"Der Angst vor dem Fehler folgt der Fehler"

29. April 2011, 09:42
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Der "Fußballer des Jahres" über den medialen Hang zur Über­trei­bung, Spielerbenotungen und We­ge aus dem Teufelskreis - ein derStandard.at-Interview

Wien - Für den 23-jährigen Zlatko Junuzovic verliefen die letzten zwei Saisonen bei der Wiener Austria wie am Schnürchen, sogar zu "Österreichs Fußballer des Jahres" wurde der Mittelfeldspieler gewählt. Nun gerät der ÖFB-Teamspieler erstmals in die mediale Kritik, auch darüber sprach er in der Generali-Arena mit Philip Bauer.

derStandard.at: Zuletzt wurden Sie in einer Tageszeitung als "müde und ideenlos" bezeichnet. Teilen Sie diese Einschätzung?

Zlatko Junuzovic: Jeder darf seine Meinung sagen. Ein Spieler muss aber selber wissen, wie er sich fühlt. Manche Sachen stimmen auch: ich war tatsächlich müde und ausgelaugt. Trotzdem habe ich mich in den Dienst der Mannschaft gestellt. Wenn man verliert, wird in den Medien immer eine Ursache gesucht.

derStandard.at: Und sind Ihnen tatsächlich die Ideen ausgegangen?

Zlatko Junuzovic: Man hat keine Idee, wenn kein Mitspieler anspielbar ist. Man kann nicht wie ein Lionel Messi einfach fünf, sechs Spieler stehen lassen. Weil man ganz einfach nicht diese Qualität hat. Man steht nicht allein am Spielfeld, Fußball ist ein Mannschaftssport.

derStandard.at: Es wird auch behauptet, die Transfergerüchte würden Ihre Leistung negativ beeinflussen. Ist dem so?

Zlatko Junuzovic: Nein, das denke ich nicht. Darüber mache ich mir gar nicht so viele Gedanken. Schön wenn man mit einem Verein wie Werder in Verbindung gebracht wird, nur ist da überhaupt nichts Konkretes dran.

derStandard.at: Woher dann die augenscheinliche Verunsicherung?

Zlatko Junuzovic: Das ist wie eine sich abwärts drehende Spirale. Wir verlieren gegen Mattersburg nach einer passablen ersten Halbzeit, das beschäftigt uns. Offenbar so sehr, dass wir gegen Austria Lustenau 0:4 verlieren. Dann bist Du endgültig verunsichert. Es folgt die Angst vor dem nächsten Fehler. Und dann kommt der Fehler. Die Krise findet im Kopf statt.

derStandard.at: Wie verlässt man diesen Teufelskreis?

Zlatko Junuzovic: Durch Spaß im Training kann man die Lockerheit zurückgewinnen. Man muss die Freude am Spiel wieder spüren, dann verschwindet auch die Unsicherheit. Auch das späte Tor in Ried ist für die Psyche Gold wert.

derStandard.at: Ist die Gedankenlosigkeit der Idealzustand des Profis? 

Zlatko Junuzovic: Wenn Du anfängst zu denken, hast Du schon verloren. Dann fehlt die Lockerheit. Genau das ist uns zuletzt passiert. Wenn Dir in einem Spiel hingegen alles gelingt, da denkst Du gar nichts mehr, Du machst es einfach.

derStandard.at: Erfordert das von der Austria forcierte Kombinationsspiel besonders viel Selbstvertrauen?

Zlatko Junuzovic: Dafür muss man kühlen Kopf bewahren und mit breiter Brust auftreten. Man darf sich nicht verstecken, muss den Ball fordern. Wir wollen von hinten nach vorne kombinieren, dafür braucht es Anspielstationen, die Mitspieler müssen sich lösen und Dir helfen.

derStandard.at: Dieses Spiel der Austria wurde im Frühjahr zunächst sehr gelobt. War das zu viel des Guten?

