen wir, dass die Türkei ihre wirtschaftlichen Probleme gelöst hat, aber nicht das Regime-Problem."

Umweltminister Veysel Eroglu jedenfalls ist ganz aus dem Häuschen („ein großartiges, ein historisches Projekt"). Das liegt in erster Linie daran, dass der Minister, der sich laut Job-Description um ökologische Fragen in der Türkei kümmern sollte, ein Wasserbau-Ingenieur ist und zum Beispiel Staudämme samt Überflutung von Dörfern oder archäologischen Stätten völlig in Ordnung findet. Beim Istanbul-Kanal wird er allerdings den überwiegenden Teil der Umweltschützer auf seiner Seite haben. Dass in den letzten Jahren kein Öltanker irgendwo im chaotischen Bosporus angefahren und halb ausgelaufen ist, ist ohnehin ein Wunder. Völlig „çılgın".

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