Gemeinsam sind wir stärker

19. April 2011, 15:53
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Im Internet ergeben sich neue Möglichkeiten für feministischen Aktivismus: #mooreandme und hatr.org sind lebhafte Bespiele dafür

Debatten im Internet schafften es bisher nicht oft, gesellschaftlich relevant zu werden. Das ist in vielen Bereichen schade, etwa bei Fragen, wo die Netzgemeinschaft größeres Wissen hat als die "Analogen" - etwa bei Datenschutz oder Urheberrechtsfragen. In vielen gesellschaftspolitischen Fragen kann mensch allerdings auch froh sein, dass die meist dominierenden Meinungen nicht viel Beachtung außerhalb des Internets finden.

Gegen den Strom schwimmen

Seit geraumer Zeit gibt es nun Initiativen, die gleich beides versuchen: einerseits den oftmals undifferenzierten, sexistischen, rassistischen und reaktionären Meinungsschwärmen etwas entgegenzusetzen und andererseits feministische Debatten aus dem Internet heraus in eine analoge politische Öffentlichkeit zu transferieren. Bei der diesjährigen re:publica wurden einige davon vorgestellt.

Bekehrter Moore

Als eines der ersten gelungenen Bespiele lässt sich etwa die #mooreandme-Kampagne nennen. Es handelt sich dabei um eine Twitter-Kampagne, die im Dezember vergangenen Jahres von der New Yorker Bloggerin und Netzaktivistin Sady Doyle sowie der Autorin Jaclyn Friedman im Zuge der weltweiten Diskussion zu den Assange-Vergewaltigungsvorwürfen gestartet wurde. Der Hintergrund: Filmemacher und Aktivist Michael Moore hatte gemeinsam mit anderen SympathisantInnen die Kaution für den WikiLeaks-Chef gestellt und gleichzeitig öffentlich dazu aufgerufen, in Bezug auf die Vorwürfe von sexueller Gewalt gegen seinen Schützling "niemals, nie die offizielle Version zu glauben". Er hatte damit nicht nur Assange in Schutz genommen, sondern auch die Glaubwürdigkeit der mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer in Frage gestellt. Viele linke Feministinnen waren geschockt, dass selbst der als gleichgesinnt imaginierte Filmemacher Moore sich derart unsolidarisch in den Medien äußerte.

Bei einer Hashtag-Kampagne über Twitter wird ein bestimmtes Schlüsselwort (#mooreandme) bestimmt, sodass Tweets, die dieses Wort enthalten, auf einer Seite gesammelt und abrufbar werden. Aus der feministischen Netzcommunity erhielt Moore innerhalb einer Woche tausende Twitter-Nachrichten, die ihn aufforderten, seine Meinung zu überdenken. Auf #mooreandme lieferten sich die UserInnen eine harte Diskussion über den Umgang mit Vergewaltigungsopfern in der Öffentlichkeit. Schwedische Aktivistinnen sprangen auf und initiierten #prataomdet, zu deutsch "reden wir darüber".

Eine Woche später zeigte der konzertierte feministische Aufschrei seine Wirkung: Michael Moore wurde erneut zu der Causa befragt und zeigte sich geläutert: Assange müsse definitiv zur Aufklärung der Vorwürfe beitragen, weil jede Frau, die Vergewaltigungsvorwürfe vorbringe, ernst genommen werden müsse, so der einflussreiche Kommunikator.
Über die Twitter-Kampagne gelang es Feministinnen zudem, sich in anderen Medien Gehör zu verschaffen. Jaclyn Friedman traf bei "Democracy Now" auf Naomi Wolf (Autorin der "Schönheitsmythos") (siehe dazu auch das dieStandard.at-Interview mit Friedman), eine weitere Assange-Verteidigerin und schließlich wurde sie sogar zu BBC eingeladen. Somit überschritt die Kampagne die digitalen Schranken und erreichte auch breitere Gesellschaftsschichten.

Quarantäne für Trolle

Einen anderen Ansatz der feministischen Intervention verfolgt die Netzplattform hatr.org, auf der Hasspostings anonymisiert veröffentlicht werden (siehe dazu auch den Beitrag im Web-Standard). Die Betreiberinnen wollen nach US-amerikanischen Vorbild "aus Hass Geld machen", indem sie Werbungen auf ihrer Seite schalten, während feministische und gesellschaftskritische Blogs von den unerwünschten Wortspenden verschont bleiben.

Isolierung überwinden

Eine neue Form politisierter Öffentlichkeit im Netz zeichnet sich weiters durch Initiativen ab, die LeidensgenossInnen von in unserer Gesellschaft mit Scham besetzten Erfahrungen zusammenbringt. Die Kampagne "3.000 campaign" von Studierenden der George Washington Universität ist ein Beispiel dafür, wie Betroffenen von sexueller Gewalt ein Forum geboten werden kann, ohne reißerisch zu agieren. Auf der Plattform können UserInnen ihre Geschichte mit sexueller Gewalt anonym veröffentlichen - heraus kam dabei eine Sammlung an bisher ungehörten Erfahrungen und Betrachtungen zum Thema.

Netzaktivistinnen wissen, dass es wichtig ist, das Einzelkämpferinnentum zu durchbrechen, sich Hilfe zu holen und auszutauschen. Twitter-Kampagnen, Plattformen wie hatr.org und Seiten, die den Austausch von bitteren Erfahrungen ermöglichen, kreieren Communities, wo Gemeinsamkeit und Bestärkung für emanzipatorische Anliegen erlebbar werden. Gut, dass es im Internet immer mehr Plätze dafür gibt. (freu, dieStandard.at, 19.4.2011)

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    Mitleid mit Assange, aber nicht mit seinen mutmaßlichen Vergewaltigungsopfern? Michael Moore änderte seine Meinung, nachdem er von feministischen Netzaktivistinnen "aufgeklärt" wurde.

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