Der junge Künstler als leidender Mensch

10. April 2011, 17:21
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Der französische Pianist David Fray mit seinem Solorecital im Wiener Konzerthaus

Wien - Da kommt er, eilt zum Klavier, linkisch fast, wie widerstrebend, hübsch wie die Hölle. Er setzt sich auf einen Stuhl, spielt in tiefer Position und gekrümmter Haltung, oft leise mitsingend, -summend, -knurrend (trés Glenn Gould das alles, von smarter Verschrobenheit). Der erste Mozart (Sonate D-Dur KV 311) gerät beliebig, oft unpräzise, nichtssagend in Artikulation und Gestaltung der Themen. Eine Enttäuschung.

Bemerkenswert hier wie später: Auch das sonnigste Motiv hervorzubringen schmerzt Fray mimisch maximal. Die Verletzung als das Sandkorn, aus dem der Mensch die Perlen seiner Kunst entstehen lässt: Diesem verblichen geglaubten Klischeebild des messianisch leidenden Künstlers wird durch David Fray frische Farbe verliehen.

Doch schon bei Beethovens Pastorale-Sonate hat zumindest das Leid des Publikums ein Ende, wird das Spiel des 29-Jährigen genauer, vergrößert sich die emotionale Spannweite seiner Interpretation - wie etwa im C-Teil des Rondos, der sich von impressionistischen Spinnwebereien zu kraftvoll-dunklen Drohgebärden steigert. Die brachialsten Eruptionen kommen Fray zu den Satzenden aus; die C-Dur-Trümmer zum Abschluss des Kopfsatzes der Waldstein-Sonate etwa klotzt, kotzt der fragile Franzose, der beim gleichen Lehrer wie Helène Grimaud studierte, mit Verve und begrüßenswertem Mut zur Hässlichkeit hin.

Kann man es diskutabel finden, dass Fray das pochende erste Thema des Satzes durch Pedalverwendung ins Flächige verwischt und solcherart entdramatisiert? Schon. Doch wie zuvor bei der variabel und stimmungsstark präsentierten c-Moll-Fantasie Mozarts gelingt dem "Echo"-Preisträger, der weite Teile des romantischen Repertoires meidet, hier in Summe eine klangschöne, durchdachte, heftig durchlebte Interpretation des Werks. Nach drei Zugaben die unerwartetste Gabe des Künstlers: ein Lächeln. (Stefan Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 11. April 2011)

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