Neuer Parteichef ohne Ecken und Kanten

14. April 2011, 15:47
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Spindelegger muss erst in seine neue Rolle hineinwachsen - Noch hat er kein klares Profil

Michael Spindelegger spricht gelassen, wirkt ruhig, ist nicht hektisch. Er zeigt wenig Emotionen, geht fast stoisch an die Sache heran. Er ist kein Mensch, der große Gefühle zeigt, obwohl der heutige Tag der wichtigste in seiner beruflichen Laufbahn ist. Schließlich ist er jetzt Chef jener Partei, für die er sich seit Jahren engagiert.

Der designierte Vizekanzler und Parteichef der ÖVP polarisiert nicht, ist nicht besonders angriffslustig. Spindelegger kann gut mit Menschen umgehen, beschreibt ihn der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll.

Die Frage ist allerdings, ob er Menschen für die Politik in einem solchen Ausmaß begeistern kann, wie das notwendig wäre. Es stehen viele Herausforderungen und Reformen an. In den letzten Monaten konnte die ÖVP in der Regierungsarbeit wenige Akzente setzen und hat hauptsächlich mit Skandalen auf sich aufmerksam gemacht.

Die Entscheidung der ÖVP für den neuen Parteiobmann ist schnell gefallen. 24 Stunden nachdem Josef Pröll seinen Rückzug bekannt begeben hat, ist Spindelegger präsentiert worden. Die ÖVP kann nur hoffen, dass die Entscheidung nicht zu schnell getroffen wurde. 

Maria Fekter hätte der ÖVP ein stärkeres Profil verliehen, so bleibt vorerst alles beim Alten. Das hat man auch schon daran bemerkt, dass Spindelegger angekündigt hat, Prölls Kurs weiterführen zu wollen. Welcher Kurs war das nochmal genau? Alles sieht danach aus, als würde die ÖVP auch in Zukunft nicht von ihrer Rolle als drittstärkste Kraft im Land, wie das derzeit in Umfragen der Fall ist, abweichen können.

Damit dem nicht so ist, würde es jetzt zumindest anstehen, nicht nur das Regierungsteam, sondern das gesamte ÖVP-Team neu zu positionieren, die Schwachstellen aus dem Weg zu räumen. Damit könnte Spindelegger auch gleich zu Beginn beweisen, welche Durchsetzungskraft er hat. Neue Gesichter im ÖVP-Team könnten der gesamten Regierung eine neue Dynamik verleihen. Und wer weiß, vielleicht ist Spindelegger ja angriffslustiger und facettenreicher als man jetzt noch glaubt. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 14.4.2011)

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