Orange-Chef in Richtung A1: "Zusatzgebühren sind falsch"

2. Mai 2011, 11:53
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Michael Krammer verspricht besseren 3G-Empfang und erklärt iPhone-Präferenz

Die heimischen Mobilfunkanbieter Orange und T-Mobile haben die Zusammenarbeit beim Netzausbau angekündigt. Im Interview mit derStandard.at erklärt Orange-Chef Michael Krammer, was sich Kunden davon erwarten können. Überdies gibt er einen Einblick in den Fahrplan für den nächsten Mobilfunkstandard LTE, Ideen für kundenfreundlicheres Roaming, Fehltritte bei der Tarifgestaltung, die Pläne zur Verbesserung des U-Bahn-Empfangs in Wien, die belebende Rivalität zwischen iPhone und Android-Smartphones und erläutert, weshalb er auf ein Comeback von Nokia hofft. "Es geht primär um die Funktionalität und nicht um das Betriebssystem an sich", sagt Krammer im Gespräch mit Zsolt Wilhelm.

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derStandard.at: Orange und T-Mobile haben die Zusammenarbeit beim Netzausbau angekündigt. Was können sich Kunden davon erwarten?

Michael Krammer: Wir rechnen, dass wir im vierten Quartal damit beginnen können. Die Kunden werden das in Form einer besseren 3G-Netzabdeckung wahrnehmen können. Dort wo heute T-Mobile geht und Orange nicht, wird in Zukunft auf Orange gehen. Und umgekehrt.

derStandard.at: Heißt das, dass auch bestehende Netzkapazitäten geteilt werden?

Krammer: Es gibt heute bestehende Orange 3G-Stationen, auf denen in Zukunft ein zusätzlicher Träger von T-Mobile eingeschoben wird und über die gleiche Antenne beide Funksignale gesendet werden. Aber die Kapazitätenbereitstellung dahinter erfolgt natürlich im doppelten Ausmaß.

derStandard.at: Was erhoffen Sie sich von Unternehmensseite?

Krammer: Das ist eine erhebliche Kostenersparnis. Man kann sagen, wenn ich eine Station alleine errichte, kostet das in etwa 80.000 Euro. Das RAN-Sharing einer bestehenden Station kostet das in etwa ein Zehntel davon.

derStandard.at: Betrifft die Kooperation auch den Ausbau auf den nächsten Mobilfunkstandard LTE?

Krammer: Im Moment ist die Zusammenarbeit nur auf 3G festgelegt.

derStandard.at: Weshalb besiegelt man das nicht auch gleich für LTE?

Krammer: Naja, LTE ist bislang in Österreich nur auf der 2,6 GHz-Frequenz möglich, die sich nur für die städtische Abdeckung eignet. Wir erwarten bald einen Entscheid über die Nutzung weiterer Frequenzen für LTE. Und wir wollen diese Entscheidung abwarten, bevor wir festlegen, auf welcher Frequenz wir LTE im großen Stil ausbauen.

derStandard.at: Wann, denken Sie, wird es soweit sein?

Krammer: Also wir rechnen noch in diesem Jahr mit einem Entscheid der Regulierungsbehörde.

derStandard.at: Dass heißt, LTE-Produkte für die Kunden wird es nicht so bald geben.

Krammer: Ja. Wir testen zwar gerade LTE auf 2,6 GHz (etwa in Wr. Neustadt), aber nachdem es bisher bis auf ein paar Datensticks ja auch noch kaum Endgeräte gibt - kein einziges Smartphone unterstützt bisher 2,6 GHz - läuft uns derzeit der Markt wirklich nicht davon. Ich glaube daher, dass es vollkommen ausreicht, wenn wir im Laufe des Jahres 2012 damit beginnen, LTE kommerziell zu nutzen.

derStandard.at: Eine Bitte von Leser-Seite aus wäre, dass man im Zuge des Netzausbaues auch den Empfang im Wiener U-Bahn-Netz verbessert.

