Red Devils überfordern Schalke

27. April 2011, 04:29
75 Postings

Knappen konnten ManUnited im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League nicht unter Druck setzen und wurden verprügelt - Eine Taktikanalyse

Am Dienstagabend kurz nach 22:30 ging zwar erst das Hinspiel im Semifinale der Champions League zwischen Schalke 04 und Manchester United zu Ende. Das Duell wirkte nach dem 0:2 aber nicht nur wegen der beiden Auswärtstore der Mancunians bereits entschieden. Fast surreal erschien ob des Leistungsunterschieds die Tatsache, dass die Gelsenkirchener ihre Vorrundengruppe gewonnen, Valencia und Titelverteidiger Inter Mailand ausgeschaltet und diese Phase des Bewerbs erreicht hatten. In den gerade vergangenen 90 Minuten wurden die Knappen von den gastierenden Roten Teufeln jedenfalls eindrucksvoll auseinandergenommen.

Am Papier ähnelten sich die Systeme der beiden Mannschaften. Sowohl Ralf Rangnick als auch Alex Ferguson setzten auf ein 4-4-1-1, wobei Raul und Rooney den zurückhängenderen Stürmer-Part einnahmen. Auf beiden Seiten blieben die linken Mittelfeldflanken unbesetzt, weil Park und (der zumindest nominell linke) Baumjohann viel in der Mitte spielten. Alle vier Außenverteidiger hatten den Auftrag mitzugehen. In beiden Formationen gab es einen offensiveren zentralen Achter (Jurado und Giggs) und einen defensiveren Sechser (Papadopoulous und Carrick). Also bot das Spiel eine grandiose Gelegenheit dazu, den Einfluss der unterschiedlichen Detail-Aufgabenverteilung zu betrachten.

Der Teufel steckt im Detail

Wenn man die Positionen von hinten nach vorne durchgeht, ist der erste auffällige Unterschied bei den Sechsern zu finden. Während Papadopoulous sich vor allem damit beschäftigte, Rooney abzupassen (dabei aber mit dessen weitem Radius so seine Probleme hatte) und offensiv keine aktive Rolle spielte, war Carrick deutlich freier. In der Rückwärtsbewegung spielte er neben Giggs eine klassische Raumdeckung vor der Verteidigung. Beide mussten nicht oft in Zweikämpfe, weil sie Spiele gut lesen und viele Pässe abfangen können - etwas das Papadopoulous und der defensiv nachlässige Jurado nicht ansatzweise schafften.

Rangnicks Idee per Kurzpassspiel zum Erfolg zu kommen, hatte da keine Chance. Ihr Ursprung war nachvollziehbar. Die Erfolgsaussichten beim Flankenspiel waren schlecht. Gegen die schnellen Evra und Fabio waren nicht häufig gute Hereingaben zu erwarten. Diese dann auch noch zu verwerten, wäre für die nicht übergroßen Stürmer Raul und Edu gegen die Zwei- und Luftkampf-starken Vidic und Ferdinand auch kein Klacks gewesen. Trotzdem hätte mancher Versuch auch nicht geschadet. Mit der tatsächlichen Strategie durch die Mitte schoss Schalke über das gesamte Spiel nur fünf Mal auf den Kasten - und zwar nie, wenn man näher als etwa 20 Meter an ihm dran war. Den dort postierten Edwin Van der Sar aus dieser Entfernung zu überwinden, ist eben auch kein Alltagserlebnis.

Carricks Passspiel streckt Schalke

War der Ball von Manchester in dieser Zone erst mal erobert, ging Giggs in den Angriff über und Carrick ließ sich zwischen die beiden Innenverteidiger zurückfallen. Dort konnte er das Spiel mit seinem vielfältig hochklassigen Passspiel eröffnen. Schalke versuchte lange gar nicht (und gelang es später kaum), den Engländer unter Druck zu setzen. Edu und vor allem Raul trabten allenfalls auf ihn (oder im Zweifelsfall auch auf die Innenverteidiger) zu. Eine Balleroberung war an dieser Stelle offensichtlich nicht angedacht, trotzdem zogen die Stürmer sich aber auch nicht hinter die Mittellinie zurück, womit sie die Räume enger gemacht hätten. 

Merkbar wurde der Druck auf Carrick erst in der zweiten Hälfte, als Kluge (für Baumjohann in der 52. Minute eingewechselt) und Raul offensichtlich Anweisung hatten, ihn früher zu attackieren. Carrick reagierte allerdings clever. Statt sich mit allen Mitteln weiter ins Spiel zu bringen, zog er seine Gegenspieler von seinen Verteidigern weg. Komplett ohne Stress konnten die sich dann eine Spieleröffnung überlegen.

In der Reihe vor den Sechsern, spielte Schalke enger als Manchester, woraus aber kein Vorteil geschlagen werden konnte - im Gegenteil! Weil Papadopoulous weiter hinten Rooney im Auge behielt, mussten Baumjohann, Jurado und Farfan als Dreierkette fast immer Platz an den Seiten lassen. Meist hatte deshalb rechts Fabio alle Möglichkeiten mit nach vorne zu gehen. Als Rangnick nach 20 Minuten Farfan testweise kurz nach links beorderte, zeichnete sich dasselbe Problem mit Evra ab. Nach über einer halben Stunde zog Ragnik deshalb eine klassische Viererkette im Mittelfeld auf. Der bis dahin ziemlich wirkungslose Baumjohann spielte nun gemäß der Startaufstellung auch tatsächlich links. So wurden zwar die roten Außenverteidiger besser beschäftigt, das Problem in der Mitte blieb aber bestehen.

