Rundschau: Weiterwurschteln nach dem Weltuntergang

    30. April 2011, 10:15
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    Romane unter anderem von Alastair Reynolds, Larry Niven & Edward M. Lerner, Daryl Gregory und Michael Marcus Thurner

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    coverfoto: del rey

    Daryl Gregory: "The Devil's Alphabet"

    Broschiert, 389 Seiten, Del Rey 2009.

    A, B, C ... in Daryl Gregorys "teuflischem Alphabet" stehen diese Buchstaben für Argos, Betas und Charlies, drei neue Varianten des Homo sapiens. Was uns zu drei weiteren zentralen Buchstaben bringt: TDS für Transcription Divergence Syndrome, jenes singuläre Ereignis ungeklärter Ursache, das vor 14 Jahren in Switchcreek, Tennessee, ein Viertel der Bevölkerung getötet, einige wenige Menschen unberührt gelassen und den großen Rest in eine der drei neuen Formen verwandelt hat. Die Namensgebung selbst ist schon der erste Witz Gregorys: Für die anfängliche Welle der Betroffenen, die sich nach und nach in drei Meter große Bohnenstangen mit grauer Haut verwandelten, ersann man noch einen wissenschaftlich klingenden Begriff wie argillaceous osteo...-dingsbums, was schließlich zu "Argos" verkürzt wurde. Als kurz darauf Erkrankte aber zu haarlosen knallrothäutigen Wesen mutierten, sprach man von der "Beta"-Welle der Epidemie ... um schließlich für den dritten Kreis an Betroffenen - die vor Fett- und Muskelmassen eine nahezu quadratische Form annahmen - nonchalant aufs Flieger-Alphabet zurückzugreifen.

    Plötzlich auftretende massenhafte Verwandlung von Menschen - am besten in einem Kaff, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen - ist ein beliebter Plot in der Phantastik. Gregory variiert ihn, indem er das unerhörte Ereignis zu den Akten gelegt hat: Man hat sich an die neue Bevölkerung von Switchcreek gewöhnt, die Weltöffentlichkeit hat (fürs erste zumindest) das Interesse verloren; gelegentlich kommen noch TouristInnen. Und auch ein ehemaliger Einwohner: Paxton Abel Martin, einer der wenigen, die von TDS unberührt blieben, und der noch als Teenager Switchcreek verließ. Die Rückkehr eines Erwachsenen ins heimatliche Städtchen ist noch so ein klassischer Topos, auffällig dabei die Parallelen zwischen Paxton und Del, dem Protagonisten von Daryl Gregorys überragendem Debütroman "Pandemonium" (hier die Nachlese). Auch Paxton ist Ende 20, hat es weder zu einer beruflichen Karriere noch zu einer Beziehung gebracht und fühlt, dass etwas in ihm steckt, das ihn anderen Menschen entfremdet. Die Aufklärung der Geheimnisse von Switchcreek spiegelt daher letztlich den Versuch wider, sein ureigenstes Mysterium zu ergründen.

    Und Geheimnisse gibt es in Switchcreek jede Menge: Zum Beispiel warum Paxtons Kindheitsfreundin Jo Lynn Selbstmord begangen hat ... falls es denn wirklich Selbstmord war. Im Zuge der Nachforschungen enthüllt sich Paxton allmählich ein überraschend komplexes - und streckenweise bizarres - Beziehungsgeflecht zwischen den vier verschiedenen Bevölkerungsteilen Switchcreeks. Die Annäherung daran erfolgt mit Witz, doch der Gregory-typisch lockere Erzählton ist pure Taktik, um Paxton respektive uns ganz easy an neue Phänomene heranzuführen: Da wird ein Beta als a bodybuilder who'd been eating other bodybuilders beschrieben, oder Bürgermeisterin "Aunt" Rhonda, ebenfalls Beta, über den Satz: She looked like the Man in the Moon in drag. Soweit die Oberfläche, doch gerade in Rhonda zeigt sich Gregorys Gabe der hervorragenden Charakterisierung. Alleine über ihre Art zu sprechen erschließt sich uns eine Figur, hinter deren jovialer Fassade eine Eiserne Lady aufblitzt. Rhonda - eine Schlüsselfigur zu den Geheimnissen von Switchcreek - ist fraglos diejenige, die alles zusammenhält; Berechnung und ein gewisses Maß an Skrupellosigkeit muss man ihr deshalb nolens volens zugestehen. Doch wofür setzt sie ihre Macht ein? Hat sie Leichen im Keller oder ist sie letztlich doch die Wohltäterin ihrer Stadt? Und wenn ja, warum lebt sie dann in einem befestigten Anwesen wie eine Drogenbaronin?

