Siemens in der Atomfalle

5. April 2011, 18:20
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GAU in Japan durchkreuzt Siemens' Nuklearpläne

Wien - Die Reaktorkatastrophe in Fukushima bringt die nuklearen Geschäftspläne von Siemens gehörig durcheinander. Nach zehn Jahren in der zweiten Reihe beim Atomkraftwerksbauer Areva wollte sich der bayerische Elektromulti mit dem russischen Staatskonzern Rosatom aus der französischem Dominanz befreien - und selbst in die erste Liga aufsteigen.

Der nukleare Gau in Japan hat den ehrgeizigen Kurs mit den Russen - Konzernchef Peter Löscher hatte das Potenzial bis 2030 weltweit mit 400 Nuklearanlagen und eine Billion Euro Investitionsvolumen beziffert, bei dem Siemens mitmischen wollte - nun aus der Spur gebracht, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Nun seien wieder alle Optionen offen - auch der Komplettrückzug aus der umfehdeten Nukleartechnologie.

Eine Entscheidung dürfte so rasch nicht fallen. Denn ehe sich die Siemens AG gemeinsam mit Rosatom - einer Staatsholding, in der die Regierung in Moskau Beteiligungen an rund 90 mit Kernkraft-Betrieben bündelte - vor den Erzrivalen General Electric, Toshiba/Westinghouse und Areva an die Atomspitze katapultieren kann, muss sie von Areva loskommen. Das Schiedsgericht soll am 21. April darüber befinden, ob Siemens Areva durch seine russischen Atompläne geschädigt beziehungsweise gegen Wettbewerbsregeln verstoßen hat.

Den Wert ihrer 34 Prozent an Areva, die Siemens 2001 unter Löschers Vorvorgänger Heinrich von Pierer erworben hat, taxierten die Münchener jüngst mit 1,62 Milliarden Euro. Von einer Aufstockung bei Areva oder einem Ausstieg hatte Pierer stets geträumt. Konkrete Pläne für eine Umsetzung gab es aber nicht, schon gar nicht, als unter der rot-grünen Regierung Schröder der Atomausstieg fixiert wurde. Siemens war bei Areva sohin quasi Finanzinvestor. Davor hatte die Kraftwerksunion so gut wie alle deutschen Atommeiler ausgerüstet.

Nuklearforschung sahnte ab

Offen ist auch, wie die Regierung Merkel nach dem japanischen Reaktorunglück verordneten Moratorium verfahren wird. Klar ist nur, dass Deutschland seit der Abschaltung alter Atommeiler Stromimporteur ist. Laut Bundesnetzagentur werden im Saldo pro Tag rund 2500 Megawattstunden Strom eingeführt - primär aus Frankreich, Tschechien, Polen.

Klar ist laut einer DIW-Studie aus dem Jahr 2007, wer die meisten staatlichen Förderungen absahnt: Der Bund gab zwischen 1974 und 2006 für nukleare Energieforschung und -technologie rund 24 Mrd. Euro aus (real, d.h. Angaben in Preisen von 2006), für erneuerbare Energien und rationelle Energieverwendung nur rund sechs Mrd. Euro. Zwischen 1956 und 2006 lag die Bundesförderung der Atomforschung (ohne Bundesländer) bei etwa 40 Mrd. Euro. (ung, Reuters, DER STANDARD, Printausgabe, 6.4.2011)

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