Rooney wächst weiter in seiner Rolle als Zehner

Das Pressing bei United hatte eine andere Qualität. Hernandez ging schon den Verteidiger mit zugigen Attacken auf den Geist und Rooney in der Mitte auch deutlich aggressiver zutage, als Raul - sein Pendant auf der Gegenseite. Der Unterschied an dieser Position war auch schwerwiegender, weil der Engländer zudem im Spielaufbau weite Wege zurücklegte damit und als Anspiel- und Verteilstation eine größere Rolle spielte als der alte Spanier. Obwohl Rooney in offensiver Position natürlich weniger Bälle als die Hintermänner sah (sieben MUFC-Spieler spielten quantitativ mehr Bälle als er), spielte nur ein Schalker mehr erfolgreiche Pässe im Spiel als er (Jurado hatte mit 37 einen mehr; Spitzenreiter Carrick brachte 94 an).

Kam Rooney vor dem Strafraum an den Ball, stürmte gerne einer seiner Mitspieler steil in den Strafraum und hatte dort gute Chancen darauf, einen tödlichen Pass in den Lauf zu bekommen. Hernandez, Giggs und Park kamen auf diese Weise zu Top-Möglichkeiten, letzterer auch zum Tor beim 1:0. Vermeintliche Freude im blauen Lager konnte das höchstens bei Manuel Neuer auslösen. Der bot den Fans in einem seiner letzten Spiele im Schalke-Trikot noch eine Paradeleistung und vielleicht werden die Kritiker seines möglichen Bayern-Wechsels deshalb in den verbleibenden Wochen nicht ganz so laut schreien.

Die Varianten von Rooneys Passspiel weiter hinten im Feld waren entweder Bälle über die Abwehr in den Lauf von Hernandez oder aber präzise weite Bälle vor allem nach rechts, nach denen er selbst ganz in die Spitze stieß, um auf Crosses und Flanken zu lauern.

Park machte das Spiel im Aufbau zwar gerne breit, zog wenn der Ball auf der anderen Seite war dann aber hinter die Spitzen. Rooney und Hernandez teilten sich das lange und kurze Eck auf. Valencia als rechter Flügel blieb hingegen fast immer an der Seitenlinie. Er spielte dort mit schnellen Vorstößen ganz allgemein bei vielen Angriffen eine Rolle (unter anderem auch beim 2:0). Ähnliches galt zu Beginn des Spiels auch für Schalkes rechten Mittelfeldspieler Farfan. Sein später deutlicherer Zug zur Mitte endete aber - wie alle dortigen Schalker Versuche - meist an der guten Defensivarbeit der Gäste.

Das Ende nach 70 Minuten

An allen Ecken und Enden unterlegen, war spätestens mit dem 2:0 jedem im ganzen Stadion klar, dass die Schalker ihre Meister gefunden hatten (und auch kein Wunder mehr anstehen würde). Das war so deutlich zu spüren, dass Ferguson Hernandez, Rooney und Park für das Arsenal-Spiel am Wochenende schonte. Quasi im Vorbeigehen änderte er dabei das System auf ein 4-3-3 (Scholes, Carrick, Anderson in der Mitte, Valencia als rechter und Giggs als linker Flügel, Nani in der Mitte). Ebenso wie die weiteren beiden Wechsel von Rangnick hatte das aber keinerlei Bedeutung mehr. 

Es waren zu viele Schwächen, die Schalke im Vergleich mit so großartig spielenden Mancunians zeigte. Einige davon hätte man von einem Team des sonst oft geschickten Rangnick auch nicht erwartet.  Ohne Pressing und mit unzureichender Geschlossenheit in der Defensive lässt sich auf diesem Level nichts gewinnen. Es war schlicht eine chancenlose Vorstellung der überforderten Königsblauen. Einzig Tormann Neuer zeigte sich finalwürdig. Der Rest der Mannschaft scheint mit dem Semifinale bereits alle Erwartungen übertroffen zu haben und hätte in Gelsenkirchen auch ein bitteres Debakel erleben können.

Es ist nicht einmal klar, ob der MUFC für dieses Spiel überhaupt alles geben musste. Es war aber jedenfalls eine gute, saubere Leistung, bei der den Engländern fast alles (außer das Toreschießen) zu einfach gemacht wurde. Das wird aber im Verein niemanden kümmern. Interpretiert man die wahrscheinliche Finalteilnahme von London nicht als Auswärtsspiel, schließt die Mannschaft die Saison ab, ohne in der Champions League-Fremde auch nur ein Tor bekommen zu haben. Insgesamt haben die Red Devils erst drei Gegentreffer im Bewerb kassiert. Dass Schalke im Old Trafford nochmal so viele schießt, darf man nicht annehmen. "Die Logik sagt United", meinte Raul vor dem Spiel auf die Frage nach dem Aufsteiger. Nach dem Spiel besteht an dieser Logik kaum noch Zweifel. (tsc, derStandard.at, 27.4.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ralf Rangnick gibt in Gelsenkirchen seit etwas über 30 Tagen den Ton an. Alex Ferguson hat in Trafford seit beinahe ebensovielen Jahren das Kommando.

  • So starteten die Mannschaften in die Partie. Die Systeme ähneln sich auf den ersten Blick sehr stark. Entscheidend war, welches Leben den einzelnen Punkten eingehaucht wurde.
    grafik: derstandard.at/ballverliebt.eu

    So starteten die Mannschaften in die Partie. Die Systeme ähneln sich auf den ersten Blick sehr stark. Entscheidend war, welches Leben den einzelnen Punkten eingehaucht wurde.

Share if you care.