"Es gab keine andere Wahl"

2. April 2011, 16:17
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Bierbecher traf Linienrichter im Spiel gegen Schalke in der 89. Minute beim Stand von 0:2 - Trainer Stanislawski: "So etwas geht gar nicht

Hamburg - Aufregung um einen geworfenen Bierbecher hat den gelungenen Einstand von Trainer Ralf Rangnick bei Schalke 04 begleitet. 90 Sekunden vor Schluss der Partie zwischen dem FC St. Pauli und Schalke 04 hat Schiedsrichter Denis Aytekin das Spiel am Freitagabend beim Stande von 2:0 (1:0) für die Gäste abgebrochen. Sein Assistent war von einem vollen Bierbecher im Genick getroffen worden. Zu diesem Zeitpunkt war die Partie eigentlich schon gegen die Hamburger entschieden, denen jetzt noch empfindliche Strafen durch den Deutschen Fußball-Bund (DFB) drohen dürften.

Der Becher war von einem Zuschauer auf der Haupttribüne geworfen worden, der Verdächtige bestreitet den Wurf und wurde am Samstag wieder auf freien Fuß gesetzt. "Es gab überhaupt keinen Spielraum. Wir mussten das Spiel abbrechen, es gab keine andere Wahl", betonte Schiedsrichter Aytekin, dessen Assistenten auch schon zuvor mit Münzen und Feuerzeugen beworfen worden waren.  Die Vereinsverantwortlichen der Hamburger entschuldigten sich für den Vorfall. "Das ist ein schwerer Tag für den FC St. Pauli", sagte Sportdirektor Helmut Schulte. Und Coach Holger Stanislawski meinte: "So etwas geht gar nicht, da gibt es null Toleranz. Der soll sich das Ding von mir aus selbst an den Kopf werfen. Ich kann mich nur bei dem Linienrichter entschuldigen."

Den Hamburgern droht nun eine hohe Geldstrafe oder gar ein Heimspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der DFB-Kontrollausschuss wird zu Wochenbeginn seine Ermittlungen aufnehmen. "Über die Spielwertung entscheidet laut Statuten das Sportgericht des DFB. Eine Entscheidung wird zeitnah fallen", sagte DFB-Mediendirektor Ralf Köttker. Ein Wiederholungsspiel kommt nicht in Frage.

Sportlich alles klar

Auf dem Spielfeld hatten bis dahin der zwölfte Saisontreffer von Raúl (26.) und ein Abstaubertor von Julian Draxler (66.) haben Ralf Rangnick einen erfolgreichen Einstand bei seiner Rückkehr auf die Trainerbank von Schalke 04 beschert. Während die Gäste mit einem Sieg, der auch am Grünen Tisch bestätigt werden dürfte, eine Serie von drei Auswärtsniederlagen hintereinander beendeten, bleiben die Hamburger nach der sechsten Niederlage in Folge im Tabellenkeller (Platz 16). Neben den Punkten verloren sie auch noch Jan-Philipp Kalla (68.) durch eine Gelb-Rote sowie Fin Bartels (78.) durch eine Rote Karte.

Nach einer präzisen Ecke von Jefferson Farfan war Raúl per Kopfball erfolgreich, Draxler nutzte eine Verwirrung in der Deckung. Die Treffer waren gleichbedeutend mit der sechsten Niederlage für die Hamburger in Folge, der Tabellen-16. könnte schon am Sonntag auf den direkten Abstiegsplatz 17 abrutschen. Die "Königsblauen" hingegen können den Kampf um den Klassenerhalt endgültig als erledigt abhaken, sie festigten Rang zehn.

Stürmische Schalker

Vier Tage vor dem Champions-League-Spiel beim Titelverteidiger Inter Mailand starteten die Gäste vor 24.487 Zuschauern im ausverkauften Millerntorstadion mit überfallartigen Angriffen, ohne jedoch zum erhofften schnellen Torerfolg zu kommen. Die technisch unterlegenen Hamburger wehrten sich zunächst mit Erfolg, hatten aber in der zehnten Minute Glück, dass Alexander Baumjohann bei einem Schuss von der Strafraumgrenze das Tor nur knapp verfehlte.

Beide Trainer hatten die Länderspielpause genutzt, um ihre Teams personell neu zu sortieren. St. Paulis Coach Holger Stanislawski, schwer gebeutelt von verletzungsbedingten Problemen in der Defensive, setzte wie schon beim 1:0-Triumph im Lokalderby auf Ersatztorhüter Benedikt Pliquett. Auch sein Gegenüber Rangnick krempelte seine neue Mannschaft taktisch um und stellte den ins Abseits geratenen Baumjohann in die Startformation.

Pliquett stand erwartungsgemäß mehrfach im Brennpunkt und konnte sich besonders bei einem gefährlichen Schrägschuss von Edu (25.) auszeichnen. Nur 60 Sekunden später war er allerdings beim ersten Gegentor machtlos. Auch in der Schlussphase der ersten Halbzeit hatten die Gäste die Partie weitgehend im Griff, zu berechenbar wirkten die zumeist zögerlichen Aktionen der Hanseaten. Lediglich ein Fernschuss von Bartels (35.) sorgte einmal für Gefahr.

Nach dem Seitenwechsel bäumten sich die Hamburger noch einmal auf, entwickelten Druck, ohne jedoch klare Torgelegenheiten herausarbeiten zu können. Wirklich schwere Aufgaben hatte Nationaltorhüter Manuel Neuer nicht zu meistern. Endgültig entschieden war die Partie nach der Ampelkarte für Verteidiger Kalla, vier Minuten zuvor war überdies ein Tor der Braun-Weißen wegen einer Abseitsposition nicht anerkannt worden. Bartels sah Rot nach einem rüden Foul gegen Farfan. Stanislawski, der den Klub wohl im Sommer verlassen dürfte, hatte angesichts der schwierigen Lage auch kaum mehr als Durchhalteparolen zu bieten: "Wir kämpfen weiter und werden nicht auf die Idee kommen, die Punkte einfach so zum DFB zu faxen." (sid/red)

Bisherige Spielabbrüche in der deutschen Bundesliga:

7. Dezember 1963: Hamburger SV - Borussia Dortmund

Grund: Nebel; Spielstand nach 61 Minuten 1:2, Wiederholungsspiel 2:1

2. Dezember 1967: VfB Stuttgart - Borussia Neunkirchen

Grund: Nebel; Spielstand nach 54 Minuten 0:0, Wiederholungsspiel 2:1

3. April 1971: Borussia Mönchengladbach - Werder Bremen

Grund: Bruch des Torpfostens; Spielstand nach 88 Minuten 1:1, Wertung 0:2

31. Oktober 1972: Eintracht Braunschweig - Eintracht Frankfurt

Grund: Nebel; Spielstand nach 45 Minuten 3:0, Wiederholungsspiel 2:1

27. November 1976: 1. FC Kaiserslautern - Fortuna Düsseldorf

Grund: Flaschenwürfe der Zuschauer; Spielstand nach 76 Minuten 0:1, Wertung 0:2

11. April 2008: 1. FC Nürnberg - VfL Wolfsburg

Grund: widrige Platzverhältnisse nach Dauerregen, Spielstand zur Halbzeit 1:0, Wiederholungsspiel 1:0

1. April 2011: FC St. Pauli - Schalke 04

Grund: Schiedsrichter-Assistent Thorsten Schiffner wird von einem vollen Bierbecher am Kopf getroffen, Spielstand beim Abbruch 0:2

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der gebecherte Schiedsrichter-Assistent Thorsten Schiffner verlässt nach dem Abbruch schirmgeschützt den Platz.

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