Eine göttliche Tragödie

8. April 2011, 18:00
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Eine knapp drei Millionen Euro teure Maya-Statue sorgt für einen Disput zwischen Frankreich und Mexiko, in dem es nicht nur um "Echtheit" geht

Lange, nach unten gebogene Hauer und eine rüsselförmige Nase, sind zwei Markenzeichen des von den Maya verehrten Regengottes Chac. Ein Jahrtausend geriet er in Vergessenheit, um nun als Stuckstatue für Gewitterstimmung zwischen französischen und mexikanischen Experten zu sorgen. Am 21. März ersteigerte ein europä-ischer Telefonbieter diese "Maya-Gottheit, sitzend" bei Drouot-Richelieu (Paris) für 2,91 Millionen Euro. Die 156 cm große Plastik, laut Katalog zeitlich 550 bis 900 n. Chr. eingeordnet, war seit 1986 Teil der Sammlung Henri Law, Pseudonym eines Schweizer Industriellen.

In Fachkreisen galt Chac bisher als unumstrittenes Original. Doch Wissenschafter von Mexikos Institut für Geschichte und Anthropologie (INAH) wollen allein anhand der Bilder des Auktionskataloges Gegenteiliges eruiert haben, darüber hinaus zweifelt man an der Authentizität weiterer 67 der insgesamt 203 im Katalog abgebildeten Objekte. Die Chac-Figur sei jedenfalls eine Fälschung, ein "freier, mittelamerikanischer Stilmix jüngeren Datums", dazu seien Größe, Axt, Schild, Torso und Schuhwerk atypisch. Der rechte Arm sei auffällig schlecht gearbeitet und die Oberfläche wohl absichtlich zerkratzt worden.

In einer ersten Reaktion hielt das Auktionshaus diesen Argumenten sowohl bisherige Ausstellungsgeschichte als auch die Publikationen in der Fachliteratur entgegen. Für Alejandro Bautista, Vizedirektor der Archäologie-Abteilung des INAH, ist das noch lange kein Beleg für die Authentizität, wie er solche Bewertungskriterien generell kritisiert.

Kampf um Echtheit oder Erbe?

An der Mehrheit der versteigerten Objekte habe man ohnedies keine Zweifel, und diese werden jetzt auch eingeklagt. Als Basis dient Mexiko dazu die Unesco-Charte von 1970, die unzulässige Einfuhr, Ausfuhr und Übereignung von Kulturgut regelt.

Bereits 2008 waren nach einer Anzeige der mexikanischen Regierung bei einer Drouot-Auktion Lose beschlagnahmt worden. Eineinhalb Jahre später wurden sie dem Auktionshaus retourniert, der Nachweis, dass es sich um geraubtes Kulturgut handelt, konnte nicht erbracht wird.

Aus der Sicht der Auktionsbranche ist die Sache klar: "Mexiko will den Markt für prekolumbianische Kunst in Europa zerstören", erklärt Jacques Blazy. Der Organisator der Versteigerung der Law-Sammlung orte in dieser Sache vielmehr einen politischen Hintergrund. Weder Drouot noch der Käufer hegen Zweifel an der Echtheit des Objekts, erklärt Blazy und bestätigt dennoch aktuell beauftragte wissenschaftliche Untersuchungen. Nachträglich werden nun die Farbpigmente, deren mineralische Komponenten sowie der Stuck und die Beschaffenheit der Oberfläche genauestens geprüft. Erste Ergebnisse erwarte man in drei Wochen.

Für Fachleute wie Eduardo Matos Moctezuma, einem der renommiertesten Archäologen Mexikos und Ehrenmitglied des Deutschen Archäologischen Institutes, ist die Situation längst klar: Die Fälschung sei auf den ersten Blick erkennbar. Nachsatz: "Der beklagenswerte Mensch, der sie kaufte. Das ist Betrug."

Heikel, attestiert auch Erwin Melchardt, Stammeskunst-Experte im Dorotheum. Von Präkolumbianischem lässt er prinzipiell die Finger. Manches, wie die Patina und der Farbabrieb - beides auch künstlich manipulierbar - könnten für die Echtheit sprechen, dagegen wiederum die Unbeholfenheit der plastischen Darstellung selbst. Und, der Markt in Süd- und Mittelamerika sei von Fälschungen bevölkert, und deren Produzenten würden immer besser. ( Jan Marot, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 9./10. April 2011)

  • Diplomatische Verstimmungen dank dieser 156 cm hohen Maya-Gottheit. Sie 
sei falsch, argumentieren mexikanische Experten, sie sei echt, behaupten
 französische Kollegen.
    foto: drouot

    Diplomatische Verstimmungen dank dieser 156 cm hohen Maya-Gottheit. Sie sei falsch, argumentieren mexikanische Experten, sie sei echt, behaupten französische Kollegen.

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