"Jede große Reise beginnt als Abenteuer im Kopf"

6. April 2011, 10:03
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Vor zwei Jahren flüchtete Boubacar Diallo (18) aus Guinea, heute lebt er in Wien - Beim Redewettbewerb "Sag's multi" sprach er über Krieg, Diktatur und das Streben nach Gerechtigkeit

Wien - Ich möchte Ihnen von einem Jungen erzählen, der sich sein Leben vorgestellt hat als eine große Reise. Der sich Gedanken gemacht hat über die Stationen auf dieser Reise und der sich vorgenommen hat: "Ich gehe meinen Weg, und ich gehe auch über meine Grenzen, damit ich meine Ziele erreiche." Er war hineingeboren in eine Welt von Armut und Not, von Unfreiheit und Ungerechtigkeit. Auf dieser ersten Station seiner Reise erkannte er sehr bald: Diese Welt muss verbessert werden. Und wenn andere es nicht tun, dann werde ich es tun.

Die Freiheit im Keim erstickt

Ich spreche hier nicht von banaler Armut, die unangenehm ist, aber dem Menschen noch ein Leben in Würde ermöglicht, und nicht von Unfreiheit und Ungerechtigkeit, wie sie jeder manchmal erdulden muss. Nein. Ich spreche von der Unfreiheit, die selbst jeden Versuch, ihr zu entfliehen, im Keim erstickt, von der Ungerechtigkeit, die jede Chance auf Selbstbestimmung ausschließt, und ich spreche von der bitteren Armut, die den Zugang zu den wichtigsten Dingen des Lebens versperrt: zu Gesundheit, einer fairen Lebenserwartung und vor allem zu Bildung und damit zum Wissen und Verstehen.

Der Junge dachte, vielleicht sind die Dinge unveränderlich, vielleicht ist es überheblich, sie verändern zu wollen. Aber er erinnerte sich an die Worte, die seine Mutter öfters zu ihm gesagt hatte: "Eine Idee ist leicht wie ein Hähnchen, jeder kann sie haben, jeder kann sie heben, ob jung oder alt. Also hab eine Idee, hab ein Ziel und geh deinen Weg."

Der Junge dachte sich also: Ich mache mich auf die Reise meines Lebens, und wenn ich - eines Tages - die letzte Station erreicht habe, dann soll die Welt ein wenig besser sein. Sie werden ihm seine Gutgläubigkeit verzeihen, denn der Junge, von dem ich erzähle, ist eben noch sehr jung. Die nächste Station des jungen Menschen auf seiner Reise ist unerlässlich, um die weiteren Stationen zu erreichen. Ich nenne sie "Bildungsstation", fast möchte ich sagen: "Bildungsintensivstation". Über dieser Station steht geschrieben: Lernen. Wissen. Verstehen.

Unlängst hörte ich zufällig im Radio den Namen Hilde Zadek. Weil sie zufällig eine Freundin eines Freundes meines Freundes ist, kannte ich ihren Namen und weiß, dass sie eine berühmte Sängerin ist. Ich hörte also genauer hin. Der Interviewer fragte sie, was denn eigentlich der Leitspruch in ihrem Leben gewesen sei, ihr "Lebensleitmotiv" sozusagen. Zadek antwortete: "Ach, wissen Sie", hat sie gesagt, "so ein richtig großes Lebensmotto habe ich gar nicht gehabt, ich habe eigentlich immer nur versucht, ein anständiger Mensch zu werden."

Auch wenn sie immer nur versucht hat, ein anständiger Mensch zu werden, so macht sie doch - ohne jeden Zweifel - mit ihrem Leben die Welt zu einem besseren Ort. Lachen Sie also nicht, wenn jemand - gerade noch 17 Jahre alt - also ziemlich am Beginn seiner Lebensreise, vor Ihnen steht und sagt: Ich habe ein Ziel auf meiner Reise. Ich werde die Welt verbessern. Es muss ja nicht gleich die ganze Welt sein, aber zumindest ein Teil davon.

Jemand hat mir ein Lied vorgespielt, und mein Lieblingssatz darin lautet: "Die wahren Abenteuer sind im Kopf, und sind sie nicht in deinem Kopf, dann sind sie nirgendwo." Jede große Reise beginnt als Abenteuer im Kopf, die "Mühen der Ebene", wie man auf Deutsch sagt, müssen wohl ebenso sein wie die Gefahren der Reise, um das Abenteuer zu verwirklichen und das Ziel zu erreichen.

