Stammesvertreter wenden sich von Gaddafi ab

27. April 2011, 14:18
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Afrikanische Union fordert: Keine Bomben auf Regierungsvertreter

Washington/Addis Abeba/Paris - Die libyschen Stammesvertreter haben sich angeblich von Machthaber Muammar al-Gaddafi abgewandt. Anführer oder Repräsentanten von 61 Stämmen würden sich in einer am Mittwoch in Paris veröffentlichten Erklärung für ein geeintes, freies und demokratisches Libyen ohne Gaddafi aussprechen. "Das Libyen von morgen, wird, wenn der Diktator weg ist, ein geeintes Libyen sein", heißt es in dem Text, den der französische Schriftsteller Bernard-Henri Levy veröffentlichte.

Levy versicherte, dass auch der mächtige Warfalla-Stamm und ein Vertreter des Gaddafi-Stammes die Erklärung unterzeichnet hätten. Im Prinzip stünden alle Stämme hinter dem Text. Da es aber innerhalb einiger Clans Streitigkeiten gebe, sei die Unterstützung nicht immer hundertprozentig. Levy unterstützt die Aufständischen in Libyen. Er organisierte vor sechs Wochen das Treffen zwischen dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy und Vertretern des oppositionellen Nationalrates, bei dem Frankreich den Rat als rechtmäßige Vertretung Libyens anerkannte.

AU: Keine Angriffe auf zivile Infrastruktur

Die Afrikanische Union (AU) hat ein Ende der Angriffe auf libysche Regierungsvertreter und die zivile Infrastruktur des Landes gefordert. Alle Beteiligten sollten weitere Militäreinsätze gegen Mitglieder der libyschen Führung und die "sozio-ökonomische Infrastruktur" Libyens unterlassen, forderte der AU-Friedens- und Sicherheitsrat am Mittwoch in einer Erklärung. Diese würden die Lage verschlechtern und einen internationalen Konsens über das weitere Vorgehen in Libyen gefährden. Am Dienstag hatten sich Minister der Mitgliedsstaaten am Sitz der Organisation in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba getroffen, um über Libyen und andere Konflikte in Afrika zu beraten.

Reaktion auf NATO-Angriff

Mit der Erklärung reagiert die AU auf einen NATO-Luftangriff auf das Büro des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi in Tripolis. Das in Gaddafis weitläufiger Residenz von Bab al-Asisiya gelegene Gebäude wurde bei dem Angriff am Montag vollständig zerstört. Der britische Verteidigungsminister Liam Fox und sein US-Kollege Robert Gates bezeichneten auf einer Pressekonferenz am Dienstag das Büro als "legitimes Ziel".

NATO will Angriffe intensivieren

Die NATO will nach einem Bericht der "New York Times" ihre Luftangriffe auf Ziele in Libyen intensivieren. Wie das Blatt unter Berufung auf Mitarbeiter der Regierung von US-Präsident Barack Obama und NATO-Beamte am Dienstag online schrieb, sollen dabei vor allem Paläste, Hauptquartiere und Kommandozentralen ins Visier genommen werden, die der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi benutze, um sich weiter an die Macht klammern zu können.

Beamte des Weißen Hauses sagten demnach, Obama sei über die energischere Bombardierung informiert worden. Dazu habe bereits der Angriff auf den Komplex in der Hauptstadt Tripolis gehört, in dem Gaddafi residiert. Dieser Luftschlag habe aber nicht zum Ziel gehabt, Gaddafi zu töten, erklärten US-Beamte.

NATO-Verbindungsmann reist nach Bengasi

Die NATO schickt einen zivilen Verbindungsmann in die libysche Rebellenhochburg Benghazi (Bengasi). Darauf einigten sich die Botschafter der 28 NATO-Länder am Dienstagabend in Brüssel, wie es am Mittwoch aus Kreisen der Militärallianz hieß. Demnach soll der Vertreter in Benghazi als "Kontaktmann" der NATO zur libyschen Opposition dienen. Der Verbindungsposten werde wahrscheinlich mit einem Diplomaten aus einem der NATO-Mitgliedsländer besetzt.

Die genaue Funktion des Verbindungsmannes muss den Angaben zufolge aber noch ausgearbeitet werden. NATO-Sprecherin Carmen Romero hatte am Dienstag gesagt, die Mission solle die politischen Kontakte mit dem in Benghazi ansässigen Nationalen Übergangsrat verbessern.

Hilfsschiff soll Migranten in Sicherheit bringen

Ein Schiff mit rund 160 Tonnen Hilfsgütern an Bord hat am Mittwoch im Hafen der libyschen Rebellenenklave Misrata (Misurata) angelegt. Mit dem Schiff sollen rund Tausend Migranten in Sicherheit gebracht werden, teilte die Internationale Organisation für Migration (IOM) mit. Das Schiff sollte im Laufe des Tages Kurs auf Benghazi (Bengasi) im Osten des Landes nehmen und auch Verwundete der seit Wochen anhaltenden Kämpfe mitnehmen.

Mindestens 1.500 Migranten harren am Hafen aus, der rund zehn Kilometer östlich der seit Wochen belagerten Stadt liegt. Die meisten von ihnen kommen aus südlicheren Ländern wie Niger und Tschad. Machthaber Muammar al-Gaddafi hatte zahlreiche Afrikaner aus den Nachbarländern jahrelang an der Weiterreise nach Europa gehindert. Viele von ihnen blieben in Libyen und fanden dort Arbeit.

Die Soldaten von Gaddafi setzten ihre Angriffe auf die Hafengegend von Misrata nach Rebellenangaben am Mittwoch fort. Zuvor hätten sich die Truppen wegen NATO-Luftangriffen aber zurückziehen müssen, sagte ein Sprecher. Durch die Angriffe seien 37 Militärfahrzeuge der Regierungstruppen zerstört worden. Am Dienstag kam nach Angaben der Hilfsorganisation IOM mindestens ein Migrant durch den Beschuss der Regierungssoldaten ums Leben.

Rebellen: Gaddafi bereitet neue Offensive vor

Die Truppen des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi bereiten sich nach Einschätzung der Rebellen auf eine neue Offensive im Osten vor. Die Internetzeitung "Brnieq" meldete am Mittwoch, in der Ortschaft Brega seien inzwischen 2.000 bis 3.000 Soldaten stationiert worden. Diese hätten Raketen und andere schwere Waffen in Tunneln versteckt, um sie vor möglichen Luftangriffen durch die NATO zu schützen. An der Front, die schon seit Wochen zwischen Brega und Ajdabiya liegt, hätten sie Minen an Leichen angebracht.

Am Dienstag waren nach Angriffen der Gaddafi-Truppen Hunderte Familien aus der westlichen Region Jabal Nafusa in Richtung Tunesien geflohen. Libyen bat Russland, die Einberufung einer Sitzung des Weltsicherheitsrates zu den NATO-Angriffen zu beantragen. (APA)

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    Libyscher Rebell in Wazir - einem Grenzübergang nach Tunesien.

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