Wie Istanbul dem Mega-Beben trotzen will

3. April 2011, 19:16
25 Postings

Experten rechnen bis zum Jahr 2030 mit schweren Erschütterungen und Tsunami

Der Mörtel macht's. Er hat bisher schwere Schäden bei der Hagia Sophia verhindert und wird auch beim nächsten großen Erdbeben in Istanbul den Kolossalbau aus der Spätantike retten. Das ist eine der vielen Annahmen der Wissenschafter über die Katastrophe, die auf die Stadt am Bosporus mit ihren vielleicht 17 Millionen Einwohnern hereinbrechen wird. "Dieses Beben wird kommen, wir wissen nur nicht, wann", sagt Ahmet Mete Isikara, der seit mehr als zehn Jahren versucht, die Istanbuler auf das Mega-Beben vorzubereiten.

Jeden Tag wackelt in einem Dutzend Orten in der Türkei die Erde. Es sind Erschütterungen von geringer Stärke, aber durchaus spürbar. 2,3 bis 3,5 werden in der Regel auf der Richterskala gemessen. 1999 aber waren es 7, 4. Das Epizentrum lag in der Stadt Izmit am Ostrand des Marmarameers, 90 Kilometer entfernt von Istanbul. 17.000 Menschen kamen damals ums Leben, in Istanbul stürzten tausende Häuser ein.

Seither leitet Isikara, ein früherer Direktor der Erdbebenwarte in Istanbul, eine Aufklärungskampagne im Auftrag der Regierung. 70 Prozent der Schulen in der Großstadt zwischen Europa und Asien seien mittlerweile erdbebensicher gemacht, sagt der bekannteste Seismologe des Landes, Mängel beim Schutz medizinischer Geräte in den Krankenhäusern müssten noch behoben werden; die Gebäude selbst seien nun sicher. Besonders bei der Erdbebenkatastrophe in der chinesischen Provinz Sichuan 2008 waren schlecht gebaute Schulen zur tödlichen Falle geworden.

Schwierige Kontrolle

Die Kontrolle privater Wohnhäuser in Istanbul auf ihre Erdbebensicherheit gestaltet sich weit schwieriger. Wer auf der asiatischen Seite Istanbuls ein Taxi zum Flughafen Sabiha Gökcen am Stadtrand nimmt, fährt durch ein Meer neu errichteter Hochhäuser mit 15 oder 18 Stockwerken. Dass sie einem 45 Sekunden langen schweren Beben standhalten, ist schwer zu glauben. 80.000 Gebäude könnten im Katastrophenfall in Istanbul einstürzen, schätzen Wissenschafter, 30.000 Menschen würden sterben.

Die Experten sind gleichwohl geteilter Ansicht über Größe und Auswirkungen des Bebens. Für Oguz Gündogdu, einen Geophysiker von der Universität Istanbul, bliebe kein Stein auf dem anderen. Die Seismologen vom Kandilli-Observatorium halten ein Beben der Stärke um 7,3 für wahrscheinlich. "Meine Schätzung für Istanbul ist 6,5 bis 7", sagt dagegen Isikara. Für die zwei Brücken über den Bosporus sei das "kein Problem". Auch der begonnene Tunnel unter dem Marmarameer und ein zweiter geplanter unter dem Bosporus sind wegen der Erdbebengefahr biegsam geplant.

Wissenschafter aus Japan und von der Technischen Universität des Mittleren Ostens in Ankara berechneten den Tsunami im Marmarameer: Maximal 5,56 Meter hoch seien die Wellen, die auf die flachen Buchten Istanbuls und über die Uferstraßen rollen würden; nur ein bis zwei Meter könnten es am Goldenen Horn sein.

Nordanatolische Verwerfung

Ein Beben von so außerordentlicher Schwere wie in Japan sei in der Türkei jedoch unwahrscheinlich, erklärt Isikara. Die Nordanatolische Verwerfung bringe keine solchen Beben hervor. Die knapp 1000 Kilometer lange geologische Linie zieht sich von der Nordtürkei entlang des Schwarzen Meeres über das Marmarameer bis nach Griechenland. 20 Kilometer südlich von Istanbul baut sich im Erdinneren die Spannung auf. Für die Wahrscheinlichkeit des Mega-Bebens gibt es auch eine Zahl: 67 Prozent bis zum Jahr 2030. (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, Printausgabe, 4.4.2011)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Sultan-Ahmed-Moschee im ruhigen Sonnenuntergang. Laut Forschern stehen Istanbul weniger beschauliche Zeiten bevor.

Share if you care.