Was wir zurzeit erleben, ist Geschichte. Und ich hoffe, nicht nur die Geschichte Nordafrikas oder der arabischen Welt, sondern Weltgeschichte. Im Dezember 2010 hat sich in Tunesien ein Mensch selbst verbrannt, aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Damit nahm alles seinen Anfang. Dieser Tod hat einem ganzen Volk Hoffnung gegeben und Mut gemacht, aufzustehen und seinen Stolz zu finden.

Ben Ali, Hosni Mubarak, Muammar al-Gaddafi und wie sie alle heißen, sind Diktatoren. Man empfängt sie in den Regierungspalästen der zivilisierten Welt, mit allen Ehren, und nennt sie "Präsident". Doch "autoritär" oder sogar "repressiv" ist reiner Euphemismus. Warum beschönigen wir die Dinge, warum nennen wir sie nicht beim Namen? "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar" schrieb Ingeborg Bachmann. Ein wunderschöner Satz.

Diktatoren sind nicht "Präsidenten". Sie sind Tyrannen, skrupellose Despoten, oft nichts anderes als Gangster. Sie haben die Macht an sich gerissen und rauben ganzen Völkern die Freiheit, plündern die Reichtümer, stehlen Generationen die Zukunft. Sie alle wissen das genauso gut wie ich.

Ich frage mich zum Beispiel, warum hat sich Europa drei Jahrzehnte lang mit Ben Ali und seiner Bande solidarisiert, und nicht mit dem tunesischen Volk? Warum haben Europa und Amerika sich 30 Jahre lang mit Hosni Mubarak und seinem Clan verbündet, und nicht mit dem ägyptischen Volk? Warum, so frage ich mich, macht sich die zivilisierte Welt zum Komplizen von Diktatoren und rechtlosen Regimen?

Ich verstehe natürlich: sogenannte "Sachzwänge", ökonomische Interessen, politischer Pragmatismus, oder besser: "Opportunismus". Aber glauben Sie mir: Dieser Opportunismus mag vielleicht kurzfristig nützen, langfristig aber schadet er, und zwar beiden Seiten. Wer darüber nachdenkt, wird mir beipflichten.

Wir alle wissen, was eine Diktatur ist und wie sie funktioniert. In diesem Punkt bin ich Ihnen aber eine Nasenlänge voraus, dazu weiß ich noch ein bisschen mehr. Ich habe in einer Diktatur gelebt und bin aus ihr geflohen, und ich habe mein Leben dafür riskiert, weil ich meine Zukunft nicht dort verlieren wollte und noch weniger mein Leben, denn ich habe nur dieses eine, so wie Sie.

Verstehen Sie, weshalb ich hoffe, dass "Tunesien 2010" und "Ägypten 2011" nicht nur Geschichte sein wird, sondern Weltgeschichte? Dass die tunesische Revolution einen Wendepunkt bedeutet, eine historische Zäsur, wie 1789 für Europa und die Welt, wie 1989 für Osteuropa und die Welt? Dass der "Dezember 2010", als ein junger Mensch sich selbst verbrannt hat, aus Hoffnungslosigkeit und Wut, ein historisches Datum werden wird: der Anfang vom Ende der Diktaturen, dass eine nach der anderen fällt, weil die Menschen verstanden haben, dass sie sich nicht von Despoten regieren lassen dürfen.

Sage also niemand, wir könnten die Welt nicht verbessern. Es bräuchte dazu nur etwas mehr Anstand, Mut und Solidarität. Aber wie sagte doch schon Erich Kästner: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." Und zuallererst muss man einmal selbst daran glauben.

Viele Menschen hier in Österreich haben mir Vertrauen geschenkt, mir geholfen und mich unterstützt - dafür möchte ich ihnen danken. Hier fand ich Freiheit, Sicherheit und Zukunftschancen. Ich freue mich schon sehr, die Reise fortzusetzen. (Boubacar Diallo, DER STANDARD, Printausgabe, 6.4.2011)

BOUBACAR DIALLO, wurde am 18. Februar 1993 in Guinea geboren. 2009 kam er als politischer Flüchtling nach Österreich, wo er sich am Lycée Français de Vienne auf die Matura vorbereitet.

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