"Tschernobyl war eine Art Katalysator"

22. April 2011, 17:18
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Der Reaktorunfall brachte internationale Hilfe, erinnert sich die Krebsspezialistin Olga Aleinikova

Mit Karin Pollack sprach sie über Sowjetzeiten, Leukämie und die Angst der Menschen.

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Standard: Welche Erinnerung haben Sie an den Frühsommer 1986?

Olga Aleinikova: Es war zu Sowjetzeiten, die Behandlung für Leukämie bei Kindern war schlecht. Wir hatten Überlebensraten von nicht einmal zwölf Prozent. Es fehlte an Geld, Ausrüstung und Know-how. Dann passierte der Reaktorunfall. Lange Zeit wussten wir nicht Bescheid, was genau passiert war. Plötzlich rückten wir aber auch international ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Man dachte, die Leukämiezahlen würden steigen.

Standard: Sind sie gestiegen?

Aleinikova: In den ersten beiden Jahren verdoppelten sich die Fälle von Leukämie bei Kindern, danach hat sich die Anzahl der Krankheitsfälle aber stabilisiert und ist seit Jahren gleich wie in anderen europäischen Ländern. Wir nehmen an, dass Tschernobyl eine Art Katalysator für die Erkrankung war. Jene Kinder, die genetisch eine Veranlagung hatten, wurden schneller krank.

Standard: Und sonst?

Aleinikova: Wirklich gesichert ist, dass die Anzahl der Schilddrüsenkarzinome gestiegen ist. Diese Krankheit bricht erst bei Erwachsenen aus. Wir wissen nicht, warum, denn radioaktives Jod ist längst nicht mehr aktiv. Wir denken, dass andere radioaktive Nukleide der Auslöser sind.

Standard: Inwiefern hat sich die Behandlung heute verbessert?

Aleinikova: Tschernobyl brachte Hilfsmittel ins Land. Lange Zeit ging alles in die Ukraine, obwohl wir hier in Weißrussland viel stärker betroffen waren. Aus Europa kamen Ärzte, Helmut Gadner vom St. Anna Kinderspital in Wien unterstützte uns massiv. Ohne ihn würde es das Kinderkrebszentrum nicht geben.

Standard: Wie sah die Hilfe aus?

Aleinikova: Ärzte aus Minsk lernten in Wien die Behandlungsmethoden, es gab Sachspenden fürs Spital und finanzielle Unterstützung beim Aufbau. Dank dieser Initiativen liegt unsere Erfolgsquote bei Leukämie heute bei 85 Prozent. Heute kommen Kinder auch aus der Ukraine zu uns, dort wurde nämlich kein Krebszentrum errichtet.

Standard: Lassen sich Tschernobyl und Fukushima vergleichen?

Aleinikova: Nein, weil die Lebensvoraussetzungen im Vergleich zur Sowjetunion ganz unterschiedlich sind. Die Angst vor der Strahlung ist aber die gleiche. Die Leute verstehen nicht, was passiert. Dieses Nichtwissen macht krank. Ich denke, dass Psychologen diese Angst durch Aufklärung mildern können, und zwar in den Gemeinden, nicht im Spital. (Karin Pollack, DER STANDARD-Printausgabe, 23./24./25.4.2011)

  • Olga Aleinikova ist Kinderärztin und leitet das Zentrum für Kinderonkologie und Hämatologie in Minsk.
    foto: privat

    Olga Aleinikova ist Kinderärztin und leitet das Zentrum für Kinderonkologie und Hämatologie in Minsk.

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