Linksdrall, Puck und Nudelpolitik

6. April 2011, 13:37
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Die Slowaken wollen Weltmeister werden - nicht nur mit dem Puck. Bürger statt Investoren stehen auf der Agenda des neuen Stadtchefs

In Bratislava schwankt man zwischen Entrüstung und Belustigung. Anlass ist die von der slowakischen Ministerpräsidentin Iveta Radičová angeregte Aktion, an die arme Bevölkerung Nahrungsmittel auszugeben. Wie soll das in der Praxis gehen, fragt sich eine slowakische Tageszeitung. "Wer ist schon arm?", will der Taxler wissen, der die österreichischen Journalisten ins Bratislavaer Rathaus bringen soll. "Iveta macht Nudelpolitik", unkt ein anderer. Mit je einem Packerl Nudeln und Mehl lassen sich auch Sozialhilfeempfänger mit einer monatlichen Unterstützung von 180 Euro nicht gerne abspeisen, ist man bei den Nachbarn überzeugt. Auch wenn man unter den drastisch gestiegenen Lebensmittelpreisen ächzt: Diese Art von Ausspeisung empfindet man eher als Beleidigung.

Eishockey-Weltmeisterschaft

Das Hauptthema ist in der slowakischen Hauptstadt aber ohnedies ein bevorstehendes Großereignis. Die Eishockey-Weltmeisterschaft wird hier in den nächsten Wochen ausgetragen, 150.000 Gäste werden erwartet, und die Slowaken rechnen sich einige Chancen auf den Titel aus. Nicht nur, weil man mit 85 Millionen Euro eine Menge Geld investiert hat, wie Bürgermeister Milan Ftáčnik betont. Der parteilose, von der sozialdemokratischen Smer-SD von Ex-Premier Robert Fico unterstützte Politiker hat seit Dezember das Sagen. Und er will einiges anders machen in der lange von den Konservativen regierten Hauptstadt, wie er zu Protokoll gibt.

Lehrer mit Leib und Seele

Mit Bratislava ist der studierte Kybernetiker schon sein ganzes Leben lang verbunden: Hier wurde der überzeugte Linkspolitiker 1965 geboren, hat Gymnasium und die Mathematisch-Physikalische Fakultät der Comenius-Universität absolviert. Bis heute sieht sich der Hochschulpädagoge und Mitautor eines Lehrbuches über künstliche Intelligenz als Lehrer mit Leib und Seele. Etwas von diesem pädagogischen Know-how wird er wohl auch in seine "Regentschaft" einfließen lassen. Ob er das Steuer in eine andere Richtung als sein Vorgänger Andrej Ďurkovský lenken wird, hängt nicht zuletzt von der zukünftigen Entwicklung des Stadtbudgets ab.

Linkswende

Politisch bedeutet die Wahl des für Transparenz schwärmenden, sportbegeisterten Stadtchefs in der traditionellen Hochburg der bürgerlichen Parteien zum ersten Mal seit der Wende vor 21 Jahren eine Regentschaft der Linken. Aus seiner kommunistischen Vergangenheit, die ihm Kritiker vorwarfen, machte Ftáčnik jedenfalls kein Geheimnis. Die beiden christdemokratischen Parteien KDH von Ex-EU-Kommissar Jan Figel und SDKU von Premierministerin Iveta Radičová hatten sich in den mehr als zwanzig Jahren ihrer Herrschaft über die Stadt durch Skandale und Misswirtschaft diskreditiert. Ftáčnik, der bis zu seiner Wahl den Stadtteil Petržalka regierte, hat es derzeit aber nicht ganz leicht, seine Wahlversprechen zu erfüllen.

Das Schwimmbad kommt später, aus dem Neubau eines Eishockeystadions für die Weltmeisterschaft wurde doch nur eine Renovierung der alten Spielstätte. Dass es in einer Hauptstadt nicht nur Luxus-, sondern auch leistbare Sozialwohnungen braucht, davon muss er erst seine Stadtteil-Häuptlinge überzeugen. Die Stadtverwaltung muss mit weniger Mitarbeitern auskommen, und auf die Bürger kommen Tariferhöhungen zu. "Das ist nicht leicht für einen sozialdemokratisch Denkenden", gibt Ftáčnik zu. Die Finanzkrise hat Löcher im Stadtbudget hinterlassen, das ohnehin nur ein Dreißigstel des Wiener Budgets ausmache. Nach Wien schaut Ftáčnik überhaupt sehr gerne, wenn er seine Zukunftspläne erläutern will. Würde er den Nachbarn eine Wunschliste überreichen können, so müsste er sie leer abgeben, streut er den Nachbarn Blumen.