Krammer: Wir sind uns dieser Problematik bewusst und wir sind gerade dabei dies zu evaluieren. Allerdings sind, soweit ich das sehe, die Vorstellungen auf Seiten der Wiener Stadtwerke bezüglich der Nutzungsmiete noch auf einem Niveau, die sich mit den Österreichischen Mobilfunkpreisen nicht vereinbaren lassen.

derStandard.at: Die Wiener Grünen haben indes durchblicken lassen, dass sie gerne ein flächendeckendes Gratis-WiFi-Netz in Wien errichten würden. Wäre das ein Knüppel zwischen die Beine der Netzbetreiber?

Krammer: Das stört uns überhaupt nicht. Ich glaube nicht, dass ein flächendeckendes WLAN errichtet aus der öffentlichen Hand jemals ein Mobilfunknetz ersetzen kann. Ich bin nur etwas verwundert, dass Wien bei einer derart guten Netzabdeckung öffentliche Mittel zur Errichtung eines WiFi-Netzes einsetzen möchte. Gibt es da nicht sinnvollere Investitionsmöglichkeiten?

derStandard.at: Sie fürchten also keine Wettbewerbsbehinderung?

Krammer: Nein. Das bringt vielleicht etwas den Touristen, die dann keine Roaming zahlen müssen. Ich glaube aber nicht, dass ein Mobilfunkkunde deshalb seinen Vertrag kündigen würde.

derStandard.at: Stichwort Roaming. Auf dem Mobile World Congress in Barcelona wurden die ersten "Roaming Flatrates" vorgestellt. Wann, glauben Sie, werden Kunden zumindest europaweit zu nationalen Kosten surfen können?

Krammer: Wenn Sie die Österreichischen Preise hernehmen, dann halte ich diese Vorstellung noch für sehr weit weg. Wenn man allerdings die europäischen Hochpreisländer hernimmt, dann sind wir von diesem Ziel nicht mehr sehr weit entfernt.

derStandard.at: Dennoch ist vor allem Datenroaming auch bei den heimischen Standard-Tarifen noch eine sehr teure Angelegenheit...

Krammer: Das ist richtig. Hier gibt es zwei Aufgabenstellungen. Zum einen müssen die Datenroaming-Preise auch bei den Standard-Tarifen auf ein vernünftiges Niveau gesenkt werden. Zum anderen muss ein System eingerichtet werden, das den Kunden im Ausland noch vor dem ersten Roaming informiert und ermöglicht, ein entsprechendes Datenroaming-Paket per Knopfdruck zu aktivieren.

derStandard.at: Wird Orange diesen Sommer Bestandskunden wieder ein Roaming-Guthaben schenken?

Krammer: Das geben wir jetzt noch nicht bekannt.

derStandard.at: Bei den heimischen Tarifen zeigt der Trend ja ebenfalls nach wie vor nach unten. Allerdings ist es auffällig, dass mache Mobilfunker damit begonnen haben, irgendwelche künstlichen Gebühren einführen. Bei A1 gibt es eine jährliche „SIM-Kartenpauschale", bei Orange müssen iPhone-Kunden für Standard-Funktionen wie Tethering extra zahlen... Sind versteckte Kosten die Antwort auf sinkende Tarifpreise?

Krammer: Ich halte diese Entwicklung mit irgendwelchen Zusatzgebühren, SIM-Pauschalen, etc. für falsch. Es ist nicht ganz einfach diese Dinge wieder alle wegzubringen und zu lösen, aber wir arbeiten daran. Das betrifft auch das Thema „Tethering beim iPhone".

derStandard.at: Diese Tethering-Gebühr für iPhone-Nutzer soll also fallen?

Krammer: Ja, richtig.

derStandard.at: Fein. Bleiben wir beim iPhone: Wann kommt das iPhone 4 in weiß (Anm.: das Interview fand am 26. April statt) und wann kommt das iPhone 5?

Krammer: Das weiße iPhone 4 kommt in den nächsten Tagen. Zum Start des iPhone 5 habe ich keine Ahnung. Den kolportierten Gerüchten nach tippe ich eher auf Herbst.

derStandard.at: Befürchten Sie durch die Verspätung um ein paar Monate Umsatzeinbußen (etwa durch ausbleibende Neuanmeldungen)?

