IAEO: "Zarte Anzeichen der Stabilisierung"

7. April 2011, 18:55
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Temperatur in Reaktoren hoch, jedoch unter Kontrolle - Tepco-Chef hat sich gemeldet

Die Situation ist weiter ernst, aber es gibt auch zarte Anzeichen einer Stabilisierung beim havarierten japanischen Atomkraftwerk Fukushima eins. So lautete zumindest die Einschätzung von Experten der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in der Wiener UNO-City. Einschränkend ist allerdings zu sagen, dass zu diesem Zeitpunkt die Meldung über ein neues Erdbeben in der von den Erdstößen am 11. März schwer getroffenen nordostjapanischen Provinz Miyagi noch nicht bekannt war.

IAEA-Experte Denis Flory sprach noch immer sehr hohen Temperaturen in den Reaktoren, die aber unter Kontrolle seien. Die Einleitung von Stickstoff in den Reaktor 1 zur Verhinderung einer weiteren Wasserstoffexplosion dürfte funktionieren, weil der Druck im entsprechenden Bereich des Blocks steige. Die Gamma-Strahlung sei weiter im Rückgang begriffen.

Tepco-Chef hat sich gemeldet

Indes hat sich der seit Wochen aus der Öffentlichkeit verschwundene Chef des japanischen Atomkraftwerksbetreibers Tepco am Donnerstag zurückgemeldet. Wie der Energiekonzern mitteilte, kehrte Masataka Shimizu zur Arbeit zurück, nachdem er am 29. März mit Schwindelgefühlen und Bluthochdruck ins Krankenhaus gekommen war.

Bei einer Pressekonferenz war der Tepco-Präsident am 13. März zum letzten Mal öffentlich aufgetreten - zwei Tage nach Erdbeben und Tsunami. Die Katastrophe hatte auch das von Tepco betriebene Atomkraftwerk Fukushima schwer getroffen. Seither arbeitet das Energie-Unternehmen verzweifelt daran, die Anlage in den Griff zu bekommen. Tepco prüft nun, ob Shimizu künftig wieder an Pressekonferenzen teilnimmt.

Opfer kurzfristig zurück in die Sperrzone

Rund einen Monat nach Ausbruch der Atomkatastrophe in Japan überlegt die Regierung, den geflohenen Menschen eine kurze Rückkehr in die Sperrzone zu erlauben. "Ja, es ist wahr, dass wir das erwägen", sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Donnerstag auf entsprechende Fragen von Journalisten. Die Regierung und Atomexperten prüften derzeit, wie die Sicherheit zu gewährleisten sei, damit die Menschen an ihren früheren Wohnorten schnell noch Wertgegenstände und andere Dinge herausholen können. Die Regierung hat im Umkreis von 20 Kilometern um das havarierte Kernkraftwerk eine Evakuierungszone eingerichtet. Bewohner die zwischen 20 und 30 Kilometern von der Atomruine entfernt leben, wurden aufgefordert, in ihren Häusern zu bleiben.

Unbemanntes Flugzeug zur Strahlenmessung

Japan erwägt am zerstörten Atomkraftwerk Fukushima Eins den Einsatz eines unbemannten Flugzeugs zur Messung der radioaktiven Strahlung. Wie die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf Regierungskreise berichtete, soll die kleine ferngesteuerte US-Maschine vom Typ T-Hawk die Strahlenkonzentration an Abklingbecken für gebrauchte Brennstäbe messen. Die Becken liegen offen. Um die Brennstäbe zu kühlen, werden die Becken mit Wassermassen geflutet.

Da dieses hochgradig kontaminierte Wasser überlaufen kann, muss das automatische Kühlsystem wieder in Gang gebracht werden. Die Arbeiter können diese Geräte jedoch wegen der extremen Verstrahlung nicht erreichen. Sollten die Brennstäbe frei liegen, könnten radioaktive Partikel umherfliegen. Daher soll das US-Flugzeug die Strahlen in diesem Bereich überprüfen. Wie Kyodo weiter meldete, will US-Außenministerin Hillary Clinton nächste Woche Japan besuchen.

Königspaar will in Katastrophenregion reisen

Das japanische Kaiserpaar will die Katastrophenregion im Nordosten des Landes besuchen. Das gab das Haushofamt am Donnerstag bekannt. Staatsoberhaupt Akihito und seine Frau Michiko wollten den Menschen persönlich Mut machen. Den beiden sei es dabei wichtig, dass sie mit ihrem Besuch niemandem zur Last fallen.