Brücken bauen

Milde gestimmt gegenüber den Österreichern ist man auch im Büro von Pavel Freso, dem Präsidenten (Anm. entspricht dem Amt eines österreichischen Landeshauptmannes) der Region Bratislava. Dass die Österreicher über zwanzig Jahre nach der Wende immer noch keine einzige zusätzliche Brücke über die niederösterreichische March gebaut haben - in Planung sind einige Fahrradbrücken -, will er niemandem ankreiden. 24 an der Zahl gab es dereinst, jetzt erlaubt eine die grenzüberschreitende Querung. Auch über das kurz vor der vollständigen Arbeitsmarktöffnung im Mai schnell noch von den Nachbarn verabschiedete Anti-Lohn-Dumping-Gesetz will er nicht klagen. Die Tatsache, dass sich die Österreicher unmittelbar nach der Wende die für Unternehmen günstigen Bedingungen in vollem Umfang zunutze machten, slowakische Unternehmen aber jetzt umgekehrt mit erschwerten Bedingungen konfrontiert sind, wenn sie über der Grenze Arbeit anbieten wollen, sieht er pragmatisch: "Jeder bemüht sich, im Geschäftsleben die besten Bedingungen für sich herauszuschlagen." Die Sorgen der Österreicher verstehe er, sagt Fresno. Der 45-Jährige will aber lieber den großen Bogen der gemeinsamen Tradition weiter spannen, als sich an kurzfristigen Ängsten hochschaukeln: "Wir haben eine große gemeinsame Geschichte, daran kann man anknüpfen", ist Fresno überzeugt und skizziert seine Ideen für die Region: Mehr Forschung und Entwicklung, mehr Tourismus, daran werde man in Zukunft arbeiten, sagt er und denkt dabei auch an Zusammenarbeit mit den Nachbarn, fehlende Brücken hin oder her.

Lernen von den Nachbarn

Der neue Oberbürgermeister Bratislavas will speziell "von Wien lernen: Wie man es geschafft hat, diese hohe Lebensqualität zu erreichen. Und in sozialen Belangen." Zunächst aber muss Milan Ftáčnik wohl kleine Brötchen backen, sich einmal auf Dinge stürzen, die kein Geld kosten. Zum Beispiel "Bürgermeister für alle Bewohner" zu sein, sie einzuladen, ihn am monatlichen Tag der offenen Bürgermeistertür zu besuchen und sich einzubringen in Fragen, die von öffentlichem Interesse sind.

Aufschieben muss er ein neues Verkehrskonzept, das dringend nötig ist, um die Verkehrslawinen zu bändigen. Täglich rollen immerhin rund 150.000 Autos aus dem Umland an. Was den Bürgermeister zurück zur Eishockeyweltmeisterschaft führt. Mit dem Auto anzureisen, empfiehlt er gerade den österreichischen Sportfreunden eher nicht. "Das Bahnticket gilt auch gleichzeitig für Straßenbahnen und Busse. Das ist sicher die komfortablere Variante." Wobei, auch die Öffis harren des Ausbaus, der wie gesagt noch ein bisschen aufgeschoben wird. Auch das Donauufer gegenüber der von internationalen Investoren bespielten Esplanade wird noch ein wenig in seinem etwas verwahrlosten Zustand bleiben. Um internationale Investoren will Ftáčnik sich derzeit eher nicht bemühen: "Es heißt ohnedies, dass sie hier mehr zu sagen haben als die öffentliche Hand." (Regina Bruckner, derStandard.at, 6.4.2011)

  • Die Eishockey-WM beginnt am 29.4. In diesem Lokal rührt man schon einmal
 die Werbetrommel.
    foto: bruckner

    Die Eishockey-WM beginnt am 29.4. In diesem Lokal rührt man schon einmal die Werbetrommel.

  • Der neue Oberbürgermeister Milan Ftáčnik hatte den größten Stadtteil Bratislava-Petržalka in den vergangenen Jahren skandalfrei regiert und gilt über Parteigrenzen hinweg als beliebt. Von einer Lebensmittelverteilung an die Armen hält er - wie viele seiner Landsleute - eher nichts.
    foto: bruckner

    Der neue Oberbürgermeister Milan Ftáčnik hatte den größten Stadtteil Bratislava-Petržalka in den vergangenen Jahren skandalfrei regiert und gilt über Parteigrenzen hinweg als beliebt. Von einer Lebensmittelverteilung an die Armen hält er - wie viele seiner Landsleute - eher nichts.

  • Pavel Freso, Präsident der Region Bratislava, will einen großen Bogen 
spannen und an alte Traditionen anknüpfen.
    foto: bruckner

    Pavel Freso, Präsident der Region Bratislava, will einen großen Bogen spannen und an alte Traditionen anknüpfen.

  • Am Hauptbahnhof Bratislava ist man gerüstet für den Ansturm von Fußballfans.
    foto: bruckner

    Am Hauptbahnhof Bratislava ist man gerüstet für den Ansturm von Fußballfans.

  • Laut Eurostat ist die Bratislavaer Region mittlerweile die neuntreichste der Europäischen Union. Allerdings: Bei weitem nicht alle profitieren davon.
    foto: bruckner

    Laut Eurostat ist die Bratislavaer Region mittlerweile die neuntreichste der Europäischen Union. Allerdings: Bei weitem nicht alle profitieren davon.

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