Zlatko Junuzovic: Zu dem Zeitpunkt war das Lob, wenngleich teilweise zu groß, gerechtfertigt. Wir haben immer konstruktiv Fußball gespielt, uns Chancen erarbeitet, uns nie hinten reingestellt. Trotzdem sind wir nie davon ausgegangen, dass wir jetzt im Spaziergang Meister werden. Jeder von uns arbeitet hart an sich.

derStandard.at: Vor kurzem wurde die Frage gestellt: "Wer soll die Austria stoppen?" Nun ist von einer Krise die Rede. Schwanken die Medien zu schnell von einem Extrem ins andere?

Zlatko Junuzovic: Die Nachrichten in Österreich sind häufig übertrieben. Vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Belgien wurde berichtet, als hätten wir das Spiel bereits gewonnen. Das war für mich völlig unverständlich, da fehlt der Bezug zur Realität. Da fehlt die Professionalität. 

derStandard.at: Kann man die Medien nicht vollständig ignorieren und sich nur auf sein Spiel konzentrieren?

Zlatko Junuzovic: Selbst wenn ich die Nachrichten nicht lese, gehen sie nicht an mir vorbei. Ich werde darauf angesprochen, und natürlich lässt einen das nicht kalt, im positiven und im negativen Sinne. Mich interessiert ja auch, was über mich geschrieben wird.

derStandard.at: Also lesen Sie die Zeitungen gleich selbst?

Zlatko Junuzovic: Ja, vor allem seitdem ich Profi bin. Nachrichten, die meinen Verein oder mich betreffen, sehe ich mir noch eine Spur genauer an. Ein negativer Bericht kann weh tun. Aber drei Tage später haben die Leser das ohnehin vergessen, man sollte sich also nicht großartig den Kopf zerbrechen.

derStandard.at: Was ärgert Sie in der Berichterstattung am meisten?

Zlatko Junuzovic: Die Benotungen der Spieler. Ein Journalist beurteilt 22 oder mehr Spieler. Ich finde das nicht angebracht. Zumeist weiß der Journalist gar nicht, welche Vorgaben die Spieler zu erfüllen haben. Im Training sieht man jedenfalls keinen Journalisten.

derStandard.at: Ihrem Mitspieler Nacer Barazite wurde zuletzt gar die Bundesliga-Tauglichkeit abgesprochen...

Zlatko Junuzovic: Vor einem Monat hat er alles gehabt, super Technik, super Antritt. Jetzt ist er angeblich zu schlecht, das ist absurd. Er mag seine leichten Hänger haben, aber er hat einen tollen Schuss, gute Dribblings, bietet sich an und kämpft. Das sieht man im Training. Im Match kann es manchmal aufgehen, manchmal nicht.

derStandard.at: Kann negative Kritik auch motivieren?

Zlatko Junuzovic: Das ist von Spieler zu Spieler unterschiedlich. Auf mich wirkt es eher motivierend. Andere Spieler wiederum nehmen sich das sehr zu Herzen und denken viel darüber nach.

derStandard.at: Und die Berichte über finanzielle Probleme, wird auch darüber nachgedacht?

Zlatko Junuzovic: Nein, wir sind alle fest davon überzeugt, dass der Verein die Lizenz erhält.

derStandard.at: Sie wurden zu "Österreichs Spieler des Jahres" gewählt. Nachträglich betrachtet: Segen oder Bürde?

Zlatko Junuzovic: Im Moment ist es natürlich toll. Aber durch die Auszeichnung wird auch Druck erzeugt: man erwartet sich von mir noch mehr Leistung, noch mehr Tore, noch mehr Assists und zumindest eine Bestätigung. Mein Spiel lebt aber von Tag zu Tag, durch den Titel werde ich nicht zum besseren Spieler, dafür muss ich hart arbeiten. (derStandard.at; 29. April 2011)

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    "Zumeist weiß der Journalist gar nicht, welche Vorgaben die Spieler zu erfüllen haben."

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    Höhen und Tiefen: Junuzovic als Kicker des Jahres...

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    ...und als Cup-Verlierer gegen Austria Lustenau.

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