Angst vor der Qualität

13. April 2011, 18:35
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Gerhard Zeiler, hört man, würde gern wieder ORF-Direktor werden - Wenn man ihn ließe

Gerhard Zeiler, hört man, würde gern wieder ORF-Direktor werden. Wenn man ihn ließe. Aber ausgerechnet die Sozialdemokraten, von denen er ja kommt, wollen ihn partout nicht haben. Weil er nicht gut genug ist? Nein, nein, ganz im Gegenteil. Weil er zu gut und daher natürlich auch unabhängig ist. Es scheint ein verhängnisvolles Gesetz der parteiabhängigen hiesigen Personalpolitik zu sein, das da lautet: Qualität schadet.

Berühmt ist der Sager, den ein Parteifreund angeblich über Erhard Busek von sich gegeben hat und der das Ende von dessen ÖVP Karriere bedeutete: Du bist zu g'scheit. Franz Fischler, erfolgreicher EU Kommissar und ehemaliger ÖVP-Minister, wurde nach seiner Rückkehr aus Brüssel nicht mehr in die Politik zurückgeholt. Einen Unsrigen, der im Ausland Ruhm erntet, hat man ganz gern, aber ihn zu Hause mitmischen lassen? Lieber nicht. Peter Marboe war einmal ein allgemein anerkannter ÖVP-Kulturstadtrat in Wien. In der geschrumpften Pimperl-ÖVP der Frau Marek haben urbane Typen wie er keinen Platz. Ferdinand Lacina bekam einmal einen Preis als bester europäischer Finanzminister. Nach seinem Abgang wollte seine Partei, die SPÖ, nicht einmal mehr seinen Rat suchen. Brigitte Ederer hatte keine Chance als mögliche SPÖ-Vorsitzende. Armin Wolf, preisgekrönter ORF-Star, blitzte als Anwärter auf die Fernsehchefredaktion ab. Die Beispiele ließen sich fortsetzen.

Derzeit sind die Medien voll der Klagen über das jämmerliche Personalangebot der politischen Parteien. Niemand Begabter will Politiker werden, heißt es. Und im politiknahen Wirtschaftsbereich ist es kaum besser. Das Image ist zu schlecht. Aber wenn dann doch, o Wunder, jemand da ist, der sowohl kompetent als auch integer ist und auch noch Verantwortung übernehmen will? Dann klappt es auch nicht. Ein Anwärter ist ein bisschen doof? Macht nichts. Ein bisschen korrupt? Macht auch nichts, solange kein internationaler Skandal draus wird. Eine gewisse Dumpfbackigkeit scheint immer mehr zur Berufsvoraussetzung zu werden.

Gerhard Zeiler hatte in seiner Zeit als ORF Generalintendant den Ruf, auf die Quoten zu schauen und (auch) Massenfernsehen zu machen, allerdings Massenfernsehen, das die Massen auch wirklich sehen wollten. Und mit dem verdienten Geld die Qualitätsprogramme und die Information mit den Mitteln auszustatten, die sie brauchten und diese gleichzeitig zuverlässig vor jeder politischen Intervention zu schützen. Inzwischen hat er beim deutschen Privatfernsehen so viel Geld verdient, dass er für alle Zeiten unabhängig sein kann. Wenn sich so jemand den maroden ORF antun und auch noch dessen öffentlich-rechtlichen Charakter retten möchte, ist das ein Glücksfall, denkt sich die Gebührenzahlerin.

Der Mann ist Sozialdemokrat, die ÖVP unterstützt ihn (allerdings eher, um den Koalitionspartner zu ärgern). Ließe sich da kein Konsens finden? Mein Gott, bist du naiv, heißt es dann. Auf Kompetenz kommt es doch nicht an! Sondern darauf, ob ein Kandidat für einen Spitzenjob einer ist, auf den sich die nominierende Partei hundertprozentig verlassen kann. Freilich, die Besten kriegt man auf diese Weise nicht. Und auf die Dauer rächt sich das. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD; Printausgabe, 14.4.2011)

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