Rundschau: Weiterwurschteln nach dem Weltuntergang

    30. April 2011, 10:15
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    Romane unter anderem von Alastair Reynolds, Larry Niven & Edward M. Lerner, Daryl Gregory und Michael Marcus Thurner

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    coverfoto: permuted press

    Peter Clines: "Ex-Heroes"

    Broschiert, 274 Seiten, Permuted Press 2010.

    An Zombies habe ich mich mittlerweile reichlich sattgelesen (ganz zu schweigen von sattgesehen) - aber diese Prämisse hat mich doch noch mal hinter dem Ofen hervorgelockt: Zombies vs. Superhelden! Klingt, als wären zwei Erfolgsformeln des Popcorn-Kinos zusammengestoppelt worden, und ganz so weit von der Wahrheit entfernt dürfte das auch nicht sein. Immerhin hat der US-Amerikaner Peter Clines viele Jahre in der Filmindustrie gearbeitet, ehe er zum Autor mutierte. Und was einige Gehversuche im Kurzformat bereits angedeutet haben, bestätigt sich in Clines' erstem Roman: Der Filmfritze macht sich als Erzähler gar nicht schlecht. Die Lektüre von "Ex-Heroes" war jedenfalls ein ausgesprochenes Vergnügen.

    Zur Handlung: Behütet von einem halben Dutzend Superhelden haben sich ein paar tausend Menschen im Paramount-Studiokomplex verschanzt, nachdem die obligatorische Zombie-Epidemie über den Globus gefegt ist (man beachte die Symbolik: Hollywood als letzte Hoffnung der Menschheit!). Gelegentlich schickt man eine Expedition durch den Belagerungsring der torkelnden Toten, um Gebrauchsgüter einzusammeln, schießt und sticht sich durch Seiten voller Blut und Eingeweide und stößt auch auf eine andere Überlebendengruppe, die sich als mindestens so gefährlich wie die exes (so das hier verwendete Zombievermeidungswort) selbst entpuppt. Ekel und Komik reichen sich dabei auf schönste Weise die Hände - etwa wenn in den Außeneinsatzteams Wetten laufen, wer die meisten celebrity kill-Punke einsammelt. Schließlich sind wir in L.A., und da läuft einem in der Menge der Modernden auch so manches bekannte Gesicht über den Weg: "How the fuck did you get Angelina Jolie?" - "I broke her neck. It was pretty straight-forward."

    Kleine Seitenhiebe aufs Film- und Promibiz liegen wie eine Extraglasur über einer Handlung, für die Clines mit großem Geschick alle wesentlichen Strukturelemente sowohl von Zombie- als auch von Superheldengeschichten miteinander kombiniert. Von zentraler Bedeutung ist dabei natürlich die "Origin Story": In einigen Rückblickskapiteln, die so ganz nebenbei auch die Ausbreitung der Epidemie vom ersten Gerücht bis zur globalen Apokalypse schildern, wetteifert Clines mit knapp 80 Jahren Genre-Geschichte darum, wer auf die originellste Weise vom Durchschnittsbürger zum Superhelden befördert wurde. Peter Parkers radioaktiver Spinnenbiss als Messlatte illustriert, dass das nur mit einem gehörigen Schuss Ironie funktionieren kann. Mighty Dragon etwa (bzw. nach Identitätswechsel St. George), eine Art Superman-Pendant mit der Zusatzgabe des Feuerspuckens, erblickte das Licht des Heldentums, nachdem ein strahlender Meteorit ein Chemielabor getroffen hatte. Und Gorgon verdankt seine Gabe, mit seinem Blick anderen Menschen die Lebenskraft auszusaugen, einer Bluttransfusion von "einer grusligen alten Dame aus Griechenland" ... Vier weitere Mitglieder vervollständigen die Liga: Zzzzap, eine Sonne in Menschengestalt. Cerberus, eine Wissenschafterin der aufgefressenen Regierung, die nun in ihrem Mega-Kampfanzug alles plattwalzt, was ihr vor die Füße kommt. Der Regenerator, der einst alle Wunden heilen konnte, seit einem Zombie-Biss aber all seine verbliebene Kraft in seinen toten Arm pumpen muss. Und die geheimnisvolle Stealth, hartgesottenes Mastermind der Kolonie: Superkräfte hat sie eigentlich keine, dafür einen überragenden Intellekt. Weil der jedoch wegen ihrer atemberaubenden Schönheit ein Leben lang verkannt wurde (was helfen einem schon zwei Doktortitel, wenn frau mal als Unterwäschemodel gejobbt hat?), streifte sie frustriert die Superheldinnenmaske über und agiert nun an St. Georges Seite als Batman-Äquivalent.

