"Habe gewusst, dass ich da selbst hineinmuss"

19. April 2011, 18:10
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Zum 25. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl erscheint ein Buch, geschrieben von einem Ex-KGB-Offizier, der im Inneren des Sarkophags war - Er wolle mit dem Buch "die Welt warnen", sagt Anatoly Tkachuk.

Wien - "Sie hielten sich sorgfältig an den festgelegten und eingeübten Weg. Sie wagten kaum zu atmen in der Gasmaske, jeder fürchtete zu stolpern ... Jeder Fehltritt konnte nur eines bedeuten - den Tod." So beginnt der spannendste Teil eines neuen Buches, das am Dienstagnachmittag in Wien präsentiert wurde. Geschrieben hat es Anatoly Tkachuk, ein ehemaliger russischer KGB-General. Titel: Ich war im Sarkophag von Tschernobyl - der Bericht des Überlebenden.

Was reißerisch klingt, war, laut Tkachuks Schilderungen, wirklich so. Der Mann war, wenige Tage nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, vor Ort. Er half, die Schutzhülle um den zerstörten Reaktor zu bauen. Und er war maßgeblich daran beteiligt, dass sie wieder geöffnet wurde, damit Spezialisten im Innersten nachschauen konnten, was bei der Explosion am 26. April 1986 wirklich geschehen war. Tkachuk war gemeinsam mit drei anderen Männern hinein gegangen: einem Physiker, einem Atomingenieur und einem General. Der Ingenieur starb zehn Minuten, nachdem sie den Reaktor betreten hatten. Die zwei anderen starben wenig später den Strahlentod. Die Männer hatten zwar Schutzanzüge an und Gasmasken auf - waren aber dennoch völlig ungenügend geschützt vor einer solchen Strahlung. Dass er überlebt habe, sei "reines Glück" gewesen, sagte Tkachuk zum Standard, er sei zufällig "nirgendwo draufgetreten".

Lacken brachten den Tod am schnellsten

Die Beschreibung, wie sich das abgespielt hat, ist beklemmend: Im Sarkophag war es dunkel, die 400 Räume des Kraftwerk-Kerns waren zum Teil erheblich zerstört, überall radioaktiver Staub und Lacken mit ausgeflossenem Brennmaterial. Die Lacken waren es, die den Tod am schnellsten brachten. Der Ingenieur war in eine getreten, kurz darauf taumelte er, riss sich in Atemnot die Gasmaske vom Gesicht und verstarb. Die Männer mussten sich aber auch vor so genannten "Strahlenwirbeln" schützen. Diese entstehen, wenn frei im Raum herumschießende radioaktive Teilchen an Wände und wieder zurück prallen. Zeitweise krochen sie am Boden, dann wieder versteckten sie sich hinter Betonmauern. Insgesamt sollte der Einsatz vor allem eines bringen: Erkenntnisse über das Ausmaß der Zerstörungen. Anatoly Tkachuk hatte damals schon Familie, doch er habe "von Anfang an gewusst, dass ich da selbst hineingehen muss."

Warum? Weil alle Roboter angesichts des Ausmaßes der Zerstörungen versagt hätten.

Ob er keine Angst gehabt habe? Doch, nickt Tkachuk, "aber ich war Offizier, da lernt man, dass man seine Wege zu Ende geht." Immerhin zählte er als hoffnungsvolles KGB-Nachwuchstalent zur Sowjet-Nomenklatura. Dennoch habe er Befehlsketten nicht unhinterfragt befolgt, beteuert Tkachuk, der heute Vizepräsident des "Internationalen Kongresses der Industriellen und Unternehmer" in Moskau ist. Er habe bei seinem Einsatz in Tschernobyl sehr rasch bemerkt, dass die Vorgesetzten in Kiew und in Moskau nur positive Nachrichten hören wollten, "nicht das, was war". Glasnost und Perestroika seien durch Tschernobyl noch beschleunigt worden, "weil die Menschen nicht mehr an ein System glauben konnten, das ihnen weismachen wollte, dass es alles im Griff hat".

Weil er diesen Prozess beschreiben wollte, habe er der eigentlichen Story über seine Zeit in Tschernobyl Kapitel über Tests mit Interkontinental-Raketen, den Kalten Krieg und die Logik der sowjetischen Militärs vorangestellt: "Ich wollte militärische und friedliche Nutzung der Kernenergie in einem Buch beschreiben", sagt er. Denn "vielen Menschen ist nicht bewusst, welches Potenzial hier vorhanden ist".

550 Mio. für Schutzmantel

Gefährlich werde es überall dort, "wo der Faktor Mensch versagt", sagt Tkachuk, "wie in Tschernobyl, wie jetzt in Fukushima." Das japanische AKW sei nicht für ein Erdbeben dieser Stärke und einen Tsunami gebaut worden, "das war das Problem". Und in Tschernobyl? "Es wurde gepfuscht, die Sicherheitsvorschriften wurden nicht gründlich genug eingehalten, der Test am 26. April, der zur Katastrophe führte, war fahrlässig."

Dennoch sei er kein AKW-Gegner, betont Tkachuk, "wir können momentan nicht auf Atomenergie verzichten, aber wir müssen mit allen Mitteln die Sicherheit erhöhen". Diese Erkenntnis scheinen, 25 Jahre nach dem Unglück von Tschernobyl, weit verbreitet zu sein: Am Dienstag fand in Kiew eine Geberkonferenz statt, die Ukraine erhielt dabei für eine neue Reaktor-Schutzhülle weitere 550 Millionen Euro. 110 Millionen sagte die EU zu.

Erstaunlich ist, dass Anatoly Tkachuk ein derart persönliches Buch nicht in der Ich-Form schrieb, sondern einen "Andrej Pravdin" zu seinem Alter ego macht. Dies will der Autor als "künstlerischen Griff" verstanden wissen: "Ich brauchte die Freiheit, um die Gefühle aller beteiligten Personen darstellen zu können."

Diese Freiheit hat sich Tkachuk hart erkämpft. Seinen Einsatz in Tschernobyl bezahlte er mit jahrelangen gesundheitlichen Problemen: Kehlkopf-Krebs, Leukämie, Strahlenbrand an Händen und im Gesicht, schmerzende Gelenke. "Heute geht es mir wieder gut", sagt er zum Standard, "daher muss ich die Welt warnen vor dem, was passieren kann." (Petra Stuiber, DER STANDARD; Printausgabe, 20.4.2011)

Buchdetails:

Anatoly N. Tkachuk: "Ich war im Sarkophag von Tschernobyl". Styria premium, 320 Seiten, € 24,95

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    Buchautor Tkachuk will vor Atomgefahr warnen.

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