Zunächst soll das Kaiserpaar am Freitag ein Auffanglager in der Tokioter Nachbarprovinz Saitama besuchen. Dort sind rund 1.200 Flüchtlinge aus Futaba in der Provinz Fukushima in einer früheren Schule untergekommen. In Futaba steht das zerstörte Kernkraftwerk Fukushima Eins.

Es ist das zweite Mal, dass das Monarchenpaar in einem Lager Opfern der Katastrophe in Zwiegesprächen Trost spendet. Nicht mit großen Worten, sondern mit kleinen Gesten zeigt sich die Kaiserfamilie derzeit mit ihrem gebeutelten Volk solidarisch. Am Mittwoch hatten der älteste Sohn des Kaisers, Kronprinz Naruhito, und dessen Gemahlin Masako bei einem Besuch in einer Notunterkunft in Tokio den Opfern ihre Solidarität bekundet.

Stickstoff in Reaktorgehäuse

Die Arbeiter im zerstörten Atomkraftwerk Fukushima Eins haben unterdessen am Donnerstag weiter Stickstoff in das Reaktorgehäuse von Kraftwerksblock 1 gefüllt. Damit wollen sie verhindern, dass es in den zerstörten Reaktorgebäuden erneut zu Wasserstoff-Explosionen wie kurz nach der Havarie kommt. Die Arbeiten waren in der Nacht gestartet worden und sollen auch in die kommenden Tagen fortgesetzt werden, wie der Energiekonzern Tepco mitteilte.

Auch in den Reaktorblöcken 2 und 3 werde Stickstoff eingefüllt, hieß es. Die Verantwortlichen in Fukushima schätzen die Gefahr einer neuen Wasserstoff-Explosion als niedrig ein. Die Einleitung von Stickstoff begann nach Medienangaben ohne Zwischenfälle. Der Druck in dem Reaktorgehäuse sei wie erwartet leicht gestiegen. Später könnten die Reaktorblöcke 2 und 3 folgen.

Wasserstoff-Explosionen

In den Tagen nach dem Tsunami vom 11. März war es in den Blöcken 1, 3 und 4 zu Wasserstoff-Explosionen gekommen. Sie hatten starke Zerstörungen angerichtet.

Wie der Fernsehsender NHK berichtete, ist der Kühlwasserstand im Reaktorblock 1 nach wie vor niedrig, so dass sich die Brennstäbe gefährlich erhitzen. Dadurch könnte sich das Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff getrennt haben. In diesem Fall steige das Risiko einer Knallgasexplosion. Mit Stickstoff lässt sich das gefährliche Gemisch verdünnen. Ebenso wie Tepco geht auch die japanische Atomsicherheitsbehörde NISA nicht davon aus, dass durch die Stickstoff-Zuführung große Mengen an radioaktivem Dampf aus dem Reaktorgehäuse strömen können. 

Strahlenbelastung im Meer hoch

Auch nach Abdichten eines Lecks ist die Strahlenbelastung im Meer vor dem Atomkraftwerk Fukushima weiter hoch. Wie der staatliche Nachrichtensender NHK am Donnerstag meldete, ergaben Messwerte vom Mittwoch eine um das 140.000-fach erhöhte Belastung mit dem radioaktiven Jod-131. Mit 5.600 Becquerel pro Kubikzentimeter sei die Strahlung aber nur noch halb so hoch wie am Dienstag, hieß es unter Berufung auf Daten des Betreibers Tepco. Ein vorläufiger Höchstwert war am 2. April mit dem 7,5-Millionen-Fachen der zulässigen Strahlenbelastung gemessen worden.

Schulen in Südkorea geschlossen

Aus Angst vor radioaktivem Regen hat Südkorea am Donnerstag einige Schulen geschlossen. Außerdem empfahlen die Behörden als Vorsichtsmaßnahme nach der Atomkatastrophe in Japan, Aktivitäten im Freien zu vermeiden. Viele Eltern brachten daher ihre Kinder mit dem Auto in die Schule. Einige Koreaner setzten Gesichtsmasken als Schutz vor Strahlung auf.

Eine unmittelbare Gefahr besteht nach Angaben der Atomsicherheitsbehörde jedoch nicht. Die im Regen gemessenen Mengen radioaktiven Jods und Cäsiums seien zu gering, um ein Gesundheitsrisiko darzustellen. Der Wetterdienst teilte mit, die Windrichtung sorge dafür, dass radioaktiv belastete Luftmassen über dem etwa tausend Kilometer entfernt liegenden AKW Fukushima sehr wahrscheinlich nicht die koreanische Halbinsel erreichten. (APA, red)

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    Der Tepco-Chef war im Krankenhaus - jetzt ist er zurück.

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