Auf Abruf existieren

8. April 2011, 09:35
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Ludwig Lahers aktueller Roman "Verfahren“ setzt sich mit dem österreichischen Asyl- und Fremdengesetz auseinander und hebt die Beschäftigung mit der Thematik auf eine literarische Ebene

Die junge im Nordkosovo lebende Serbin Jelena Savicevic ist mehrfach traumatisiert: Das Haus ihrer Familie, der einzigen serbischen im gesamten Dorf, wurde von Brandstiftern angezündet und ist verkohlt - mit ihm auch ihre Geschwister. Der gewalttätige Alkoholikervater ist schon lange spurlos verschwunden, die Mutter stirbt einen qualvollen Tod und Jelena selbst wird von jungen albanischen Männern verschleppt und tagelang vergewaltigt. Nach einem Suizidversuch und einer mehrmonatigen Psychotherapie plant sie, von ihrer Ärztin ermutigt, ihre "Ausreise nach Österreich". Dort angekommen erwartet sie statt des erhofften Neuanfangs jedoch ein langer und von widersprüchlichen Informationen gekennzeichneter Weg durch das österreichische Asyl- und Fremdengesetz und die mehrfache Ablehnung ihres Asylantrages. Sie existiert "auf Abruf" und lebt mit der Angst, das Land jeden Tag verlassen zu müssen.

Das Jüngste Gericht

Dr. Zellweger ist ein am Asylgerichtshof tätiger Richter und Teil jener Maschinerie, die über eingebrachte Asylanträge entscheidet. In seinen Gesprächen mit einem Journalisten und Sachbuchautor kommen sowohl die Allmachtsfantasien der RichterInnen als auch die der Justiz oftmals unterstellte Willkür zum Ausdruck. Etwa wenn Zellweger von seiner täglichen Arbeit beim "Jüngsten Gericht", wie der Asylgerichtshof im Roman mehrfach genannt wird, erzählt. Hier würden die RichterInnen darüber entscheiden, wer "in den Himmel, sprich: in unser paradiesisches gelobtes Land" darf, wer "in die Verdammnis", also zurück, muss und wer, wie Jelena Savicevic, "ein paar Ehrenrunden im Fegefeuer" absolvieren, also auf den Ausgang des Verfahrens warten, muss. Dabei liege es natürlich "im eigenen Ermessen" des Richters, über den Wahrheitsgehalt der verhandelten Asylgesuche zu befinden.

Bezüge zur Vergangenheit

Über die im Roman ebenfalls knapp erzählte Geschichte des Juden Kurt, der als Jugendlicher 1938 vor den Nazis aus Österreich fliehen musste, stellt Laher Bezüge zur Nazizeit her. Mit Jelena verbindet Kurt jedoch nicht nur die Fluchterfahrung und die Zugehörigkeit zu einer verfolgten Minderheit. Kurt engagiert sich in unterschiedlichen zivilgesellschaftlich wichtigen Belangen und setzt seinen Namen etwa "elektronisch unter eine weltweite Kampagne, die zum Beispiel eine bereits angesetzte Steinigung im Iran" verhindern will. Auch spendet er Geld an NGOs und auch direkt an zwei "relativ junge Flüchtlinge" in Österreich - eine davon ist Jelena.

Bezüge zur Realität

Teile der Handlung seien frei erfunden, sein Roman erhalte allerdings "zahlreiche Bezüge zur Realität", merkt Ludwig Laher im Anhang des Romans an. Diese Bezüge entstehen durch in den Text montierte Gerichtsakten in teilweise Haare sträubendem Amtsdeutsch, durch verschiedene ärztliche Befunde und Stellungnahmen, die den gesundheitlichen Zustand Jelena Savicevic' belegen sollen. Bei diesen kursiv gedruckten Dokumenten handelt es sich laut Laher "im Prinzip um wörtliche Zitate aus existierenden Dokumenten".

Bezüge zur jüngeren und jüngsten Asyl- und Fremdenpolitik werden aber schon während des Lesens unmittelbar evident: Wer denkt etwa nicht an die Komani-Zwillinge, wenn von einem Zwillingsgeschwisterpaar, das abgeschoben werden soll, die Rede ist? Wer muss nicht an Eberau denken, wenn von der gescheiterten Umsetzung eines Asylzentrums die Rede ist? Und an wen denkt man wohl, wenn von „einem neuen rechten Rattenfänger, dem die Wähler in Scharen zuliefen", die Rede ist?

Wer sich von Ludwig Lahers „Verfahren" schnelles und leichtes Lektürevergnügen für Zwischendurch erhofft, wird enttäuscht werden. Wer aber auf der Suche nach einem komplexen, gut recherchierten und vielschichtigen Roman ist, dem sei Lahers "Verfahren" dringend empfohlen! (Meri Disoski, daStandard.at, 8. April 2011)

Ludwig Laher: Verfahren. Innsbruck: Haymon 2011.

  • Artikelbild
    foto: haymon verlag
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