Japans Regierungschef unter Druck

18. April 2011, 17:45
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Greenpeace übt herbe Kritik am Umgang Japans mit der Atomkrise und warnt vor weltweiten Folgen eines jahrelangen Austritts von radioaktivem Material. Die Mehrheit der Japaner wünscht sich einen neuen Regierungschef

Berlin/Tokio/Wien - Die Japaner stellen ihrem Ministerpräsidenten Naoto Kan ein miserables Zeugnis im Umgang mit der Atomkrise aus. Nahezu 70 Prozent sprechen sich in einer am Montag veröffentlichten Umfrage der Zeitung Nikkei für einen Wechsel an der Spitze der Regierung aus. Fast ebenso viele halten Kans bisherige Reaktion auf den AKW-Unfall in Fukushima für nicht akzeptabel. In einer Erhebung der Zeitung Mainichi gaben 58 Prozent der Befragten an, sie trauten den Informationen nicht, die die Regierung zu dem Atomunfall ausgebe.

Kritik kommt auch von Greenpeace. Die Umweltschutzorganisation forderte am Montag einmal mehr die Ausweitung der Schutzzone rund um das AKW und warf der Regierung vor, die Bevölkerung nicht ausreichend vor der austretenden Radioaktivität zu schützen. Die Informationspolitik sei "katastrophal".

Informatinen "unseriös"

Die AKW-Betreiberfirma Tepco hatte am Wochenende erklärt, man hoffe, in sechs bis neun Monaten die havarierten Reaktoren stabilisieren zu können. Dieser Zeitplan könne aber nur eingehalten werden, wenn "alles reibungslos" verlaufe, wie Regierungssprecher Yukio Edano sagte.

Greenpeace nennt diese Informationen "unseriös". "Das Einzige, was im Moment klar ist, ist, dass weiter Radioaktivität austritt", sagte Greenpeace-Fachmann Christoph von Lieven. "Wir sind uns nicht sicher, ob wir damit nicht noch Jahre zu tun haben." Dann würde die Strahlenbelastung weltweit steigen. Der Umweltschützer fordert den Einsatz unabhängiger Experten. Die Problembehebung solle Japan von der internationalen Gemeinschaft aus der Hand genommen werden.

300 Milliarden Dollar Sachschäden

Im Unglücks-AKW versuchten Arbeiter am Montag weiter mit Hochdruck, verseuchte Wassermassen loszuwerden. Sie wollen Wasser aus einem Schacht des Reaktors 2 in eine Müllbeseitigungsanlage abpumpen. Sorge bereite hochgradig verseuchtes Wasser, das sich in einem Tunnelschacht angesammelt hat. Es sei an einem Tag um drei Zentimeter gestiegen. Zur Messung der Strahlung werden Roboter eingesetzt.

Allein die Sachschäden, die die Katastrophe mit mehr als 13.000 Toten verursachte, dürften sich laut Schätzungen mit 300 Milliarden Dollar (208 Mrd. Euro) zu Buche schlagen. Der Großteil der Bevölkerung befürwortet Steuererhöhungen zur Finanzierung des Wiederaufbaus der vom Beben im März teils völlig zerstörten Gebiete im Nordosten Japans. Die Regierung hofft, neue Anleihen vermeiden zu können, mit denen ein erstes, umgerechnet etwa 34 Milliarden Euro schweres Nothilfepaket gestemmt werden soll. (dpa, spri, DER STANDARD-Printausgabe, 19.4.2011)

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    Anti-Atom-Demonstranten in Tokio - ein Foto zeigt Ministerpräsident Naoto Kan. Unten: ein ferngesteuerter Roboter im Einsatz im AKW Fukushima.

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