"Hier ist alles viel hektischer"

29. April 2011, 17:51
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Ayurvede in Schärding: Nijo Sebastian Ethakkattu behandelt traditionell indisch

Schärding - Eigentlich wollte Nijo Sebastian Ethakkattu nur ein paar Monate bleiben, so lange, "bis alles läuft". Mittlerweile sind daraus sieben Jahre geworden, und der Inder hat auch längst alles mehr als nur zum Laufen gebracht.

Nijo Sebastian ist "Meister für ayurvedische alternative Medizin" im Kneippzentrum der Barmherzigen Brüder im oberösterreichischen Schärding. Die Berufsbezeichnung Arzt darf er nicht verwenden, denn seine fünfjährige Ausbildung an einer Ayurveda-Klinik in Kerala in Südindien wird in Österreich nicht anerkannt. "So bin ich eben nicht Ayurveda-Arzt, sondern Meister", meint der 27-Jährige und zuckt mit den Schultern. Auf Kräuterbehandlungen verzichtet er in Schärding, nur Ölmassagen und Kuren biete er an.

Mittlerweile arbeitet er in einem Team mit vier weiteren Kollegen aus seiner Heimat, darunter auch seine beiden jüngeren Brüder. "Natürlich sind meine Mama und mein Papa traurig, dass alle ihre Kinder so weit weg sind", erklärt Nijo Sebastian, was so viel heißt wie "der Sohn von Sebastian" - der christliche Name seines Vaters.

Als der älteste Sohn vor sieben Jahren gefragt wurde, ob er nicht im Kneippzentrum Schärding eine Aryurveda-Abteilung aufbauen wolle, dachte Familie Ethakkattu nicht daran, dass gleich alle Kinder aus der Heimat auswandern werden.

Nijo Sebastian hatte eine The-rapeutin vom Kneippzentrum, Majda Hallmayr, in der Klinik in Kerala als Patientin kennengelernt. "Nach einer zweiwöchigen Kur blieb sie noch für einen Monat und hat Ayurveda-Behandlungen mit uns mitgelernt", erzählt er. "So gesehen war eigentlich alles ein Zufall, dass ich in Österreich gelandet bin." 2004 kam er nach Schärding, mit einem Visum für sechs Monate, das dann immer wieder verlängert wurde. "Jetzt besitze ich eines für fünf Jahre, bis 2015. Das ging immer alles problemlos, ich musste immer nur unterschreiben und konnte weiterarbeiten."

Am Anfang sei ihm das Leben fernab von Indien jedoch gar nicht leichtgefallen - vor allem mit der Sprache, der Kultur und dem Essen. "Bei uns ist Fleisch zum Beispiel nur eine Beilage, hier immer ein Hauptgericht. Doch inzwischen "schmeckt mir das österreichische Essen sehr gut", ergänzt er in grammatikalisch einwandfreiem Deutsch. Wenn er überhaupt Probleme habe, dann am ehesten mit dem Lebensrhythmus. "Hier ist alles viel hektischer, es fehlt eine gewisse Ruhe, der Druck bei der Arbeit ist auf jeden Fall höher."

Dennoch denke er derzeit nicht daran, nach Indien zurückzugehen: "Ich lasse alles auf mich zukommen." (Kerstin Scheller/DER STANDARD; Printausgabe, 30.4./1.5.2011)

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