Justiz hat Karstadt-Pleite im Visier

12. April 2011, 17:40
4 Postings

Thomas Middelhoff und zehn weiteren Managern wird vorgeworfen, "Karstadt-Mutter" Arcandor ruiniert zu haben

Im Saal 101, dem größten des Essener Landgerichts, dürfte es am heutigen Mittwoch durchaus eng werden. Denn dort beginnt am Vormittag einer der wohl spektakulärsten Prozesse der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

Untersucht wird die Insolvenz von Arcandor, der ehemaligen Mutter der deutschen Warenhauskette Karstadt und des Versandhandels Quelle. Der ehemalige Mischkonzern Arcandor (Touristik, Handel) war 2009 pleitegegangen, einst hatten 100.000 Menschen für ihn gearbeitet.

Für den Berliner Rechtsanwalt und Arcandor-Insolvenzverwalter Hubert Görg ist klar, wer an der Pleite die (Mit-)Schuld trägt: Die ehemaligen Arcandor-Manager, allen voran der schillernde Thomas Middelhoff, der von 2005 bis 2009 Vorstandsvorsitzender war. Ihn und zehn weitere Manager verklagt Görg auf Schadenersatz in Höhe von 175 Millionen Euro.

Es ist eine komplizierte Materie, die das Gericht klären muss. Letztendlich aber läuft alles auf die eine Frage hinaus: Haben Middelhoff und Co in ihren Entscheidungen so gehandelt, dass Arcandor Schaden nehmen musste?

Der Stein des Anstoßes datiert noch aus der Zeit, in der Middelhoff Chef des Medienkonzerns Bertelsmann war und mit Arcandor nichts zu tun hatte. 2002, als die Warenhauskette Karstadt wirtschaftlich bereits ins Trudeln geraten war, wurden mit der Privatbank Sal. Oppenheim Immobilienfonds aufgelegt. Diese kauften Karstadt die Warenhäuser ab und vermieteten sie wieder an Karstadt zurück, allerdings zu sehr hohen Mieten, was nicht unbedingt zur wirtschaftlichen Genesung der Warenhauskette beitrug.

Hohe Mietzahlungen

Die hohen Mieten waren auch zu berappen, als Middelhoff 2004 die Karstadt-Mutter Arcandor übernahm. Er habe ja nur Verträge erfüllt, rechtfertigt sich Middelhoff daher. Insolvenzverwalter Görg jedoch meint, Middelhoff wäre im Sinne des Unternehmens verpflichtet gewesen, die Verantwortlichen wegen der hohen Mieten in Regress nehmen müssen.

Dies habe er nicht getan, weil er eben selbst von dem Deal profitieren wollte. Denn Middelhoff hatten zuvor - wie andere finanzkräftige Deutsche - auch in den Sal. Oppenheim/Karstadt-Fonds investiert und Gewinne gemacht.

Arcandor hatte auch eine Manager-Versicherung abgeschlossen, was Middelhoff ruhiger schlafen lassen könnte. Allerdings: Diese Versicherung muss nicht einspringen, wenn einem Manager nachgewiesen wird, dass er grob fahrlässig oder vorsätzlich falsch gehandelt hat. Sollte Insolvenzverwalter Görg Recht bekommen, müsste Middelhoff also den Schaden mit seinem Privatvermögen begleichen. Der übrigens spricht von "Rufmord" und hat seinerseits Klage gegen Görg eingebracht.

Teure Reisen, teurer Wein

Görg erhebt noch eine weitere Schadenersatzklage in Höhe von 25 Millionen Euro. Er sagt, der Vorstand habe "nach Gutsherrenart" in die Firmenkasse gegriffen und sich teure Reisen im Privatjet, hohe Boni und Wein gegönnt. So habe Middelhoff in einem Jahr 800.000 Euro "verflogen".

Und noch eine Klage aus dem Arcandor-Dunstkreis steht an. Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz, die durch die Arcandor-Pleite fast ihr ganzes Vermögen verloren hat, bereitet eine Schadenersatzklage gegen ihren Ex-Vermögensberater Josef Esch vor. Der schlägt harsch zurück: "Wir haben es hier nicht mit einem armen Mütterchen zu tun, das bei einem Haustürgeschäft über den Tisch gezogen wurde." (Birgit Baumann aus Berlin, DER STANDARD, Printausgabe, 13.4.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Thomas Middelhoff

Share if you care.