Tourismusarbeiter wollen nichts wie raus

18. April 2011, 13:06
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Die Fremdenverkehrsbranche hat ein Problem: Der durchschnittliche Beschäftigte ist weiblich, jung, schlecht bezahlt und will weg

Die Tourismusbranche hat ein Imageproblem: Wochenend- und Nachtarbeit, schlechte Bezahlung, Stress, unfreundliche Gäste - das alles prägt das Bild der Beschäftigung in Gastronomie und Hotellerie. Mit ihrer jüngsten Studie "Tourismus in Österreich 2011" zeigen die Arbeiterkammer Wien (AK Wien), die Gewerkschaft vida und das Institut für Empirische Sozialforschung (IFES ), dass das Bild durchaus auch der Realität entspricht.

Aus dem Blickwinkel der Beschäftigten heraus habe man versucht, aufzuzeigen, wie es in der Branche derzeit aussieht und was sich in den vergangenen 20 Jahren verändert hat, erklärte Kai Biehl von der AK Wien am Montag in Wien. Die aktuelle Studie wurde mit einer Sonderauswertung des österreichischen Arbeitsklimaindex für den Tourismus ergänzt.

800 Beschäftigte aus Gastronomie und Hotellerie seien befragt worden, berichtete Georg Michenthaler vom IFES. Die grundsätzlichen Ergebnisse sind: Die Branche ist jung, weiblich, migrantisch geprägt, unterdurchschnittlich bezahlt, mit überdurchschnittlich viel Wochenend- und Nachtarbeit. "Es gibt kaum eine adäquate Bezahlung im Tourismus", so Michenthaler. Der Median-Bruttoverdienst lag 2008 bei 1.463 Euro - um 32 Prozent unter dem Medianeinkommen aller Branchen, das bei 2.153 Euro lag. Noch weniger verdienten nur Beschäftigte in privaten Haushalten oder in der Landwirtschaft.

Beschäftigte im Tourismus sind im Vergleich zu anderen Branchen außerdem unterdurchschnittlich schlecht ausgebildet (nur 15 Prozent haben mindestens die Matura). Das Geschäft mit dem Gast gilt seit jeher als "Einstiegsbranche" für junge Arbeitnehmer, aber auch ungelernte Kräfte finden relativ leicht eine Arbeit. Gut 30 Prozent der Beschäftigten haben Migrationshintergrund oder kommen direkt aus dem Ausland. 

Instabile Arbeitsverhältnisse

Die hohe saisonale Abhängigkeit führt außerdem zu einem instabilen Arbeitsmarkt, Arbeitslosigkeit gehört zum Erwerbsjahr dazu. So waren 13 Prozent der Beschäftigten innerhalb der vergangenen zwölf Monate irgendwann arbeitslos - ein Wert, der im Tourismus drei Mal so hoch ist wie in anderen Branchen. Michenthaler konstatiert außerdem, dass die subjektive Arbeitszufriedenheit im Tourismus im Zehn-Jahres-Vergleich zurückgegangen ist, während sie in den anderen Branchen leicht zunahm. Beschäftigte im Fremdenverkehr seien unterdurchschnittlich zufrieden, sowohl mit dem eigenen Status als auch mit den Sozialleistungen und der Arbeitszeitregelung.

Im Jahr 2011 waren im Jahresdurchschnitt 181.000 Menschen im Tourismus beschäftigt. Im Vergleich zum Jahr 2010 bedeutet das einen Anstieg von 21,5 Prozent. Doch die Zahlen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Tourismus einerseits eine "Einstiegsbranche", auf der anderen Seite eine "Fluchtbranche" ist. Und das liegt nicht zuletzt an den schlechten Arbeitsbedingungen, ist sich vida-Gewerkschafts-Vorsitzender Rudolf Kaske sicher. Michenthaler belegt die Fluchttendenzen mit Zahlen: 32 Prozent der Beschäftigten im Tourismus denken an einen Firmen- oder überhaupt an einen Branchenwechsel.

Forderungsliste

Die Forderungsliste der Gewerkschaft ist deswegen lang. Es müsse sich etwas verändern, sowohl bei der Bezahlung als auch bei den Arbeitszeitregelungen, fordert Kaske: "Flexibilität darf keine Einbahnstraße sein." Die Arbeitgeber würden von ihren Mitarbeitern flexibles Verhalten in punkto Arbeitszeit erwarten und voraussetzen. Schließlich sei der Tourismus gerade deswegen als familienfeindliches und unplanbares Beschäftigungsfeld verschrien. Viele nutzten Jobs in Gastronomie oder Hotellerie als Einstiegsjobs, schauten aber recht schnell, da wieder rauszukommen. Die nicht gerade rühmlichen Arbeitsbedingungen führten sogar dazu, dass für den Tourismus Ausgebildete nicht ewig in ihrer Branche bleiben wollen So verließen 80 Prozent der Beschäftigten im Tourismus innerhalb der ersten zehn Jahre nach ihrer Ausbildung das Metier wieder.

Der Tourismus hätte viel zu bieten für die ArbeitnehmerInnen, doch an der praktischen Umsetzung scheitere es oft. Es fehle an modernen Berufsbildern, Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen in den Betrieben. Dies sei jedoch notwendig, um anderen Branchen gegenüber konkurrenzfähig zu sein. Kaske fasst die Problemzone Tourismus so zusammen: "Die Branche ist uncool, und sie muss wieder cool werden." (Daniela Rom, derStandard.at, 18.4.2011)

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    Jung, weiblich, schlecht bezahlt: Arbeiten im Tourismus ist kein Honigschlecken, vielmehr emfinden Tourismusarbeiter ihren Arbeitsplatz als Baustelle.

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