Österreichs Vergangenheit bei der A-WM

29. April 2011, 15:09
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Zwei Medaillen aus der "Steinzeit" steht eine deutlich weniger erfolgreiche jüngere Vergangenheit gegenüber. Ein Rückblick in unserem Eishockey-Blog.

Wenn Österreich am Samstag gegen die USA in die 75. Auflage der A-Weltmeisterschaft - die 25. mit rot-weiß-roter Beteiligung - startet, wird in der nationalen Eishockeyhistorie ein neues Kapitel in einem Buch eröffnet, an dem seit mehr als 83 Jahren geschrieben wird. Exakt 30.394 Tage werden dann seit dem ersten WM-Auftritt des Team Austria, als man sich am 11.Feber 1928 in St.Moritz von der Schweiz mit 4:4 trennte, vergangen sein. Ähnlich weit liegen Österreichs größte Erfolge auf der Bühne der Weltmeisterschaft zurück: 1931 in Polen und 1947 in der ČSR konnte jeweils die Bronzemedaille errungen werden.

25 Jahre in der B- und C-Gruppe

Bei der ersten WM-Teilnahme der Alpenrepublik wurden im Turnier noch parallel Olympia-, WM- und EM-Medaillen vergeben. Auch 40 Jahre später, 1968 in Grenoble, wurde der Olympische Eishockeybewerb noch gleichzeitig als Weltmeisterschaft gewertet, es war der letzte Auftritt Österreichs auf der Bühne der A-WM für 25 Jahre.
Erst 1992 und mit Heimrecht - das Turnier der zweiten Leistungsebene fand in Klagenfurt und Villach statt, die ÖEHV-Auswahl gewann alle sieben Spiele und notierte für ein beeindruckendes Torverhältnis von 73:4 - gelang die Wiederkehr in die Weltelite.

Der "Hexer" aus Toronto

So erlebte die Weltmeisterschaft 1993 in Deutschland Österreichs erstes Antreten bei einer A-WM in der modernen Geschichtsschreibung des Eishockeys. Auftaktgegner im Turnier war niemand Geringerer als der regierende Weltmeister Schweden, der in einem denkwürdigen Spiel mit dem knappsten aller möglichen Ergebnisse die Oberhand behielt. Eine heroisch kämpfende rot-weiß-rote Auswahl, die über 60 Minuten im eigenen Drittel eingeschnürt wurde, hatte im austro-kanadischen "Hexer" Brian Stankiewicz einen famosen Rückhalt. Der aus Toronto stammende Goalie hielt 55 der 56 auf ihn abgefeuerten Torschüsse (=98,21 Prozent!) und lieferte gleich bei der Premiere die wohl beste Leistung eines österreichischen Torhüters bei einer A-Weltmeisterschaft ab. Das ÖEHV-Team beendete das Turnier der zwölf weltbesten Teams in der Folge auf Rang neun und konnte diesen Erfolg ein Jahr später sogar noch überbieten: Durch ein 2:2 gegen Deutschland und ein 10:0 über Großbritannien - Österreichs höchster Sieg bei einer A-WM - qualifizierte man sich bei den Titelkämpfen in Italien zum ersten Mal in der Eishockey-Neuzeit (und zum bisher auch letzten Mal) für ein WM-Viertelfinale. Trotz der dort erlittenen 0:10-Schlappe gegen Finnland der größte Erfolg in der jüngeren Geschichte bei Weltmeisterschaften.

Kennedy und Aufstockung als Stabilisatoren

Ausgerechnet bei der Heim-WM 1996, der insgesamt dritten in Wien ausgetragenen, folgte der erste Abstieg in die Zweitklassigkeit, unter dem unvergessenen Headcoach Ron Kennedy konnte man sich jedoch rasch wieder in die Weltelite zurückkämpfen. Auch bedingt durch die Aufstockung der A-Gruppe auf 16 Nationen im Jahr 1998 etablierte sich das Nationalteam in den Folgejahren in der höchsten Leistungsklasse, sieben Teilnahmen in Serie bildeten die stabilste Phase des Team Austria in der Eishockey-Moderne.

Jüngstes Highlight in Tschechien

Ausgerechnet in Prag, dem Ort, an dem man 57 Jahre zuvor die letzte WM-Medaille erringen konnte, setzte Österreich 2004 zum Höhenflug an: Unentschieden gegen Kanada (2:2) und die Schweiz (4:4) in der Vorrunde sicherten dem Team rund um den damaligen Shooting-Star Thomas Vanek den Aufstieg in die Hauptrunde, wo durch knappe (0:2 gegen Gastgeber Tschechien) und unnötige Niederlagen (1:3 gegen Deutschland, 2:5 gegen Lettland) jedoch die Viertelfinal-Qualifikation verpasst wurde.
Das WM-Turnier in Prag war das letzte sportliche Ausrufezeichen, das die österreichische Nationalmannschaft setzen konnte. Seit dem das Turnier eröffnenden 6:0 über Frankreich, das sich am vergangenen Wochenende zum siebten Mal jährte, gelangen dem Team Austria in 23 Spielen bei A-Weltmeisterschaften nur noch magere drei Siege (gegen die Ukraine, Ungarn und Deutschland). Die WM in Tschechien war die letzte, bei der Österreich den Klassenerhalt in der A-Gruppe schaffte, seither fristet das Team ein "Paternoster-Dasein": Viel zu stark für die zweite Leistungsebene (Division 1) aber auch immer wieder zu schwach für die Weltelite.

Neuer WM-Modus ab 2012

Die Aneinanderreihung von Ab- und Aufstiegen der letzten sechs Weltmeisterschaften sollte heuer durchbrochen werden. Denn bei der WM 2012 in Finnland und Schweden erwartet die Teilnehmer ein neuer Modus: In zwei Achtergruppen wird dann um die Viertelfinal-Qualifikation bzw. gegen den Abstieg gekämpft, Hauptrunde und Relegation entfallen. Eine Turnierform, die Österreich entgegenkommen sollte und bei der man sich wohl leichter im "Konzert der Großen" etablieren könnte - ganz ohne große Umwälzungen und Neuausrichtungen im reformresistenten ÖEHV. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 29.April 2011)

Weitere Artikel zur Geschichte des österreichischen Eishockeys:

"Gebogene Haselnussprügel und Korkbälle" - Zur Entstehungsgeschichte des Eishockeysports in Österreich (Oktober 2010)

"Eishockey unterm Hakenkreuz" - Das Nationalteam und seine Spieler während Austrofaschismus und NS-Zeit (November 2010)

  • Artikelbild
    foto: derstandard.at/hannes biedermann
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