Schluss mit der Debatte um die "Gesamtschule"!

4. April 2011, 19:20
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Warum es ebenso ermüdend wie müßig ist, endlos über Vorzüge und Nachteile einer Schulform zu diskutieren, wenn gleichzeitig das Kernproblem unangetastet bleibt: die frühe Selektion der Zehnjährigen - Von Heidi Schrodt

Geht es Ihnen auch so? Können auch Sie die immer wiederkehrende Forderung nach der Einführung der Gesamtschule, auch "gemeinsame Schule" genannt, nicht mehr hören? Die Befürworter werden nicht müde, uns zu versichern, welch positive Effekte die Einführung dieser gemeinsamen Schule auf das österreichische Bildungssystem hätte, und die Gegner beteuern sogleich reflex- und gebetsmühlenartig, dass es nicht auf die Struktur, sondern auf den Inhalt ankäme, nicht auf das "Türschild, sondern darauf, was drinnen ist". Ich behaupte: Beide Seiten haben recht und plädiere für ein sofortiges Ende der unsäglichen Debatte.

Das Grundproblem beginnt schon damit, dass es die "Gesamtschule" bzw. die "gemeinsame Schule" gar nicht gibt. In Deutschland und Österreich wird unter "Gesamtschule" meist ein Schultyp verstanden, der neben den existierenden Schulformen Gymnasium, Hauptschule, Realschule (Deutschland) in den 70er-Jahren zusätzlich eingeführt wurde. In Österreich geschah dies an einer Handvoll von Schulstandorten auf Schulversuchsbasis.Es handelt sich dabei also keineswegs um eine "gemeinsame Schule für alle", sondern um einen zusätzlichen Schultyp. International gesehen hingegen ist der Begriff "Gesamtschule" inzwischen nichts anderes als ein Synonym für "Schule" geworden. Die meisten Länder haben im Lauf der letzten Jahrzehnte ihre Schulsysteme dermaßen umgestellt, dass die Schüler/ -innen die meiste Zeit ihrer Schulpflicht gemeinsam verbringen, häufig bis zum Ende der Schulpflicht.

Wie nun allerdings diese gemeinsam organisierten Schulen aussehen, wie sie in pädagogischer Hinsicht zu bewerten sind, steht auf einem anderen Blatt. "Gemeinsame Schule" und "Gesamtschule" sagen ja noch gar nichts über den Inhalt und die Qualität dieser Schulen aus, das sei all denen ins Stammbuch geschrieben, die zu den erwähnten simplifizierenden Diskussionen neigen. Wer behauptet, es gäbe schlechte Gesamtschulsysteme, hat ebenso recht wie jemand, der das Gegenteil ins Treffen führt.

In den Vereinigten Staaten etwa klafft das Niveau zwischen guten und schlechten High Schools weit auseinander, und sowohl die besten als auch die schlechtesten werden jeweils von der gesamten Population der Altersgruppe besucht, unabhängig von Begabung, allerdings abhängig von der sozialen Herkunft. In den USA werden die Schulen nämlich von der Grunderwerbssteuer finanziert, und dementsprechend klaffen die Ausstattungsstandards auseinander. Von den zahlreichen Privatschulen ganz zu schweigen. In den USA gibt es also exzellente und miserable Gesamtschulen - ein Modell, das wir nicht unbedingt nachmachen wollen.

Finnland wiederum, um das vielfache Pisa-Siegerland auch hier zu strapazieren, bekennt sich explizit zur "Gemeinschaftsschule" als Kern des finnischen Schulsystems, eine Schule, die möglichst viele möglichst weit bringen soll und auf einem egalitären Ansatz beruht. Auch die finnische Schule kann natürlich nicht ohne weiteres von Österreich übernommen werden. Zwei Modelle, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch immer wieder mit so vielen anderen internationalen heterogen organisierten Schulsystemen in einen Topf geworfen werden, vor allem übrigens von den so genannten "Eintopfgegnern".

Expertisen griffbereit

So kommen wir also nicht weiter - kein Wunder, dass vielen schon die Geduld gerissen und das Interesse abhanden gekommen ist, wenn es um Fragen der Zukunft des österreichischen Schulsystems geht. Dabei brauchen wir das Rad nicht neu zu erfinden, wenn es darum geht, wie die österreichische Schule künftig aussehen und wohin sie sich entwickeln müsste. Einschlägige Expertisen liegen auch hierzulande ausreichend vor.

Das reicht vom Papier der so genannten "Zukunftskommission", die noch unter Ministerin Gehrer eingerichtet wurde, bis zu den Ergebnissen der Expertenkommissionen von Unterrichtsministerin Schmied, die in allen wesentlichen Punkten übereinstimmen. All diese Expertisen liegen griffbereit in der Schublade, von Empfehlungen der OECD, der Europäischen Union oder diverser internationaler Organisationen gar nicht zu reden.

Warum also kommt bei uns nichts in Gang, warum treten wir immer wieder auf der Stelle? Warum diskutieren wir mit einer Heftigkeit, die ihresgleichen sucht, über ein Phantom? Weil es um etwas anderes geht.

VP-Trennungslogik ...

Es geht überhaupt nicht darum, ob uns diese "Gesamtschule", die ja nicht mehr als die Fiktion einer Schule ist, in Österreich in das schulische Eldorado führen wird oder in den endgültigen Untergang. Befürworter wie Gegner wissen natürlich sehr genau, worüber sie reden. Es geht vielmehr um die Trennung der Kinder im frühen Alter von zehn Jahren. Die Gegner der sogenannten "Gesamtschule" wollen an dieser unter allen Umständen festhalten, die Befürworter wollen sie abschaffen.

Aktuelles Beispiel: das Bildungsprogramm der ÖVP, das vor einigen Tagen das Licht der Welt erblickt hat. Darin steht durchaus vieles, was internationalen Vorstellungen entspricht, nur eines sicher nicht: die frühe Trennung muss bleiben, die Gymnasien sollen neben den Hauptschulen weiter bestehen.

... wider besseres Wissen

Und hier liegt der Kern des Problems. Es ist empirisch erwiesen, und zwar vielfach, dass eine frühe Trennung der Kinder soziale Benachteiligung nachhaltig fortschreibt und den Zugang zu höherer Bildung für Kinder aus bildungsfernen und benachteiligten Schichten massiv beeinträchtigt. An diesen Erkenntnissen gibt es nichts zu rütteln.

Warum also besteht in Österreich vielfach so großes Interesse daran, diese Trennung beizubehalten, wider besseres Wissen? Warum beharrt die Volkspartei auch in ihrem neuen Bildungsprogramm bei Kenntnis der einschlägigen Studien darauf, diese Trennung beizubehalten? Wie kann sie es als christliche Partei verantworten, bestimmten Kindern den Weg zur höheren Bildung zu erschweren oder unmöglich zu machen? Und wie kann sie es schließlich als Wirtschaftspartei verantworten, auf diese Ressourcen zu verzichten? Kann sich Österreich das überhaupt leisten? Diese Fragen sind zu stellen, dieser Diskurs ist zu führen, aber über die Gesamtschule reden und streiten wir bitte nicht mehr. (Heidi Schrodt, DER STANDARD; Printausgabe, 5.4.2011)

HEIDI SCHRODT, langjährige Direktorin des Gymnasiums Rahlgasse in Wien, ist Vorsitzende der Bildungsinitiative "BildungGrenzenlos" (bildunggrenzenlos.at); wie sich die Autorin die "Schule der Zukunft" im Detail vorstellt, ist in einem Beitrag für die jüngste Ausgabe der Zeitschrift "Phönix" nachzulesen.

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