Der Partikelbeschleuniger

5. April 2011, 17:19
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Was blieb vom verdientesten Tausendsassa der Hochkultur übrig? Ein Wiener Symposium widmet sich Christoph Schlingensief

Wien - Der Theaterkünstler Christoph Schlingensief (1960-2010) war vielleicht nicht der einzige legitime, aber gewiss der folgenreichste Erbe Richard Wagners. Sein schier unglaublicher Erfolg entsprang der Durchsetzung eines kühnen Traums: Er stellte die Idee des "Gesamtkunstwerks" vom Kopf auf die Füße.

Mit der Öffnung der Festspielbezirke schlug er jene gläserne Trennwand ein, die den Menschen die Kunst vom Leib hält: In dieser sollten die Konsumenten der Hochkultur sich nicht länger folgenlos bespiegeln können. Schlingensief, der gelernte "Underground"-Filmer aus Oberhausen, annektierte die Kunst, indem er sie als Feld gesellschaftlicher Praxis nutzbar machte.

Ein interdisziplinäres Symposium, veranstaltet vom Elfriede-Jelinek-Forschungszentrum in Wien, sichtet nun während fünf Tagen die Schlingensiefsche Hinterlassenschaft. Geprüft werden in Vorträgen und Roundtable-Gesprächen die Praktiken einer spektakulären Umwälzanlage, die sich mit Wirklichkeitspartikeln und Kunstschnipseln bis zum Zerbersten vollstopfen ließ.

Den Auftakt bildet heute Mittwoch ein Vortrag von Elisabeth Annuß im project space der Wiener Kunsthalle: "Gedenken an einen zukünftig Verstorbenen". Am runden Tisch nehmen anschließend Veronica Kaup-Hasler, Gerald Matt und Markus Müller Platz ("Aktion versus Rekonstruktion").

In den darauffolgenden Tagen werden Schlingensiefs Theatralität, sein Verhältnis zur Avantgarde, die Prozessualität seines Arbeitens sowie Aspekte seiner öffentlichen Leidensgeschichte verhandelt. Unter den Vortragenden finden sich Kapazitäten wie Monika Meister, Carl Hegemann oder Georg Seeßlen. Das Kasino steuert eine Matineé "Elfriede Jelinek und Christoph Schlingensief" bei. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 6. 4. 2011)


>>Kunsthalle Wien, 18.00

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Elfriede Jelinek Forschungszentrum

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    Auswege aus der Sackgasse des institutionalisierten Theaters: Christoph Schlingensief, 2003 in Wien.

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