Lüsterne Hymnen für die Außenseiter

17. April 2011, 17:46
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Die schottische Band Belle And Sebastian verirrte sich im 15. Jahr ihres Bestehens erstmals nach Wien - empfangen wurde sie wie ein verlorener Sohn

Im Gepäck hatte sie dieses eine Lied - in allen Variationen.

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Wien - Irgendjemand sollte in den Künstlergarderoben der Wiener Konzertsäle einmal ein Schild aufstellen, auf dem davor gewarnt wird, mit der Melodie von Der Dritte Mann punkten zu wollen. Das ist, wie man neumodern sagt, over. Aber so was von.

Dass nun ausgerechnet die erwiesen stilsicheren Belle And Sebastian unter der Führung ihres sanften Diktators Stuart Murdoch während ihres seit Jahren herbeigesehnten Wien-Debüts ebendiesen Schmäh versuchten, verwunderte, nein, verwundete ein wenig. Ansonsten machte die schottische Band bei ihrem Auftritt am Samstag im Gasometer nicht viel falsch. Dementsprechend erschien das Konzert mitunter wie eine höfliche Party Gleichgesinnter, bei der Musik von nur einer Band gespielt wurde.

Belle And Sebastian ist eine jener Formationen, von der man entweder jedes Lied auswendig kennt oder gar keines - zumindest nicht namentlich. Denn aus der Ferne betrachtet haben Murdoch und Co nur ein Lied - und das wird eloquent variiert. Mehr braucht es gar nicht, siehe auch The Ramones.

Die Kernkompetenz von Belle and Sebastian ist ein leichtfüßiger Folksong im Uptempo: poppig, stringent trotz reichhaltiger Instrumentierung mit Streichern, Bläsern und Orgel, oft knapp am Easy-Listening-Abgrund. Fährt man zu dieser Musik im Frühsommer in einem offenen 1960er-Jahre-Auto durch Südfrankreich, ist die Kitschgrenze schon nach der ersten Kurve erreicht: 'ärrliiisch! Wenn Belle And Sebastian dieses Lied spielen, ist alles gut.

Prototypisch und stellvertretend sei das auch live dargebotene I'm A Cuckoo genannt, in dem der zweite wesentliche Wesenszug dieser Songs auftaucht: Fast alle sind sie aus der Sicht von Außenseitern geschrieben. Das erklärt ihre sehnsuchtsvolle Aufladung ebenso wie den in ihnen auftauchenden Zynismus samt Fantasien, die eher nicht aus der Sonntagsschule stammen - oder exakt dort ihren Ursprung haben.

Vor 15 Jahren veröffentlichte Nerd Murdoch mit Tigermilk das erste Album. Dafür musste er Mitspieler rekrutieren, und nur deshalb wurde dieses Unternehmen zu so etwas Herkömmlichem wie eine Band.

Mitglieder rekrutiert er heute noch: Für das Wien-Konzert war es ein dreiköpfiger Streichersatz hier heimischer Damen, die spielten, als würden sie den Mann im schwarzen Achselzwicker- T-Shirt und den hellen Jeans jeden Abend begleiten - während er verwegen über die Bühne hüpfte, im Publikum verschwand, launige Ansagen machte oder auch zurücktrat, um Mitstreiter in Ringel-T-Shirts singen zu lassen. Dabei trat das Referenz-Universum von Belle And Sebastian deutlich zutage: Da gibt es einmal den diesbezüglich Meistgenannten, Lawrence Hayward und seine Band Felt, mit der er in den 1980ern mit All the People I Like Are Those That Are Dead seine Weltsicht manifestierte - Murdochs Privatgott.

Dazu eine Reihe weitgehend unbekannt gebliebener Bands wie Talulah Gosh oder The June Brides, deren Debüt man heute noch nicht für das Gesamtwerk von Belle And Sebastian eintauschen würde. Allesamt charmante Dilettanten, die wie Murdoch unschuldige Melodien aus der Gitarre schrammten, deren Vortrag zwischen schmollend und betrübt-euphorisch rangierte.

Tänzerinnen und Nichttänzer

Es ist also keine neue Kunst, mit der Murdoch die Herzen seiner Fans wärmt, aber er ist in diesem Fach einer der Letzten, die das mit aufrechter Überzeugung machen - wenngleich die jüngsten Alben leider an Atmosphäre eingebüßt haben.

Live war das kein Thema: Da ackerte er sich beherzt quer durchs Gesamtwerk, blödelte, nahm sich einen Saalwunsch zu Herzen und intonierte Rivers Of Babylon, weil er selbst an diesem Tage an Boney M. gedacht hatte, und holte zwei Tänzerinnen und zwei Nichttänzer auf die Bühne.

In der Mitte hatte die Show durchaus eine Länge, die Ballade, das zeigte sich, die kann er nicht. Aber das eine Lied, das nimmt ihm niemand - und deshalb sind wir ja angereist gekommen, dafür lieben wir ihn. Ob er will oder nicht. (Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 18. 4. 2011)

  • Stuart Murdoch, der Kopf von Belle And Sebastian, fühlte sich in Wien 
spürbar wohl. Kein Wunder, flogen ihm doch hunderte Herzen und ein 
bizarrer Saalwunsch zu.
    foto: christian fischer

    Stuart Murdoch, der Kopf von Belle And Sebastian, fühlte sich in Wien spürbar wohl. Kein Wunder, flogen ihm doch hunderte Herzen und ein bizarrer Saalwunsch zu.

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