    Apropos Origin Stories: Den Rückblicken können wir entnehmen, dass auch das Auftreten von Superhelden gewisse epidemische Züge aufwies. Nachdem erst mal der Mighty Dragon - vor gar nicht so langer Zeit - zu sich gefunden hatte, poppten plötzlich überall Superkräfte auf. Das ist jedoch kein Verweis auf einen Handlungstwist, sondern auf die Comic-Geschichte selbst, wo Jerry Siegels und Joe Shusters Superman eine vergleichbare Welle an Nachahmungstätern lostrat. "Ex-Heroes" greift dies in witziger Weise auf: Kaum entdeckt ein Protagonist sein Talent, hat er nichts anderes zu tun, als sich wie von einem mächtigen Instinkt getrieben ein Kostüm zu schneidern. Was hinter der Maskierung steckt und das ganze Spiel mit Doppelidentitäten ist natürlich auch Thema des Romans. Etwa wenn St. George Stealth aus der Reserve (soll heißen: unter der Maske hervor und am besten ganz aus der Wäsche) locken will. Oder wenn die Tochter koreanischer Immigranten mit Super-Karate auf Verbrecherjagd geht und ihre Eltern gar nicht wissen, worüber sie mehr entsetzt sein sollen: Dass die Medien sie für einen jungen Mann halten - "My beautiful girl!" - oder dass sie sich Banzai nennt ... hat Opa doch im Krieg gegen die Japaner gekämpft.

    Man merkt schon: Der Ton der Erzählung ist leicht. Clines' Superhelden mögen desillusioniert sein, weil sie die globale Katastrophe nicht verhindern konnten - von einem Zynismus à la "Watchmen" ist man dennoch weit entfernt. Hier ist glasklar, wer die Guten sind; lediglich über die Vorgehensweise herrschen zwischen St. Georges kompromisslosem Schwarz-Weiß-Weltbild und dem skrupellosen Pragmatismus von Stealth (einmal mehr ein Anklang an die unterschiedliche Tönung von Superman- und Batman-Geschichten) bisweilen Differenzen. Richtig zynisch wird's allerdings, wenn unverwundbare Erscheinungen wie St. George oder Cerberus schädelknackend und körperzermatschend durch die Menge der Untoten spazieren. In den Worten Banzais: I have to admit, it's a little creepy when their necks snap. (...) Swing. Launch. Bounce. Flip kick. Snap.

    So mancher mag sich jetzt vielleicht die Frage stellen: Aber wo zum Teufel stecken eigentlich die Superschurken? Zombies und Straßengangs sind doch kein adäquates Feindbild in einem Genre, das wesentlich auf persönlichen Vendettas als Handlungsgerüst aufbaut? Aber keine Angst, Clines hat auch darauf nicht vergessen und lässt seinen Roman in einen bombastischen finalen Showdown voller Duelle, Oneliners und imaginärer Heldenmusik münden. Eins zu eins verfilmbar - vielleicht besorgt er das ja dann gleich selbst. - Mit Michael Chabons "Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay" und Daryl Gregorys "Pandemonium" erschienen in jüngerer Zeit zwei Romane, die für ihre Auseinandersetzung mit dem Goldenen Zeitalter der Superhelden-Comics - zu Recht! - viel gelobt wurden. Aber auf seine trashige, beuschelreißende Weise macht Peter Clines das nicht weniger intelligent.

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