Rundschau: Weiterwurschteln nach dem Weltuntergang

    30. April 2011, 10:15
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    Romane unter anderem von Alastair Reynolds, Larry Niven & Edward M. Lerner, Daryl Gregory und Michael Marcus Thurner

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    coverfoto: subterranean press

    K. J. Parker: "Blue and Gold"

    Gebundene Ausgabe, 104 Seiten, Subterranean Press 2010.

    Überraschung! Das mit Abstand schlankste Buch dieser Auswahl kommt aus dem Bereich ... Fantasy. Da guckst du. Aber K. J. Parker ist auch nicht gerade als die Klischeetante unter den FantasyautorInnen bekannt; respektive als der Klischeeonkel - trotz einiger Indizien ist ja nicht mal das Geschlecht der Person, die sich hinter dem Pseudonym "K. J. Parker" verbirgt, hundertprozentig gesichert. Was wunderbar zu einem literarischen Werk passt, das sich in seiner Gesamtheit immer wieder um Ambiguitäten und einander widersprechende Versionen "der" Wahrheit dreht. Ganz besonders gut kommt dies in Parkers jüngster Novelle "Blue and Gold" zum Tragen, der vor Witz sprühenden Lebensgeschichte eines ausgemachten Schlawiners. Er selbst stellt sich nach einigen vermeintlich objektiven biografischen Angaben so vor: "I'm Saloninus, by the way. And I tell lies, from time to time. Which goes to prove the old rule; never entirely trust a man who talks about himself in the third person." Jaja.

    Was haben wir da also? Einen echten Universalgelehrten offenbar: Philosoph, Dichter und vor allem Alchemist. In all diesen Disziplinen hat Saloninus seinen Worten nach Akzente gesetzt ... sogar im Banditentum. Denn unglückliche Umstände zwangen einst den Mann, der ein Standardwerk zum Thema Ethik geschrieben haben will, sich eine Zeitlang als Wegelagerer durchzuschlagen. Das aber unter strenger Einhaltung der wissenschaftlichen Sorgfaltspflicht, bitteschön: Erst analysierte Saloninus Gerichtsakten auf die gängigsten Fehler seiner "Berufskollegen", ehe er selbst in die kriminelle Praxis ging. Mit so durchschlagendem Erfolg, dass so manche seiner Missetaten heute noch als Anschauungsmaterial für Polizeischüler dient, jawoll! - Wieviel davon man dem Lügenbold glauben kann, steht natürlich auf einem anderen Blatt. "Blue and Gold" bezieht seinen Reiz nicht zuletzt daraus, dass Saloninus im Verlauf der Erzählung immer wieder zuvor Gesagtes revidiert und in geheuchelter Verschämtheit die Wahrheit eingesteht. Beziehungsweise eine andere "Wahrheit" anbietet, die natürlich genauso erstunken und erlogen sein kann. Vieles bleibt bewusst offen, aber - keine Angst - zu den Dingen, die einer eindeutigen Klärung zugeführt werden, zählt auch der Haupthandlungsstrang.

    Wie schon im vor einiger Zeit vorgestellten "The Company" (hier die Nachlese) befinden wir uns in einer fiktiven, an die Renaissance angelehnten Welt. Am Hof des Stadtfürsten von Paraprosdocia ist Saloninus mit der Aufgabe betraut, unedle Metalle in Gold zu transmutieren. Ein Ding der Unmöglichkeit, wie er weiß - doch ist dies nicht der einzige Grund, warum Saloninus immer wieder höchst kreative Fluchtversuche aus seinem Kerkerlabor unternimmt. Ehe Parker in Rückblenden nach und nach das komplizierte Beziehungsgeflecht der Beteiligten enthüllt, erscheint Saloninus' Fluchtdrang noch unmotiviert. Immerhin lebt er wie die Made im Speck, bekommt von Fürst Phocas - einem alten Kumpel aus Universitätszeiten - jeden Wunsch erfüllt und jede Verfehlung verziehen; selbst den Ehebruch mit der fürstlichen Gemahlin. Doch wie nicht nur Alchemisten wissen: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

    War der Ton in "The Company" noch von zynischer Kälte geprägt, so kommt er in "Blue and Gold" tänzerisch leicht daher. Alleine schon die Einblicke in die Welt der Alchemie, die mit haarsträubenden theoretischen Gespinsten um "Qualitäten" wie lux stellae, fors levis oder cor tenebrae jongliert, in der Praxis aber nach einem simplen - und brandgefährlichen - Trial-and-Error-System funktioniert, sind höchst vergnüglich zu lesen. Der Humor äußert sich dabei weniger in Form knalliger Pointen, von denen man hier eine kleine Auslese zur Beweisführung präsentieren könnte, als im durchgängig augenzwinkernden Erzählton. Doch so sympathisch der von Parker als blendender Unterhalter installierte Saloninus auch erscheint (und bleibt!), er offenbart auch deutlich weniger liebenswerte Züge. Als er entdeckt, dass die Leiche seiner versehentlich(?) vergifteten Ehefrau in einer Honigwanne konserviert wurde, kommentiert er trocken: She was fighting decay and winning, no doubt about that. Das ist nur halb so mitfühlend, wie's geht, möchte man meinen. Und was soll man dann erst davon halten, wenn Saloninus eine öffentliche Verbrennung zum Thema einer alchemischen Lehrstunde macht und in einer begnadeten Kür furioser Pseudowissenschaft schildert, wie sich die vier Grundelemente im menschlichen Körper beim Flammentod verhalten? Zumal sein "Unterrichtsmaterial" die Frau war, von der er kurz zuvor noch behauptet hatte, sie sei die einzige Liebe seines Lebens gewesen ...?

    Man sollte sich also von der Leichtigkeit der ebenso intelligenten wie unterhaltsamen Erzählung nicht täuschen lassen: Der Humor ist vorwiegend schwarz, und in den Rückblenden, die bis zum Ende hin immer wieder mit Twists aufwarten, enthüllt sich noch so einiges an Bösem. Nicht dass Saloninus uns nicht gewarnt hätte ...

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