"Wenn Griechenland kämpft, schafft es die Wende"

19. April 2011, 17:40
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Ein Schuldenschnitt und alles ist gut? Von wegen, meint der Athener Ökonom George Pagoulatos

Ein Haircut würde griechische Banken und Versicherungen in den Ruin stürzen, sagte er András Szigetvari.

STANDARD: Die Nachrichtenagenturen melden inzwischen täglich, dass Griechenland vor einer Umschuldung steht. Rechnen Sie auch mit einem Haircut für Investoren?

George Pagoulatos: Nein, nicht mit einem Haircut. Ich sehe dafür derzeit keinen Grund. Keine Kraft in Griechenland, weder die Regierung noch die Opposition, befürwortet einen Haircut. Bittet Athen jetzt seine Gläubiger zur Kasse, wären wir jahrelang von den Märkten ausgeschlossen, und wir würden die ganze Eurozone destabilisieren. Noch schlimmer wäre aber, dass ein Haircut die griechischen Banken, Versicherungen und Pensionsfonds selbst hart treffen würde. Diese Institute haben rund ein Drittel der griechischen Staatsschulden gekauft. Gibt es also einen Haircut, müsste die Regierung sie alle rekapitalisieren, und das würde wieder Milliarden kosten.

STANDARD: Aber welche Alternative hat Athen noch?

Pagoulatos: In Europa setzt sich langsam die Einsicht durch, dass die Probleme Griechenlands, Irlands und Portugals durch Einsparungen allein nicht mehr in den Griff zu bekommen sind. Das heißt aber nicht, dass einer dieser Staaten einfach einseitig erklären wird, seine Schulden nicht voll zurückzuzahlen. Es geht also nicht um Haircut, sondern um eine Umstrukturierung der Schulden. Griechenland wird möglicherweise Geld bekommen, um einen Teil seiner Anleihen, also seiner eigenen Schulden, zurückzukaufen. Die Anleihenkurse sind ja tief gefallen und können billig gekauft werden. Gleichzeitig wird man Athen länger Zeit geben, seine Schulden zu bezahlen. Auch die Ausgabe von Brady-Bonds (Anleihen, die Ende der 80er-Jahre eingesetzt wurden, um die Verschuldung südamerikanischer Länder zu senken, Anm.) ist denkbar.

STANDARD: Aber Griechenlands Schuldenstand liegt schon jetzt bei 140 Prozent der Wirtschaftsleistung und wird weiter steigen.

Pagoulatos: Das stimmt. Aber der Internationale Währungsfonds und die EU haben das genau gewusst. Wenn Griechenland kämpft, kann es die Wende aber noch schaffen. Sofern das Sparprogramm aufgeht, wird die Leistungsbilanz des Landes in zwei Jahren ins Plus drehen. Das könnte die Einstellung der Investoren positiv beeinflussen. Hinzu kommt, dass die Regierung ein Privatisierungsprogramm in Höhe von 50 Milliarden Euro lanciert hat. Das Programm ist langsam angelaufen, bisher wurde noch nichts verkauft. Aber in den vergangenen Tagen kam Bewegung in die Sache – das ist derzeit unsere größte Hoffnung.

STANDARD: Wäre es nicht besser gewesen, Griechenland hätte seinen Gläubigern gleich einen Haircut verpasst? Das 2010 von EU und IWF geliehene Geld hätte man dafür verwenden können, die Banken im Land zu rekapitalisieren.

Pagoulatos: Was Sie sagen, macht Sinn. Aber Griechenland hatte im vergangenen Jahr keine starke Verhandlungsposition. Ende 2009 sind die ganzen Budgettricks der Vorgängerregierung aufgeflogen, in diesem Umfeld gab es kein Vertrauen für Athen. Andererseits hat sich der Markt langsam daran gewöhnt, dass Griechenland ein Entgegenkommen braucht. Ohne Vorbereitung wäre ein Schuldenschnitt doch ein sehr großer Schock für die Märkte gewesen. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 20.4.2011)

GEORGE PAGOULATOS ist einer der führenden griechischen Wirtschaftsprofessoren. Nach Aufenthalten in Princeton und Oxford unterrichtet er derzeit an der Universität Athen.

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