Düsteres Szenario für das angepasste Volk

6. April 2011, 10:06
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30 Jugendliche inszenieren "Rodelinda" am Theater an der Wien

Wien - Der Saal ist dunkel, die Bühne kaum zu sehen. Das Publikum wartet auf den Beginn der "Jugend an der Wien"-Inszenierung von Rodelinda im Theater an der Wien. Die Musik untermalt die Stimmung, der Vorhang hebt sich, und die jungen, in Schwarz gekleideten Schauspieler - die das Stück inszeniert haben - treten auf.

Dann wechselt die Musik: Es wird stürmisch, und die düsteren Gehilfen von Grimoaldo dringen zwischen das Volk. Eine Erzählerin erklärt, dass Grimoaldo (verkörpert von Benjamin Kubaczek, 18) seinem Freund Gundeberto helfen wollte, die Macht an sich zu reißen. Gundeberto wollte das Land, welches zwischen ihm und seinem Bruder Bertarido aufgeteilt wurde, wiedervereinen, indem er diesen vom Thron stürzen wollte. Doch er selbst fällt in diesem Krieg, weshalb Grimoaldo sein Glück versucht. Bertarido flieht und lässt seine Frau Rodelinda, seine Tochter Flavia und sein Volk zurück.

Das Volk steht mit dem Rücken zum Publikum. Mit dem Wort "tot" dreht es sich um, das Orchester setzt ein, und Rodelinda, gespielt von Milena Wendt (17), stimmt den Trauergesang "Ho perduto il caro sposo" an.

"Du hast die Macht"

Plötzlich wird fröhliche Musik gespielt, die Bühne dreht sich, und der Tratschchor treibt die Handlung voran. Das Volk drängt Rodelinda, Grimoaldo zu heiraten. Auch Grimoaldos Gehilfen tauchen auf. "Mach es, mach es, dann hast du die Macht", singen die Bösewichte. Schon kommt der nächste abrupte Szenenwechsel, und die Tratschweiber erzählen, dass Rodelinda nun doch den Tyrann heiraten will, jedoch nur unter der Bedingung, dass Grimaldo vor den Augen des Volkes ihre Tochter umbringt und sich dadurch als Unmensch zeigt.

Nun liegt das Hauptaugenmerk auf der traurigen und von ihrer Mutter enttäuschten Flavia, gespielt von Milena Pumberger (15). Das Volk spekuliert, dass Bertarido, dargestellt von Christoph Anzböck (18), aus dem Exil zurückgekehrt sei. Und tatsächlich: Bertarido taucht auf, und das Volk stimmt eine Wiedersehensarie ein. Diese fröhliche Zusammenkunft sollte nur von kurzer Dauer sein. Grimoaldo und sein Gefolge zerren die Königsfamilie gewaltsam auseinander, Bertarido wird ins Gefängnis gebracht, und die Stimmung verwandelt sich zu einer düsteren Szenerie.

"Angefangen hat alles mit Improvisation. Die Jugendlichen mussten Gefühle interpretieren und analysieren. Diese Ergebnisse wurden dann in das Stück mit einbezogen", erklärt Catherine Leiter, Organisatorin des "Jugend an der Wien"-Projekts. Der Rahmen war vorgegeben, jedoch durften die 30 Jugendlichen das Stück selbst interpretieren, und die Texte dazu verfassen. Für die jungen Schauspieler war das Schicksal von Flavia sehr wichtig, da das Kind sozusagen als Spielball der Macht verwendet wird.

Eine Idee, die sich aus den Improvisationen entwickelt hat, ist jene des Tratschchors, der die Rolle des Erzählers übernimmt. "Bei den Improvisationen hat jeder instinktiv mehr oder weniger eine Rolle, die zu ihm passt, angenommen und die dann bis zum Schluss behalten", erklärt Kubaczek. Wendt, die die Hauptrolle spielt, meint lachend, dass sie die Rolle wohl nur bekommen habe, weil sie gut singen könne.

"Anfangs musste man sich erst mal trauen, aus sich herauszugehen und zu improvisieren, doch diese Herausforderung war nach einiger Zeit leicht zu überwältigen", was das Publikum mit tosendem Applaus würdigte. (Selina Thaler, DER STANDARD, Printausgabe, 6.4.2011)

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