Krammer: Nein, ganz sicher nicht. Solange nichts Genaues über das iPhone 5 bekannt ist, wird der iPhone 4-Verkauf ganz normal weitergehen. Es werden jetzt auch einige kommen, die seit die ihr iPhone 3G oder 3GS gegen ein weißes iPhone 4 tauschen. Und abgesehen davon gibt es auch immer mehr alternative Geräte, die sehr gute Verkaufszahlen aufweisen.

derStandard.at: International geht der Trend ja ganz klar in Richtung Android. Können Sie diesen Trend für Österreich bestätigen?

Krammer: Ja klar. Das liegt an der Offenheit des Systems, aber das sind natürlich auch zwei völlig verschiedene strategische Ansätze. Es gibt einfach sehr viel verschiedene Android-Handys. Aber es kann auch nicht von Apple das Ziel sein, mit einem Gerät mit Google mitzuhalten. Das kann ich mir nicht vorstellen.

derStandard.at: Aus der Sicht eines Mobilfunkers: Ist das iPhone für Sie interessanter, sprechen Sie damit eine potentere Kundschaft an bzw. können Sie das iPhone teurer verkaufen?

Krammer: Also dazu muss man sagen, dass jedes hoch entwickelte Smartphone - egal, ob es auf iOS, Android, Symbian oder Windows Phone basiert - in etwa den gleichen Umsatz pro Kunden bzw. die gleiche Marge erzeugt. Das heißt, es geht primär um die Funktionalität und nicht um das Betriebssystem an sich.

derStandard.at: Demnach können Sie ein iPhone nicht teurer verkaufen, als ein gleich entwickeltes Android-Smartphone?

Krammer: Definitiv nicht. Wenn ich ein iPhone um 299 Euro und ein gleichwertiges Android-Handy daneben um 99 Euro anbiete, werde ich vom Android-Gerät definitiv mehr verkaufen. Wenn der Preis gleich ist, wird schon eher zu Apple gegriffen. Aber auch das kann sich ändern.

derStandard.at: Im Jänner haben Nokia und Microsoft eine langfristige Kooperation angekündigt. Glauben Sie wird das den Markt aufrütteln?

Krammer: Ich glaube und hoffe, dass Nokia zusammen mit Microsoft ein Comeback schafft. Es ist der letzte große Vertreter der europäischen Mobilfunkindustrie. Nokia macht nach wie vor hervorragende Hardware und ich hoffe, dass sie mit Microsoft und Windows wirklichen einen großen Schritt nach vorne schaffen. Mir persönlich gefällt Windows Phone sehr gut. Es ist schnell und einfach zu bedienen und hat alle Voraussetzungen, um Nokia zu alter Stärke zurückzubringen.

(Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 1.5.2011)

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    Orange Österreich-Chef Michael Krammer

    Zitate aus dem Interview:

    "Die Kunden werden das in Form einer besseren 3G-Netzabdeckung wahrnehmen können."

    "Ich glaube daher, dass es vollkommen ausreicht, wenn wir im Laufe des Jahres 2012 damit beginnen, LTE kommerziell zu nutzen."

    U-Bahn-Empfang: "Wir sind gerade dabei dies zu evaluieren."

    "Ich glaube nicht, dass ein flächendeckendes WLAN errichtet aus der öffentlichen Hand jemals ein Mobilfunknetz ersetzen kann."

    "Es muss ein System eingerichtet werden, das den Kunden im Ausland noch vor dem ersten Roaming informiert und ermöglicht, ein entsprechendes Datenroaming-Paket per Knopfdruck zu aktivieren."

    "Ich halte diese Entwicklung mit irgendwelchen Zusatzgebühren, SIM-Pauschalen, etc. für falsch."

    Android vs. iPhone: "Es geht primär um die Funktionalität und nicht um das Betriebssystem an sich." "Wenn der Preis gleich ist, wird schon eher zu Apple gegriffen."

    "Mir persönlich gefällt Windows Phone sehr gut. Es ist schnell und einfach zu bedienen und hat alle Voraussetzungen, um Nokia zu alter Stärke zurückzubringen."

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