Hetzmeute von Judenhassern mit Glacéhandschuhen

15. April 2011, 17:09
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Mit der Burgtheater-Premiere von Arthur Schnitzlers "Professor Bernhardi" gedenkt man eines analytischen Meisterstücks zum Antisemitismus als Thema: ein kleines Lexikon zur "Komödie"

Elisabethinum: Bernhardi (Joachim Meyerhoff) ist der Gründer dieser hochlöblichen Privatklinik. Ein Pulk von Professoren nebst Assistenzpersonal lebt von den Zuwendungen einer Handvoll Gönner, die in einem Kuratorium organisiert sind. Gebildet wird dieses aus einem Prinzen, einem Bischof, einem Fürsten, einem Bankdirektor und einem Hofrat: Ergibt den perfekten Querschnitt durch die gehobene k. u. k. Gesellschaft um 1900. Die bitterböse Pointe: Splendid sind in Wahrheit nur die anonym bleibenden Juden. Bernhardis Professorenfreund Cyprian beschreibt den gesellschaftlichen Wirkungsmechanismus wie folgt: Er nenne bei Bedarf "ein Dutzend Juden, die uns überhaupt nur was geben, weil ein Prinz und ein Bischof im Kuratorium sitzen."

Hochwürden: Weil Bernhardi den Priester (Lucas Gregorowicz) daran hindert, einem todkranken Abortus-Opfer die letzte Ölung zu spenden, wird gegen den Klinikleiter ein Kesseltreiben veranstaltet. Der antisemitische Tenor der Polemiken wird von Unterstellungen genährt, die der durchschnittliche Judenhasser mit gehässigen Stereotypen füttert. Juden eigne ein "präponderantes Wesen". Bernhardi, schreibt die Hetzpresse, könne "den religiösen Gefühlen der angestammten christlichen Bevölkerung" unmöglich "das nötige Verständnis entgegenbringen". Warum? Er sei "durch Abstammung, Erziehung und Charaktereigenschaften" dazu nicht in der Lage. Schnitzler zeigt, was dabei herauskommt, wenn das antisemitische Ressentiment Glacéhandschuhe anzieht und sich sittlich entrüstet.

Hochwürden II: Nachdem Bernhardi vom Gericht wegen Religionsstörung zu einer zweimonatigen Gefängnisstrafe verurteilt worden ist, sucht ihn der Priester auf: Ihrer beider Zwiegespräch ist das bittere Kernstück der fünfaktigen "Komödie" Professor Bernhardi. Beide konstatieren die Unüberbrückbarkeit der zwischen ihnen liegenden Kluft. In einer kuriosen Wendung des Disputs verständigen sich die Kontrahenten darüber, beide ihrem "inneren Gefühl" gefolgt zu sein. Zur Debatte steht nichts Geringeres als der Abwehrkampf der Kirche gegen die Ansprüche säkularer Vernunft, verkörpert durch Bernhardi. Der Handschlag der beiden besiegelt ein Innehalten, keinen Frieden.

Minister: In die Gestalt von Unterrichtsminister Flint (Nicholas Ofczarek) sind Züge des berüchtigten Wiener Bürgermeisters Karl Lueger eingeflossen. Hinter der jovialen Fassade des Praktikumskollegen von Bernhardi lauert die Unruhe eines durch und durch "modernen" Menschen. Flint ist der Prototyp jenes Politikers, der eigenen Suggestionen erliegt: Er lässt Bernhardi trotz gegenteiliger Beteuerungen im Regen stehen. Flint zeigt sich skrupellos im Detail, weil er behauptet, das "große Ganze" im Auge behalten zu müssen.

Professor: Schnitzlers 1912 publiziertes Stück atmet den analytischen Geist der großen Henrik- Ibsen-Dramen: Ein Mann tritt vor die Gesellschaft hin, um zu sagen, dass er nicht anders könne. Anschauungsmaterial gewann Schnitzler durch die Erfolgskarriere seines Vaters Johann Schnitzler, der als angesehener Laryngologe in der "Allgemeinen Poliklinik" in Wien wirkte. Das Stück, das in Österreich-Ungarn der Zensur zum Opfer fiel und in Berlin uraufgeführt werden musste, zeigt eine Zusammenrottung von Hyänen und Bestien, hinter deren kultiviertem Äußeren eine nur mühsam gebändigte Mordlust spürbar wird.

Zeit: Das vielfach verklärte Gesellschaftsbild der Wiener "Gründerzeit" (und der Zeit danach) kann einen ihrer zentralen Widersprüche nicht vergessen machen: Eine lebensunfähig gewordene Monarchie lebt von den Beiträgen ihrer jüdischen Mitbürger, um diese zu verunglimpfen und zu verfolgen. (Ronald Pohl, DER STANADRD - Printausgabe, 16./17. April 2011)

Premiere Samstag, 16. April, 19.30, im Burgtheater. Regie: Dieter Giesing.

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    Professor Bernhardi (Joachim Meyerhoff) probt den aufrechten Gang. Im Bildhintergrund: Martin Schwab als Dr. Löwenstein.

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