    ... damit in Zusammenhang steht eines der irritierendsten Elemente von "The Devil's Alphabet": Ältere Charlie-Männer schwitzen eine vintage genannte Substanz aus, die überaus eigentümliche Auswirkungen auf andere haben kann. Paxton ist dafür besonders empfänglich, und wenn ihn die Absonderungen seines Vaters in einen empathischen Rausch treiben, dann ist das die wohl schrägste Variante des Motivs "rührseliges Wiedersehen von Vater und verlorenem Sohn", die man in den letzten Jahrzehnten gelesen hat. In seinen Bedeutungen kaum aufzuschlüsseln, das - und entsprechend genial. Andere Topoi wie etwa "rassische" Diskriminierung oder Political Correctness erhalten durch den Romankontext zwar ebenfalls eine spezielle Note, wirken aber deutlich weniger befremdlich. He felt like he was overdosing on strangeness, heißt es bezeichnenderweise an einer Stelle. Die schwüle Südstaaten-Atmosphäre, von Gregory in wunderbarer Weise geschildert, bildet den idealen Rahmen für die Erzählung und zugleich den größten denkbaren Kontrast zu dem Nicht-Leben, das Paxton im Chicagoer Exil geführt hat. Hier in Switchcreek wuchert nicht nur allenthalben die Natur, hier kann man auch seinen Mitmenschen nicht entrinnen - etwa wenn Paxton im Drogenentzug dahindämmert und von hilfreichen Nachbarinnen heimgesucht wird: The women enforced a no-fly zone of southern politeness: Every unpleasant thing was known, or if not known then assumed, and therefore beneath comment. ... A-men, the ladies said, and then they were gone in a wash of perfume and hairspray.

    Es fällt ein entscheidender Satz, wenn Paxton sich seine materialistische Grundeinstellung in Erinnerung ruft: "Wir leben nicht in unseren Körpern, wir sind unsere Körper." Denn die körperlichen Veränderungen haben geistige nach sich gezogen, nicht umsonst bezeichnen sich die Gruppen als Kladen, ein Begriff, der aus der biologischen Systematik stammt. Die Argos wirken auf den ersten Blick wie furchterregende Riesen; auf den zweiten wie ein Ausbund an Gemütlichkeit; auf den dritten jedoch wie potenzielle Raubtiere, die sich nur durch ein hohes Maß an Selbstkontrolle im Griff haben. Die Betas hingegen erscheinen Außenstehenden deshalb wie Klone, weil sie sich durch Parthenogenese vermehren - und Vermehrung ist ihr einziger Lebensinhalt. Längst ist die Entfremdung zwischen Veränderten und "Normalen" eine beiderseitige Angelegenheit. Das kann komische Aspekte beinhalten - etwa wenn Paxtons alter Freund Deke, zum Argo geworden, zur monatlichen Fruchtbarkeitsuntersuchung Nacktfotos seiner Argo-Frau in die Arztpraxis einschmuggelt, weil er mit den rosa Gnominnen, die ihm die dort ausgelegten "Playboy"-Hefte anbieten, nichts mehr anfangen kann. Andere Aspekte - zum Beispiel die faschistoiden Tendenzen der Beta-Mädchen - sind da schon deutlich ungemütlicher. Und Bürgermeisterin Rhonda weiß: Was auch immer TDS ausgelöst hat - als Folge könnte sich eine Konkurrenzsituation mit globalen Implikationen anbahnen.

    Dass sich in Sachen TDS zwar ein Favorit unter den all den medizinischen, quantenphysikalischen und religiösen Erklärungsversuchen herausschält, dies aber nicht letztgültig ausgearbeitet wird, ist schade. Der Grund dafür, dass der Jubel nach dem Erscheinen von Gregorys zweitem Roman ein bisschen verhaltener ausfiel als nach seinem Debüt, dürfte aber eher dem unvergesslichen Eindruck geschuldet sein, den "Pandemonium" hinterlassen hat. Gregorys Erstling war ein geniales Puzzlespiel - "The Devil's Alphabet" ist zwar von der Konstruktion her ähnlich, doch deutlich subtiler angelegt; und das popkulturelle Verweisgewitter von "Pandemonium" fehlt hier ganz. Aber muss ja auch nicht sein: "The Devil's Alphabet" ist auch so ein atmosphärisch dichter und vergnüglich zu lesender Roman voller überraschender Wendungen und genauer Beobachtungen eines Autors, den man auf jeden Fall im Auge behalten sollte.

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